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So heißkalt ist mir noch nicht vom Krieg erzählt worden. Aus so großer Nähe und aus so großer Distanz. Rodolfo Enrique Fogwills Roman Die unterirdische Schlacht handelt vom Falklandkrieg, der längst aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden ist. Schon damals wusste man nie so recht, worum es da eigentlich ging. Und aus dem Roman erfährt man es auch nicht.
Dabei hat Fogwill ihn schon kurz vor der Kapitulation der Argentinier zu schreiben begonnen, aus nächster Nähe also. Doch er verweigert jede Erklärung, jede Freund-Feind-Einteilung, jede politische oder moralische Parteinahme, jede Rechtfertigung. Er liefert rein gar nichts an Überbau für sein Romanpersonal. Das besteht aus einer Gruppe wehrpflichtiger junger Argentinier, die sich dem Kampf gegen England entzogen und auf der unwirtlichen Insel in eine Höhle eingegraben haben.
Das Verblüffende nun ist, dass der Roman perspektivisch streng aus dem Erdloch heraus erzählt wird. Wie der Konflikt ausgeht, ist den Höhlenmännern völlig egal. «Die sollen sich gegenseitig umbringen und zur Hölle fahren.» Sie finden die Engländer ohnehin nur schlimmer, weil sie besser sind. «Sie sind besser organisiert, ausgekochter». Die Deserteure wollen einfach den Krieg aussitzen. Doch sie werden den Krieg natürlich nicht los, sie haben nur andere Schlachten an anderen Fronten zu schlagen. Auch in ihrem Kampf geht es aber, wie oben über der Erde, im Grunde ums ganz und gar Elementare: Wie bleibt man am Leben?
Alles fürs Höhlenleben – von Nahrungsmitteln und sauberem Wasser über Kerosin und Kohlen bis zu Batterien und Zigaretten – kann nur nachts besorgt werden. Organisiert wird die Beschaffung von den «vier Heiligen Königen», den selbst ernannten Chefs, denen der Rest aus eigenem Interesse unbedingt gehorcht. Sie spielen beim Tauschhandel kühl kalkulierend alle gegen alle aus, beide Kriegsparteien werden systematisch betrogen: Den Engländern bietet man (falsche) militärische Fakten und Karten; mit den kostbaren englischen Waren erhandelt man sich beim eigenen Militär nützliche Güter. Menschen der eigenen und der anderen Seite werden geschmiert, verraten, getötet.
«Es ist eben so, dass die Angst den Trieb löst, den jeder in sich trägt», sagt später der einzige Überlebende der Gruppe. Den einen macht sie zum Händler, den anderen zum «Arschloch», den dritten zum Feigling… Schwächlinge aber sind gefährlich, Verwundete hinderlich, Untüchtige unnütz, weshalb die Könige beratschlagen, wer «nicht mehr zu halten» ist und eliminiert werden muss.
Diese gnadenlos rationale Regelung der unterirdischen Existenz ist in ihrer Überlebenslogik erschreckend plausibel. Und ebenso erschreckend plausibel ist, dass es im Krieg kein «Draußen» gibt. Auch im Erdloch herrscht Krieg, nur sind dessen Fronten noch undurchsichtiger. Für die unteren Ränge - früher hießen sie Kanonenfutter - geht es wie immer nur darum, nicht zu verrecken. Das macht Fogwill mit seinem Roman, der auf Spanisch «Los Pichiciegos» heißt, auf verdammt undramatische Weise klar. Pichiciegos sind übrigens nachtaktive, blinde Gürteltiere, die sich in die Erde eingraben.
(Aus: Rowohlt Revue, Autorin: Christel Dormagen)