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Robert Otten: Auch zum Mitnehmen

© Robert Otten (Fotos der Objekte)

Ganz schön gepfeffert: feinste Küchenglossen! Robert Otten, in Tateinheit Koch und scharfzüngiger Gastrokritiker, widmet sich der deutschen Esskultur in üppigen 21 Gängen. Schlimme Dinge erfahren wir hier: der Tod des deutschen Sauerbratens steht unmittelbar bevor, und 2020 kommt die letzte selbstgemachte Rinderroulade auf den Tisch (und wer mal richtig desillusioniert werden will, der darf die Seiten 234/235 nicht vrepassen, Stichwort: knsuprige Bratkartoffeln!) Otten legt den Finger in die Wunde(n) deutscher kulinarischer Gepflogenheiten.

Ob Spaghettiautomat oder Riesenschnitzel, Pommes Rot-Weiß oder Kebab Américain, Hawaiitoast oder Molekularküche, Kerner-kocht oder Mach-mir-den-Lafer, Gummibärchentorte für Alleinerziehende, Currywurst aus dem Kühlregal: so gut wie nichts, was sich über Glanz und Elend des derzeitigen Kochhypes fabulieren ließe, bleibt bei ihm ausgespart. Total mit alles! Auch zum Mitnehmen ist ein köstliches Vergnügen: ganz, ganz lecker! Einige Appetithäppchen vorweg gefällig? Bitte schön – und guten Appetit. Das Wort hat Herr Otten:

Yes, we can kochen!

Alles kunterbunt durcheinander! Ist es einem Koch gestattet, in einem Dokument präziser Betrachtungen der Küchenwelt halsbrecherische thematische Ausflüge über van Gogh, Motorradfahrer und chinesische Puppenspiele zu unternehmen? Auf jeden Fall! Die Köche haben neuerdings in allen Bereichen was zu vermelden. Starköchin Sarah Wiener saß kürzlich in einer Quizshow, in der es um die Jagdmethoden von Seehunden ging. Der hier tätige Referent springt durch die Themen wie Günther Jauch in seiner Millionärsshow. Aber wenn ich bedenke, dass auch frische Krabben aus Husum zum Auspulen über 2000 Kilometer durch die Niederlande, Spanien und Marokko verfrachtet werden, nur um bald darauf über transeuropäische Zickzackrouten fertig gepult wieder in Husum zu landen, weiß ich nicht, warum ich nicht im Zickzack erzählen sollte.

TV-Köche. Seit ein paar Jahren treten rebellische New-Wave-Köche in literarische Erscheinung, die sich offenbar alle als Igor Strawinskys der Kochkunst verstehen. In ihren Fernsehsendungen erkennt man sie daran, dass sie bei der Ausübung ihres Berufes Baseballkappen mit dem Schirm nach hinten tragen. Mit Vorliebe kreieren sie kulinarische Establishment-Schocker à la Erdbeerpesto oder Makrelenmakronen.. Im Gefolge der Salonschreck-Köche erscheinen die Esoterik-Kochbücher: Kochen im Knast, Ethno-Kochen im Erdloch für gestresste Manager, Ferngaren durch Voodoostrahlen, Kochen gegen rechts …

Kerner-kocht vs. Mach-mir-den-Lafer

Schuhbeck, Lafer, Mälzers Tim. Vor vier, fünf Jahren werden sich die Fernsehbosse gesagt haben, also, Lafer und Schuhbeck, die Halbgötter in Weiß mit ihren Essigzerstäubern, die rocken nicht mehr, wir brauchen mal einen, der die Jugend abholt. Tim Mälzer sollte dann irgendwie den Streetworker-Koch verkörpern. Man möge dereinst auf meinem Grabe Cannabis und Schnittlauch anpflanzen, wenn ich mich irre, aber ich glaube, Tim Mälzers Chancen, das Kochen in die Küchen zurückzubringen, dürften auch nicht größer sein als die Überlebenschance einer Kaulquappe im Emscherkanal.

Salt & Pepper. Renaissance der Currywurst – ist das was dran? Bei einer Silvestergala gab es neulich Currywurst mit Blattgoldflöckchen. Schicke Paarung, aber man bringt ja auch Paris Hilton zum Wiener Opernball.

Döner = Pressfleischstulle mit Migrationshintergrund

Dolce vita! Mittlerweile gibt es weißen, schwarzen und roten Balsamico, und die Pfeffermühlen haben überall das Kaliber von NVA-Panzerfäusten. Ich wäre gar nicht überrascht, wenn in Berliner oder Münchner Szenerestaurants sogar schon Pfeffermühlen mit Pferdefuhrwerken an den Gästetisch gefahren würden. (…) Ich glaube, die XXXL-Pfeffermühle in der postmodernen Küche ist der Zwillingsbruder des Geländewagens in der Großstadt …

Alles Pizza oder was? Als vor einigen Jahren der Leibkoch Saddam Hussiens arbeitslos wurde, soll auch er eine Pizzeria in Südkurdistan eröffnet haben. Und neulich habe ich auf einer Sauerkrautdose gelesen: Auch für Pizza! Ich glaube, Pizza ist auf gutem Weg zum Weltgrundnahrungsmittel. Oberhalb einer Backtemperatur bleiben eh nur noch die zwei Sinnesempfindungen warm und salzig übrig, und für 90 Prozent des Weltdurchschnittsgeschmacks ist das ja auch ausreichend.

Robert Otten rororo 256 S.
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