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Ryan Knighton: Augenzeuge

© Robert Sherrin (Autorenfoto)

«Ich verlor mein Augenlicht schleichend über fünfzehn Jahre hinweg. Wie gesagt, langsam. Ich bin von Natur aus langsam. (…) Ich musste mich von vielen Dingen verabschieden, musste loslassen: vom Autofahren, dem Anblick meines eigenen Gesichts, von Anmut, Adlerblick, ausländischen Filmen, von Fenstern. Von Rot, Braun, Beige (wobei Beige nun wirklich kein Verlust ist) und, was mir am schwersten fiel, von meinem früheren Ich. Ein Typ, der sehen kann und den ich als Ryan kannte. Den habe ich seit Jahren nicht mehr gesehen.»

Reise in die Dunkelheit

Augenzeuge ist die Geschichte der langsamen Erblindung des 1972 geborenen Kanadiers Ryan Knighton. Aufgewachsen in Langley, British Columbia, machte sein Onkel Brad die Familie zum ersten Mal darauf aufmerksam, dass mit Ryans Auge etwas nicht stimmte («Silberblick»). Der Augenarzt wiegelte ab: Kein Problem, das wächst sich aus. Die alarmierenden Symptome häuften sich, aber noch nahm sie niemand ernst – als er etwa in den Ferien einen Job als Gabelstaplerfahrer hatte und einen Kollegen beinahe über den Haufen fuhr oder sich die Beinahe-Crashs im elterlichen Pontiac langsam, aber sicher häuften.

Den Befund Retinitis Pigmentosa erhielt er pünktlich an seinem 18. Geburtstag. Komplizierter Begriff, simpler Tatbestand: sukzessives Absterben der Photorezeptoren bis zur völligen Blindheit, eine unheilbare Augenkrankheit. «Aufgrund einer angeborenen Gen-Mutation vernarbte meine Netzhaut zusehends und zerstörte sich nach und nach selbst. In meinem Blickfeld entstanden immer mehr kleine Löcher, die sich bald wie ein Wassertropfen auf einem Löschblatt ausbreiten und schließlich zusammenziehen sollten.»

Allzu erschrocken war er nicht, als er den Befund mitgeteilt bekam. Irgendwann, dachte er, würde er damit ein Problem haben, irgendwann später. Und dieses «irgendwann» kam auch. Und doch … Ryan Knighton ist keiner, der in Selbstmitleid badet. So erschreckend der Weg ins völlige Dunkel auch ist – er liefert auch die skurrilsten Episoden. In seiner Studentenzeit in Vancouver hätte er sich eher die Hand abgehackt, als sich als Fast-Blinden zu outen; stattdessen war er Stammgast in den angesagtesten Clubs der Stadt, wo er des Nachts, wenn bekanntlich alle Katzen grau sind, als wüster Slamdancer auffiel. Und immer wieder diese schrägen, bizarren Momente, über die er selbst lachen musste: «Anfangs fing ich Streit mit leeren Barhockern an, unterhielt mich mit Pfeilern, schickte Bedienungen auf die Bretter, schmiss Rausschmeißer raus, pinkelte zwischen die Pissoirs, trank die Biere anderer Leute und baggerte Schatten an. Aber selbst als ich regelmäßig Treppen hinunterfiel und von Bühnen herabdonnerte, dachte ich keine Sekunde daran, mir vielleicht einen weißen Blindenstock zuzulegen. Blödsinn, dachte ich. So nachtblind bin ich nun auch wieder nicht. Nur betrunken.»

Autoreninfo

Ryan Knighton, Jahrgang 1972, gilt als eines der grössten Autorentalente in Nordamerika. Er lehrt zeitgenössische Literatur und Creative Writing an...
mehr über den Autor
Mit Tess und Tracy aus dem Dunkel ins Licht

Nach dem Abschluss des Studiums der englischen Literatur 1995 arbeitete Ryan Knighton als Englischlehrer in Korea und machte seinen Master; derzeit unterrichtet der Sechsunddreißigjährige an der Capilano University in Vancouver und arbeitet an einem Reiseführer für Sehbehinderte. Seit sechs Jahren ist Ryan Knighton mit Tracy Rada verheiratet; ihre Tochter Tess ist heute zwei Jahre alt. Wenn ist etwas wirklich wehmütig stimmt, dann die Tatsache, dass die Erinnerung an Tracys Gesicht, an ihren Gang immer mehr verblasst. «Es ist, als würde ich ständig neue, erfundene Bilder von ihr auf die echten von früher legen …»

Dass Knightons Autobiographie in Kanada und den USA, in England, China und Taiwan zu einem grandiosen Bestsellererfolg avancierte, hat mit dem besonderen Ton des Buches zu tun: schnörkellos, aber nie verharmlosend; selbstironisch, aber nie zynisch; respektlos, mitunter verwegen – aber nie larmoyant. Es verwundert nicht, dass Hollywood sich für seine Lebensgeschichte interessierte; an Robert Redfords Sundance Filminstitut hat Knighton kürzlich dem Drehbuch einen letzten Schliff verpasst.

«Für mich ist die Gewissheit merkwürdig, dass ich lebe, älter werde, aber am Ende mein Gesicht nicht sehen werde», schreibt Ryan Knighton im letzten Kapitel seines Buches. «Die meisten von uns fürchten sich davor. Wir finden den Gedanken schrecklich, dass uns eines Tages unser altes Ich aus dem Spiegel entgegenschaut. Ich dagegen weiß nicht, wie ich damit umgehen soll, dass ich nie mein altes Ich sehen werde. Ich habe mich niemals altern gesehen und werde es auch niemals können.»

Längst registriert er nicht mehr, wenn Leute sich mit dem üblichen «See you» verabschieden, von ihm, der mit einem Restsehvermögen von einem Prozent auf einem Auge durchs Leben geht (und manchmal fällt). «Ohne Humor übersteht man das nicht. Die Welt ist so auf visuelle Reize programmiert, dass sie sich am besten mit ein bisschen Satire ertragen lässt.»