Die Bestellung unserer E-Books ist momentan aus technischen Gründen nicht möglich.

Artikelempfehlung versenden

E-Mail-Adresse des Empfängers*

Wenn Sie mit der Empfehlung dieses Titels eine Nachricht an den Empfänger versenden wollen, tragen Sie den Text bitte hier ein:

Ihre eigene E-Mail-Adresse*

(* = Pflichtfelder)

Ryan Boudinot: Sperm & Egg

© Adam Golabek - fotolia.com; Privat (Autorenfoto)

Es ist der bizarre Auftakt einer Liebesgeschichte zwischen zwei Jugendlichen, Cedar und Kat: «In der achten Klasse erhielt ich einen Schulverweis, weil ich mein Sperma in den Biologieunterricht mitgebracht hatte …» So beginnt Ryan Boudinots Roman Sperm & Egg, eine brisante, tiefgründige und humorvolle Coming-of-Age-Geschichte. Cedars Coup ist erfolgreich: Für einige Monate sind er und Kat ein Liebespaar, bevor das Leben, die Komplikation des Alltags, sie wieder auseinanderbringen. Zwanzig Jahre später sehen sie sich wieder, in einem Hotel in Albany. Kat hat ein autobiographisches Buch geschrieben; um es zu veröffentlichen, braucht sie Cedars Einwilligung, als juristische Absicherung für ihren Verlag – weil der Text in weiten Teilen aus seiner Perspektive geschrieben ist. Und Kats Jugenderinnerungen beginnen mit ebenjener Episode aus dem Biologieunterricht …

No risk, no fun

Passenderweise hat Cedar zur Unterrichtseinheit «Praktische Mikroskopie» sein eigenes Sperma als Betrachtungsobjekt mitgebracht. Hehre Ziele verlangen eben außergewöhnliche Mittel: Um die coole, aber heiß begehrte Kat zu beeindrucken, muss der Sechzehnjährige sich schon mehr ins Zeug legen, als das Mädchen zu einem Spaziergang oder ins Eiscafé einzuladen. Nein, es ist tatsächlich keine Spucke auf dem Objektträger und auch keine Babykaulquappen, es ist wuselndes Sperma aus eigener Produktion. Als auch die Lehrerin Mrs. Wheeler das erkannt hat, nimmt das Schicksal seinen Lauf ...

Weil die Sperma-Geschichte für den Direktor seiner Schule nur die Spitze eines Eisberges ist, wird Cedar für eine Woche vom Unterricht ausgeschlossen: nicht gerade das, was junge Menschen in der Spätpubertät eine Katastrophe nennen würden. Seine Eltern nehmen den Schulverweis bemerkenswert gelassen hin. Auch ein totales Ausflippen ihrerseits wäre ihm egal gewesen, verdankt er der riskanten Aktion doch eine stürmische Sommerliebe: «Mein Experiment war von der Hypothese ausgegangen, dass ich, wenn ich nur mutig genug wäre, mein Sperma als Beweis meiner Männlichkeit darzubieten, Kats Herz gewinnen würde. Immerhin war sie das Mädchen, das mich nach meinem Referat über Rhode Island an meinem Schließfach gestellt und mir ein paar phantastische, hellglühende Worte ins Ohr gehaucht hatte: ‹Ich habe meinen Eisprung.›»

Zwanzig Jahre und sechs Monate später ...

Das Wiedersehen in Albany, Upstate New York, wird für Kat und Cedar zu einem ambivalenten Erlebnis. Gut zwanzig Jahre sind seit damals vergangen – Zeit, die sich wie ein halbes Leben anfühlt. Glücklich geworden ist keiner von beiden. Cedar arbeitet für einen im Silicon Valley ansässigen Hersteller von Medizintechnik, ein Job, der ihn heute hierhin und morgen dorthin führt, während Kat – wie sie zynisch bemerkt – auf der Uni ihren MFA gemacht habe, einen Masters in «Ficken und Alkohol. Fine Arts – die schönen Künste. Schriftsteller, die noch nichts veröffentlicht haben, studieren bei veröffentlichten Schriftstellern und hoffen herauszufinden, wie man veröffentlicht wird. Wenn man wirklich Glück hat, darf man danach andere unveröffentlichte Schriftsteller unterrichten.» (Sind Prinzip und Essenz von Creative-Writing-Kursen jemals brutaler auf den Punkt gebracht worden?!)

Im Extended Stay Hotel lässt Kat ihren Jugendfreund den Text lesen, der kurz vor der Publikation durch einen Buchverlag steht. Wie löchrig und ausgefranst die Erinnerungen an die gemeinsame Zeit sind, wird Cedar bewusst, als er die ersten Seiten von Kats Buch in spe liest. Es sind nicht die lässigen Ausschmückungen und Arabesken, die ihn stören. Er braucht einfach das Vertrauen in seine Erinnerungen, in seine Version der Geschichte. Er will sich die Deutungshoheit über einen wichtigen Abschnitt seines Lebens nicht nehmen lassen, nur weil das Ganze als «Literatur» daherkommt.

This is not a love song

Es sind die Lebenslügen von beiden, von Kat und Cedar, um die es an diesem Abend und in der folgenden Nacht in Albany geht. Am Ende ist wirklich die ganze Geschichte erzählt – und manches Mysterium auf kuriose, zynische oder bittere Weise geknackt: Wie, wann und von wem Kat damals geschwängert wurde; der furchtbare Verdacht, mit dem Kat ihren Freund jahrelang allein ließ; das Doppelleben von Cedars Vater, die Trennung der Eltern; der fürchterliche letzte Auftritt von Kats Vater Jerry bei der Hochzeit seiner Frau …

Es gibt jede Menge Sätze und Passagen, bei denen man laut auflachen möchte, all die Sticheleien, Überzeichnungen und Paradoxien – Boudinot versteht es, uns Leser bei aller Schwere der Geschichte bei der Stange zu halten. Grandios zum Beispiel die (dreiseitige!) Hasstirade Kats auf die adoloszente Ausgabe der Spezies Mann: «Ich. Hasse. Jungs. Diese lachenden Vollidioten mit den großen Zähnen, die in Pizzerien durch ihre Strohhalme Brausekügelchen durch die Gegend schießen. Wie sie grunzen. Wie sie von ihren Mamis erwarten, dass sie ihnen immer die Wäsche waschen. Ihre Unfähigkeit, etwas Komplizierteres als ein Käsebrot zuzubereiten. Der Testosteron-Rock, mit dem sie ihre Hirne über schmuddelige Ohrhörer zudröhnen; die hässlichen, dreißigjährigen Gitarristen in Stretchhosen mit langen Haaren, die sie verehren» usw., eine wüste Suada über Seiten hinweg. «Wie ich sie liebe!»

Auch die Beschreibung von Kats Mutter Veronica ist in ihrer Boshaftigkeit einfach brillant: «Sie trug massenhaft Perlenketten, hatte ein Tuch um den Kopf geschlungen und einen gelben Pulli an, der an ihrem Körper auf eine Weise herunterhing, die nahelegte, dass sie feministisches Gedankengut befürwortete.» Oder jenes bizarre Tischgebet, gesprochen von Kats (zukünftigem) Stiefvater George, das in der höchst dringlichen Bitte endet: «Himmlischer Vater, mögest du über diese jungen Leute in ihrer sprießenden Beziehung wachen und sie vor Versuchung bewahren. Denn wenngleich ihre Lust stark ist, wirst du ihnen die Kraft geben, nicht über den ersten Schritt hinauszugehen. A-men.»

Ryan Boudinot rororo 224 S.
in den Warenkorb

Leseprobe