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Rund drei Dutzend grotesk-komische Geschichten aus der bayerischen Provinz, eine schöner und schräger als die andere: In Ringsgwandls Das Leben und Schlimmeres geht es (neben vielem anderem) um bizarre Exzesse im Null-Energie-Haus, um Edelklamotten aus Blitzziegenfell und Smaragdbaumnatternhaut, um Kleinkriminalität als Jobmaschine, klandestine Hitfabriken und Rentnerschutzkleidung.
Dieser Mann ist speziell. Georg Ringsgwandl war kardiologischer Oberarzt am Klinikum in Garmisch-Partenkirchen, ehe er mit 45 das Handtuch warf und sich beruflich der Musik und dem Kabarett verschrieb. Als Vollbayer brachte er den Punk auf die Bühne – nicht nur wegen seiner schrillen Outfits. Er ist bissig, ironisch, derb und zart. Seine Maxime – ein Konzentrat aus dem Besten, was die abendländische Philosophie zu bieten hat: «Hühnerarsch, sei wachsam»..
Für Die Zeit ist Ringsgwandl ein «Punk-Qualtinger, ein Valentin des Rock ‚n’ Roll, ein bayerisches Genie». «Seine Kunst, entlarvende Details mit erbarmungsloser Freude zu beschreiben, ist so vital wie großartig.» (Frankfurter Rundschau)
Nicht alles im Leben von Ringsgwandl läuft prima, so ist es ja auch nicht. Zum Beispiel fragt er sich, weshalb so lächerlich wenige seiner Platten verkauft werden. Eine erste Marktbefragung kommt zu dem deprimierenden Ergebnis, dass 90% der verkauften Ringsgwandl-Tonträger aus Versehen über die Ladentheke gehen, weil sie im Plattenregal zwischen RI- wie Ricky Martin und RO- wie Robbie Williams stehen. Die Konsultation einer Unternehmensberatung (der Knabe war fast schon volljährig) fördert den Grund des Input-Output-Dilemmas ans Tageslicht: Er hat seit dreißig Jahren die falschen Frauen angejodelt, sprich: falsche Zielgruppe.
«Ich versuche nämlich schon, Nummer-eins-Hits zu schreiben. Jedes Mal stelle ich mir vor, der Song ist für Cindy Crawford oder eine brasilianische Schönheitskönigin. Attraktive Mulattinnen, schöne, junge Frauen, die einen LKW-Führerschein haben und Philosophiestudium; eine Mutti für die Kinder und eine Wildkatze im Bett. Mehrfachbegabte Frauen mit einwandfreiem Bindegewebe. Aber die kaufen meine Platten nicht. Das kannst du vergessen, sagt er … Aber es gibt einen Markt für dich, eine riesige Zahl von Frauen, für die kein anderer mehr schreibt: die Frauen mit innerer Schönheit.»
Es sind Geschichten voll anarchischem Witz in diesem Band, zum Beispiel die Auftaktstory Das Null-Energie-Haus. Einst war das Alpenvorland, wo der Autor lebt, eine rundum idyllische Region, «die Berge im Süden, ohne Angst vor Muren und Lawinen». Nun ist sein Anwesen von jeder Menge Nachbarn umzingelt, zuletzt zog auch noch dieser Typ aus Hannover dorthin. Ein Physiklehrer, ein Spinner, ein Null-Energie-Prophet. Der Begriff House-Warming-Party ergab hier plötzlich Sinn. Das halbe Dorf war eingeladen, Fenster zu, warm wie im Kuhstall – das freut den Wärme- wie den Darmgaskollektor. Ob hitziger Sex, Darmgasentweichung oder grippebedingtes Fieber beim Sohnemann (40 Grad, 41 Grad, je höher, desto besser): hier geht alles in die Optimierung der Energiebilanz. «Wenn der Torben zehn Tage lang gescheit Grippe hat, davon kann die ganze Familie schon wieder drei Wochen lang duschen.» Aber Ringsgwandl wäre nicht Ringsgwandl, wenn der Null-Energie-Hasardeur nicht doch noch über die eigenen Haxen stolpern würde …
Das erste Instrument in Ringsgwandls Leben war die Zither. In mehreren Geschichten taucht dieses nicht zu Unrecht der alpenländischen Folkore zugeschlagene Instrument auf, am Schönsten in der großartig slapstickhaften Episode über eine Hautärztin, deren Leben aus den Fugen zu gehen droht. Die Dame leidet an einer Zitherallergie, die sich bei näherem Hinsehen als ausgewachsene Nickelallergie entpuppt, weil «nickelfreie Saiten für Zither, das gibt der Markt nicht her». Sie war einst die «Haarausreißerin Nummer eins im Großraum München … Ich selbst habe mehrere stark behaarte Freundinnen zu ihr geschickt. Diese Frau hat riesige Flächen enthaart, ganze Fußballfelder, das geht auf keine Kuhhaut, und dabei ein Vermögen gemacht. Irgendwann hatte sie alle Beine in zweihundert Kilometer Umkreis glatt geputzt, und damit brach das Geschäft ein.» Finanziell kommt die Dermatologin wieder auf die Beine, so viel kann hier verraten werden – aber emotional? Es darf gezithert werden!
Zu den absoluten Höhepunkten dieser «hilfreichen Geschichten» zählt Untersendling. Untersendling, das ist ein wohltuend normales Münchner Stadtviertel, wo die Minderheiten hochgerechnet die Mehrheit bilden, «ein genetisches Upgrading der Eingeborenen mit den unverbrauchten Kräften der Immigrantenszene.» Schöne Menschen, vor allem schöne Frauen. Zu dieser Edelsortierung zählt die Politesse allerdings nicht, die an die Windschutzscheibe von Ringsgwandls etwas ungut geparktem PKW einen 30-Euro-Zettel pappt. «Es war ein Riesenweib, wirklich groß und breit» – und absolut beratungsresistent. «Ich dachte mir zuerst, das ist der dritte Klitschko-Bruder. So was Rausgefressenes, so eine aufgeschwemmte, verfettete, zugesoffene, aufgetriebene Blunzn, einfach grausig. Dachte ich mir. Dachte ich, dass ich’s denke. In Wirklichkeit hab ich es aber gesagt, ich Trottel. Sie nimmt es auf Handy auf und schickt es dem Richter. Der Richter sagt: sechstausend Euro.»
6000! Was tun? Wie wär’s mit einem kleinen Liebeslied, Herr Ringsgwandl …?