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Samuel D. Kassow: Ringelblums Vermächtnis

© picture-alliance/Judaica-Sammlung Richter

Als die Originalausgabe von Ringelblums Vermächtnis 2007 unter dem Titel Who Will Write Our History erschien, schrieb das US-amerikanische Politikmagazin The New Republic: «Das wichtigste Buch über Geschichte, das man jemals lesen kann.» Samuel D. Kassow, Professor für osteuropäische Geschichte am Trinity College in Hartford, Connecticut, hat in seiner mehr als 700 Seiten umfassenden Studie eine Geschichte nachgezeichnet, die 1941 im Warschauer Ghetto begann. Eine Gruppe Freiwilliger um den jüdischen Historiker Emanuel Ringelblum baute unter Lebensgefahr das Untergrundarchiv Oyneg Shabes («Freude des Schabbaths») auf. Es war ein heroischer Akt, der nicht weniger Mut und Konsequenz erforderte als der bewaffnete Aufstand im Mai 1943.

Wenige Tage vor dem Beginn der sogenannten Großen Aussiedlung in das Vernichtungslager Treblinka im Juli wurde das Archiv an einem geheimen Ort im Ghetto vergraben. Am 18. September 1946 entdeckten Suchtrupps unter dem Trümmerschutt des Hauses Nowolipki-Straße 68 Teile des Archivs, verborgen in zehn Metallkisten und mehreren Milchkannen: Tagebücher, Aufsätze, Gedichte, Erzählungen, Verordnungen, statistische Erhebungen, rund 35.000 Blatt – Dokumente des Lebens und Sterbens im Warschau dieser Jahre.

Vergraben, nicht vergessen

Nur drei von Ringelblums rund 50 Mitstreitern überlebten das Grauen im Ghetto, wo zeitweise um die 400.000 Menschen zusammengepfercht waren: die Journalistin und Schriftstellerin Rachel Aurbach, außerdem Hersh Wasser, Sekretär des Archivs, und seine Frau Bluna. Ihren Hinweisen verdankt sich die Auffindung des wertvollen Schatzes. «Falls keiner von uns überlebt, soll wenigstens das bleiben» - dass ihr Archiv niemals entdeckt werden würde, war Ringelblums größte Furcht. Nur wenige wussten, wo die Zehntausende Seiten vergraben wurden: Israel Lichtenstein und zwei Helfer, David Graber und Nahum Grzywacs. Sie sorgten dafür, dass der Dokumentenschatz im Keller des Hauses Nowolipki 68 in die Erde versenkt wurde, wo vor dem Krieg die Ber-Borochov-Schule, eine säkulare jüdische Grundschule, untergebracht war.

Eine der dort gefundenen Kisten enthielt den letzten Willen der Retter des Oyneg-Shabes-Archivs, ihr politisches Testament: «Was wir nicht in die Welt hinausrufen und -schreien konnten, haben wir im Boden vergaben … Nur zu gerne würde ich den Augenblick erleben, in dem der große Schatz ausgegraben wird und der Welt die Wahrheit ins Gesicht schreit. Damit die Welt alles erfährt … Wir können jetzt in Frieden sterben. Wir haben unseren Auftrag erfüllt. Möge die Geschichte für uns zeugen.» (David Graber) – «Ich weiß nicht, was mit mir geschehen wird. Vergesst nicht, mein Name ist Nahum Grzywacs.» – «Ich möchte, dass man sich an meine Frau erinnert, Gele Sekstein. (…) Ich möchte, dass man sich an meine kleine Tochter erinnert. Margalit ist heute 20 Monate alt. Sie beherrscht die jiddische Sprache vollkommen und spricht sie perfekt … Mein eigenes Leben oder das meiner Frau beklage ich nicht. Ich bedaure nur dieses kleine, nette und begabte Mädchen. Auch sie verdient es, in Erinnerung zu bleiben.» (Israel Lichtenstein)

Sie alle erlitten ein kollektives Schicksal – und verspürten doch den brennenden Wunsch, als Individuen, als Menschen mit ganz eigenem Schicksal in Erinnerung behalten zu werden. Gustawa Jarecka hatte Arbeit beim Judenrat gefunden; für das Oyneg-Shabes-Archiv kopierte sie viele von dessen Dokumenten. Sie ist die Autorin des Textes mit dem Titel «Die letzte Etappe der Umsiedlung ist der Tod», dort stehen diese Sätze: «Der Bericht muss wie ein Keil unter das Rad der Geschichte geklemmt werden, um es zum Stehen zu bringen … Man kann alle Hoffnungen verlieren außer der einen – dass das Leid und die Verheerungen dieses Krieges einen Sinn ergeben werden, wenn man aus einer fernen, geschichtlichen Warte darauf zurückblickt.» Gustawa Jarecka wurde mit ihren beiden Kindern im Januar 1943 nach Treblinka deportiert.

Autoreninfo

Samuel D. Kassow, geb. 1946, ist Professor für osteuropäische Geschichte am Trinity College, Hartford, Connecticut. Er lehrt Russische und Jüdische...
«Wir hinterlegen das Beweismaterial für das Verbrechen»

Es gab eine ganze Reihe dieser Untergrund-Archive in den von den Deutschen besetzten Gebieten während des Krieges; das Oyneg Shabes im Warschauer Ghetto war aber das mit Abstand größte. Das hatte vor allem mit Emanuel Ringelblum zu tun. Als überzeugter Kommunist und Anhänger der radikalen marxistischen Linken Poalei Zion (LPZ) wie als Historiker in der Tradition von Simon Dubnow und Isaac Schiper war er von einem linken säkularen Kulturverständnis geprägt, die, wie Kassow schreibt, «im Studium der jüdischen Geschichte und der jiddischen Literatur die Bausteine einer neuen jüdischen Identität sah und die einen Nationalstolz bekräftigte, den sie ausdrücklich auch in die Welt tragen wollte. Ringelblum war fest davon überzeugt, dass die Geschichte des jüdischen Leidens, so schrecklich sie sein mochte, eine universelle und nicht bloß eine jüdische Geschichte war. Das Böse, so unfassbar es auch sein mochte, durfte nicht als etwas Singuläres außerhalb der Menschheitsgeschichte platziert werden.»

Samuel D. Kassow hat das Leben des Emanuel Ringelblum, der seine prägenden Jahre in Galizien verbracht hatte, akribisch rekonstruiert: ein Schicksal inmitten des Exzesses einer fortgesetzten Demütigung und Entrechtung, des Einkerkerns und Aushungerns, die in der Auslöschung des osteuropäischen Judentums in den deutschen Konzentrationslagern kulminierte.

Das Vermächtnis des Oyneg-Shabes-Archivs

Am Ende, angesichts der fürchterlichen Zerrstörungen um ihn herum, war Ringelblum selbst nicht mehr in der Lage, seine eigene Chronik weiterzuführen. Die notierten Eindrücke werden immer zerrissener, inkohärenter, geprägt von der Angst um seine Familie und das Erschrecken über den Zerfall seiner Welt. «Leute melden sich vor Hunger (zur Deportation).» - «Das Furchtbarste ist der Anblick der frierenden Kinder. Heute Abend hörte ich das Wimmern eines kleinen Wichts von vier oder fünf Jahren. Wahrscheinlich wird man morgen früh seinen Leichnam finden.»

Ringelblum selbst hatte sich mit seiner Familie in den nichtjüdischen Teil Warschaus flüchten können. Seine letrzten Lebensmonate verbrachte er mit rund 40 anderen, zusammengepfercht in einem sieben mal fünf Meter großen Keller eines Gewächshauses. Im März 1944 flog das Versteck durch Verrat auf; Ringelblum wurde gefoltert und dann mit seiner Familie und den anderen Aufgespürten erschossen.

Samuel D. Kassow Rowohlt 752 S.
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