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Nein, zum Retter des bundesdeutschen Bruttosozialprodukts taugt Robert Naumann wirklich nicht. Naumann ist Langzeitarbeitsloser, und er ist es aus Überzeugung. Lohnarbeit findet er unsexy, Arbeitsangebote in der Regel eine Zumutung. Außerdem macht es sich auf Stehpartys gar nicht so übel, bei Fingerfood und einem Gläschen Rotwein auf die Standardfrage «Und was machst du so?» locker zu parieren: «Ich bin bei einer Agentur beschäftigt». Naumann zählt zu denen, die aus Prinzip «abhartzen». Der Alltag zwischen immer neuen Arbeitsvermeidungsstrategien und Pflichtterminen bei der Agentur für Arbeit kann verdammt anstrengend sein, wie die Bekenntnisse dieses kleinen Schmarotzers zeigen. Selbstironisch, böse und zum Grinsen komisch!
Naumann ist keine arme Sau. Niemand, den man wegen seiner ausweglosen sozialen Situation bedauern müsste, gerade in der gefühlsduseligen Weihnachtszeit. Er ist ein Querkopf, ein Kämpfer («Nieder mit dem Zwang zur Lohnarbeit»), ein Überzeugungstäter, ein bedingungsloser Anhänger des Rechts auf Faulheit. Er will niemandem die Arbeit wegnehmen, wie käme er dazu. «Ich war zu dem Schluss gekommen, dass das wirtschaftliche Überleben Deutschlands nicht von meiner Arbeitskraft abhing. Ebenso wie die Meise den Flug in den Süden verweigerte (Stichwort: Meisenknödel, d.R.), so sträubte ich mich dagegen, einer sinnlosen Tätigkeit nachzugehen.»
Die Dame ist eine Respektperson, eine wuchtige Erscheinung mit klaren Prinzipien. Unförmige Figur samt «alles überragendem spitzen Busen», teigiges Gesicht, fußballgroßer blonder Dutt, gruselige Stimme (eine Kreuzung aus Paviangebrüll und quietschender Kreide auf Schultafel). Sie ist Herr Naumanns PAP (Persönliche Ansprechpartnerin) im JobCenter der Agentur für Arbeit (früher schnöde Arbeitsamt genannt); auch sie ist eine Überzeugungstäterin. Frau Steputat residiert im Zimmer 211, in das wir Leser nun immer wieder mitgenommen werden. Im Verlaufe ihrer langjährigen Beziehung zieht die Wuchtbrumme die Zügel scharf an, indem sie den Nachweis von vier Bewerbungsbemühungen pro Monat auf acht hochschraubt.
Wie sieht nun der Alltag eines Abhartzers aus Überzeugung aus, der sich selbst einen «gemäßigten Misanthropen» nennt? Zum Beispiel so: «Man hat ja Zeit als Arbeitsloser. Das Fensterbrettkissen umkuschelt zärtlich meine Ellbogen, ein Fernglas zum Leutebeobachten hängt griffbereit um meinen Hals, und die Vögel zwitschern ganz allerliebst. So lässt sich's leben. Rausgehen kann ich leider nicht. Arbeitende Menschen. Mit denen will ich nichts zu tun haben.»
Nun ist es nicht so, dass einer wie Robert Naumann keinerlei Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt hat. Zwar besuchte er wegen eines Hörschadens zu DDR-Zeiten die Sonderschule für Schwerhörige in Karl-Marx-Stadt, aber immerhin brachte er es später zum Abitur. Mit dem Philosophiestudium in Trier wurde es nichts, weil die Anziehungskraft der Unikneipe sich als zu stark erwies. Geld versoffen, Wiedersehn. Eine Zeitlang liebäugelte er danach mit dem Job eines Pförtners, ehe er sich entschloss, lieber mädchenbetörender Popstar zu werden – Vorbild: George Harrison. Blöd nur, dass Robert keine Gitarre spielte und auch nicht Bass oder Schlagzeug, sondern nur Blockflöte. Dann eben nicht.
Es gibt arbeitende Menschen, die Herrn Naumann durchaus Respekt einflößen, ja Bewunderung. Handwerker mit Spezialwissen zählen zu dieser Spezies. «Fünf vor drei, gleich muss er kommen, der Elektriker. Elektriker sind ja die Picassos unter den Handwerkern, sie löten Schaltkreise, erden da ein Kabel und klemmen dort was ab, und am Ende fliegt der Toast wieder aus dem Toaster.» Je mehr man liest, desto begeisterter ist man von der Findigkeit Naumanns, den widerwärtigen Arbeitseifer von PAP Steputat immer wieder ins Leere laufen zu lassen.
Die Kapitelüberschriften sprechen eine deutliche Sprache und dokumentieren aufs Schönste das spannungsreiche Hin und Her im Duell zwischen der Steputat und ihrem Lieblings-Prekarier: Wie ich mal beinahe in den ersten Arbeitsmarkt integriert worden wäre – Ich war ein lausiger Spargelstecher – Diesmal war ich nicht Schuld – Warum ich schließlich doch kein Bauarbeiter wurde – Wie ich mal weitergebildet wurde – Und nächstes Jahr Hawaii: Auch Hartzer brauchen Urlaub …
Zu den Highlights der Naumann'schen Arbeitsbemühungen zählen seine Auskünfte auf Bewerbungsbögen oder bei Bewerbungsgesprächen (sollte das Schlimmste doch einmal eintreten). Frage: Welche Stärken und welche Schwächen zeichnen Sie aus? Antwort: Keine. – Wo sehen Sie sich in fünf Jahren? Antwort: Beim JobCenter. – Frage: Können Sie Verantwortung übernehmen? Antwort: keine. (Stattdessen: kreisende Kopfbewegung.) Gerne werden zur Potenzierung des spontanen Sympathiefaktors Sätze eingestreut wie «Auf Wunsch kann ich mit einem gepflegten Äußeren auftrumpfen» oder «Ein Bewerbungsfoto kann ich leider nicht beilegen, der Fotoladen hatte zu». Am Ende packt Naumann nach dem Motto: Think Big! nur noch die ganz großen Sachen an. Ehe ihn die rettende Idee beschleicht, ein Buch zu schreiben …
«Hiermit bewerbe ich mich für einen der drei Vorstandssitze der Bundesagentur für Arbeit, es darf auch der Vorsitz sein. Ich bin in den Dreißigern und hege seit nunmehr zwölf Jahren ein ausgeprägtes Interesse an der Bundesagentur für Arbeit. Wohl niemand außer mir hat diese Behörde so intensiv studiert und sich mit ihr auseinandergesetzt. Immer war ich ein gerngesehener Gast in ihren Kundenzentren. Anfangs noch regional in Chemnitz gebunden, hatte ich auch das Glück, später auch die Vielfalt der Berliner Arbeitsämter, wie sie damals etwas spröde hießen im Vergleich zu den JobCentern von heute, kennenzulernen: Berlin-Friedrichshain, Berlin-Schönhausen und derzeit Berlin-Pankow waren die Stationen, die meine Kenntnisse festigten, meinen Horizont erweiterten und meine Persönlichkeit reifen ließen …»