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Er ist einer der neuen Stars der israelischen Literatur: Ron Leshem. Sein Roman Wenn es ein Paradies gibt war für Israel ein Schock – und wirkte wie eine Befreiung. Mehr als ein Jahr stand das Buch auf den Bestsellerlisten; Joseph Cedars Film Beaufort (nach Leshems Roman) gewann 2007 in Berlin den Silbernen Bären. So hat in Israel noch niemand über den Krieg, das Militär und die Jungs geschrieben, die fernab der Heimat für zweifelhafte Ziele verheizt werden. «Leshems Roman hat eine dokumentarische Wucht, der man sich nur schwer entziehen kann.» (Der Spiegel)
Der Ton ist roh, wütend, die nackte Verzweiflung dringt aus jeder Pore des Textes. In einem kriegserfahrenen, kriegszermürbten Land wie Israel ist dieses Direkte, Brutal-Offene, Obszöne das Letzte, woran man Anstoß nähme. Die schmerzende Provokation wirkt auf einer anderen Ebene, auf der Ebene politisch-militärischer Legitimationsmythen: «Leshem stellt nicht nur die israelische Armee, sondern auch sein Land in Frage.» (Die Welt)
Schon vor der hymnischen Rezeption des Romans kannte man Leshem in Israel als Zeitungsjournalisten und Mitglied der Programmdirektion des Fernsehsenders Channel Two. Als Spross einer säkularen, wohlsituierten Aschkenasim-Familie diente er selbst nie an der Front im Gazastreifen, auf der Westbank oder gar im Libanon; seinen Militärdienst leistete er im sicheren Hinterland ab, in Tel Aviv, als Sicherheitsoffizier im Verteidigungsministerium.
Die Geschichte spielt in den ersten Wochen des Jahres 2000. Seit ein paar Monaten schon ist Israels Armee aus dem Südlibanon abgerückt; nur in der alten Kreuzfahrerfestung Beaufort harrt eine Gruppe von 13 Rekruten unter der Führung ihres jungen Kommandanten Eres (der eigentlich Liras heißt) aus. Beaufort ist wie eine Grabkammer – und zugleich eine Art «Kinderstaat». Ein elender, ein verflucht schöner Ort zum Krepieren: atemberaubende Bergkulisse, strahlende Sonnenaufgänge, «der süßeste Wind, den es gibt».
Die jungen Rekruten haben nichts als Mädchen, Angst und Tod im Kopf. Es ist bitterkalt, die hygienischen Bedingungen sind unfassbar. Alle wissen, dass man sie dort einfach zurückgelassen hat, ohne jedes definierte, halbwegs sinnvolle militärische Ziel. Bis sie als Letzte nach Hause gerufen werden. Oder mit einer Kugel im Kopf enden. Oder von einer Mine der Hisbollah, der «Aussätzigen», in Stücke gerissen werden. Am Ende machen die Überlebenden von Beaufort Tabula rasa und jagen die Festungsanlage in die Luft.
Es ist der ganz normale Irrsinn des Krieges, den die Männer dort erleben. Sie verteidigen einen x-beliebigen, strategisch belanglosen Hügel, irgendwo im Nirgendwo, einen Haufen lausiger Steine, «und in Tel Aviv spreizen sie irgendeiner jetzt gerade die Beine, im Stehen auf der Toilette eines Clubs … Während ich mitten am Ende der Welt liege – und niemand mir hilft, wenn ich sterbe. Hass? Ja, manchmal ist das gut.» Die Überlebenden werden Beaufort niemals vergessen – und erst recht nicht die toten Kameraden.
Wieso , fragt Leshem, wirft Israel praktisch nur noch Kinder armer Einwanderer an die Front – und Nationalreligiöse, Männer mit gehäkelten Kippas auf dem Kopf und dem uralten Traum von «Erez Israel» im Herzen? Was passiert, wenn die Elite des Landes dank ihrer politischen Beziehungen die eigenen Kinder in den sicheren Zonen, fernab von Dreck und Tod, den Militärdienst ableisten lässt? Die Armee, der «Schmelztiegel der Nation» – diese Lebenslüge des verschlissenen Alt-Zionismus zerfetzt Leshem erbarmungslos.
Es ist an der Zeit, das ist Leshems Botschaft, neben den heroischen alten Geschichten den Menschen endlich auch die neuen Geschichten aus Israel zu erzählen.