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Wer hätte gedacht, dass «der große Alte» noch einmal ein so wuchtiges Revival erleben würde – dank Lehman Brothers & Co. und einer globalen Finanzkrise, in der erst Banken, dann Industriefirmen und schließlich ganze Staaten gerettet werden mussten? Seither erfreut sich ein Werk wie Das Kapital nicht nur in alternativstudentischen Kreisen wachsender Beliebtheit. Karl Marx, am 5. Mai 1818 in Trier geboren, hat die Geschichte geprägt wie wenige andere große Denker der Vergangenheit: mit seinen bahnbrechenden Ideen ebenso wie mit seinen Irrtümern und Fehleinschätzungen. Rolf Hosfeld, als Journalist und Filmemacher in vielfältiger Weise mit Werk und Leben des großen Philosophen und Nationalökonomen vertraut, vermittelt in seiner neuen rororo-Monographie ein kritisch-respektvolles Bild von Karl Marx.
Marx’ Großvater war der universell gebildete Trierer Rabbiner Samuel Marx. Das jüdische Element spielte in der Marx-Familie keine große Rolle; der Rabbinersohn Heschel Marx, Karl Marx’ Vater, konvertierte zum Protestantismus (und nannte sich fortan Heinrich), 1824 wurden auch seine sieben Kinder dem Taufritual unterzogen, ein Jahr darauf seine Frau Henriette. Es waren politisch unruhige Jahre, in die der junge Karl Marx hinein aufwuchs: Pariser Julirevolution von 1830, Hambacher Fest, Wahlrechtsreform in England, italienische Freiheitsbewegung, Vormärz. «Marx gehörte», schreibt Hosfel, «gewissermaßen zur europäischen Generation Revolution seines Jahrhunderts.»
Zum wichtigsten theoretischen Anstoß für Marx wurde die Beschäftigung mit dem Königsberger Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Marx, 1835 an der Universität von Bonn immatrikuliert, wechselte im Jahr darauf nach Berlin (die beschwerliche, mehr als einwöchige Reise dorthin musste er in der Postkutsche antreten). Seinem Vater machte er damit keine Freude («wie Du Deine Gaben verschwendest und Nächte durchwachst, um Ungetüme zu gebären»), erst recht nicht, als er sich in Berlin immer stärker der Hegel’schen Philosophie zuzuwenden begann.
Der junge Studiosus von der Mosel wurde im Sommer 1837zu einer der wichtigsten Figuren im Berliner Doktorklub, einem exzentrischen Debattierzirkel kritischer Hegelianer. «Im Stralauer Wirtshaus, bei regelmäßigen Literatentreffen in einem Café in der Französischen Straße und bei Marx in der Scützenstraße, nicht etwa in akademischen Seminarräumen oder Vortragssälen, entstanden die Anfänge jener Hegel’schen Linken, ohne die Marx’ weitere Entwicklung kaum vorstellbar ist.» Der Theologe Bruno Bauer, die intellektuell herausragende Figur in diesem Kreis, war vom Esprit und der theoretischen Radikalität des jungen Marx beeindruckt. Mit und gegen seinen Mentor entwickelte Marx, wie Hosfeld resümiert, die «grandiose Vision einer Welt ohne Götter, in der der Mensch die sich selbst wissende wahre Ursache aller Gesellschaft, Politik, Ideenwelt und Geschichte ist».
Seine Zeit als Journalist (und Chefredakteur) der Rheinischen Zeitung für Politik, Handel und Gewerbe währte nur kurz. Mit seiner Frau Jenny ging er im Oktober 1843 ins Pariser Exil, dorthin, wo Heinrich Heine lebte – und wo es «wirkliche Kommunisten» gab, auch deutsche (organisiert im Bund der Gerechten). Marx hatte sich über Hegel hinausentwickelt, und mit der Radikalisierung der Auffassungen von Ludwig Feuerbach war für ihn die Kritik der Religion im Wesentlichen abgeschlossen. «Die Kritik des Himmels verwandelt sich damit in die Kritik der erde, die Kritik der Religion in die Kritik des Rechts, die Kritik der Theologie in die Kritik der Politik». Das schrieb Marx 1844 in einem Beitrag für die «Deutsch-Französischen Jahrbücher». Die Basis einer revolutionären Weltsicht war gelegt – der Kommunismus als die wirkliche Aufhebung der Entfremdung, die materielle, praktische Aufhebung des Kapitalverhältnisses.
Die preußische Polizei hätte Marx am liebsten vor Gericht gestellt, sie bezichtigte ihn des Hochverrats und geplanten Königsmords. Aus Frankreich Anfang 1845 ausgewiesen, zog Marx mit seiner Familie nach Brüssel weiter, einem Dorado von Flüchtlingen und Emigranten aller Art, später nach London. Friedrich Engels, von den schwärmerischen kommunistischen Ideen von Moses Hess infiziert, hatte Marx noch in Paris kennengelernt. Der Fabrikantensohn hatte Marx eine praktische Erfahrung voraus: die direkte Anschauung der brutalen Arbeitswirklichkeit, der «Lage der arbeitenden Klassen in England», wie er sie als Commis der Elberfelder Textilfirma Ermen & Engels in Manchester hatte studieren können.
Marx und Engels etablierten eine von persönlicher Freundschaft getragene höchst produktive Arbeitsgemeinschaft: Die deutsche Ideologie (erst aus dem nachlass publiziert), das Manifest der Kommunistischen Partei (Dezember 1847) als offizielles Programm des Bundes der Kommunisten. Es waren bewegte Jahrzehnte, in denen sich die Konturen eines radikalen politischen Projekts formte: Februar- und Juniaufstand 1848 in Paris, Märzaufstände in Wien und Berlin, Neue Rheinische Zeitung, Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (1869) und der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (1869) 1. und 2. Internationale, Deutsch-Französischer Krieg von 1870, Aufstand der Pariser Commune 1871 …
Marx’ scharfe Zunge, die Schärfe seines analytischen Verstandes bekamen viele prominente Mitstreiter der Linken zu spüren: von Weitling und Proudhon bis Wilhelm Liebknecht, Ferdinand Lassalle und Auguste Blanqui. «Was Marx von Blanqui unterschied, war dessen Vorstellung, man könne durch den geschickt eingefädelten Staatsstreich einer entschlossenen Minderheit den Kommunismus jederzeit einführen. Marx war immer der Ansicht, dass die Emanzipation der Arbeiterklasse durch die Arbeiterklasse selbst und nicht durch eine avantgardistische Minderheit erobert werden müsse».
In London arbeitete Marx wie besessen an seinem Lebenswerk, der Kritik der Politischen Ökonomie. Ihm schwebten sechs Bücher vor: 1. Vom Kapital. 2. Grundeigentum. 3. Lohnarbeit. 4. Staat. 5. Internationaler Handel. 6. Weltmarkt. Dieses Projekt blieb unvollendet. Als 1859 bei Franz Duncker in Berlin Zur Kritik der Politischen Ökonomie erschien, war es kaum mehr als ein Fragment. 1867 brachte Otto Meissner in Hamburg endlich Band 1 des Kapital heaus, Resultat auch von Marx’ Auseinandersetzung mit den gro0en englischen Ökonomen Adam Smith und David Ricardo. Band 2 und 3 wurden erst nach Marx’ Tod von Friedrich Engels herausgegeben, die oft als Teil 4 des Kapital bezeichneten Theorien über den Mehrwert dann zwischen 1905 und 1910 publiziert.
Hier sind die Kategorien entwickelt, an denen sich Generationen von Sozialisten, Kommunisten und Linksradikalen abarbeiten sollten: Lohnarbeit und Kapital, Mehrarbeit und Wertgesetz, absoluter und relativer Mehrwert, konstantes und variables Kapital. Das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate war für Marx die wichtigste Gesetzmäßigkeit des Kapitalismus, aus ihm leitete er den unaufhaltsamen Zusammenbruch des Systems vor: «Die wahre Schranke der kapitalistischen Produktion ist das Kapital selber», kurz: Das System werde an seinen immanenten Widersprüchen zerbrechen, das war Marx’ waghalsige Prognose. Die russischen Bolschewisten um Lenin und Trotzki waren längst nicht mehr vom Glauben an den historisch unvermeidlichen Zusammenbruch des Systems getragen, als sie ihre Bataillone zum Sturm auf die Festungen des zaristischen Russland schickten. Sie propagierten die Arbeit am Aufstand durch die organisierte Avantgarde der ausgebeuteten Klassen.
Als Karl Marx am 14. März 1883 in London starb, eilte ihm zwar in der internationalen Arbeiterbewegung der Ruf des herausragenden Theoretikers voraus. Seine eigentliche Karriere begann aber erst posthum. «Weniger durch sein eigenes großes Werk als durch Friedrich Engels’ Popularschrift Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft überzeugten sich künftige Generationen von Sozialdemokraten immer mehr von der Überlegenheit der Marx’schen Theorie über alle sonstigen Begründungen des Sozialismus … Erst jetzt bildete sich auf dem Kontinent eine wirkliche marxistische Schule und Tradition aus.»