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Was aus Menschen Mörder macht, hat uns immer schon umgetrieben. Univ.-Prof. Dr. med. Reinhard Haller beschäftigt es beruflich; der österreichische Psychiater und Psychotherapeut zählt zu den renommiertesten Gerichtspsychiatern Europas. In Hunderten Fällen schlimmster Verbrechen wurde Haller von in- und ausländischen Gerichten als Sachverständiger konsultiert; er erstellte Gutachten über die Taten, Motive und Hintergründe von mehr als 300 Mördern. In seinem Buch Das ganz normale Böse zieht er Bilanz; er richtet seinen Blick auf krankhafte Entwicklungen und Störungen, auf die Urkraft von Affekten und Emotionen, auf die Bedeutung von Erziehung, Milieus und Gruppen. Das Fazit ist erschreckend: «Ein Mörder lauert in jedem Menschen.» Über seinen Bestseller Das ganz normale Böse schrieb der Wiener Kurier: «Das Buch geht unter die Haut. Es liest sich wie ein schauriger Krimi.» In seinem neuen Buch taucht er tief in Die Seele des Verbrechers.
Reinhard Haller hatte über die Jahre in seiner Arbeit mit Sexualmördern und Serienkillern zu tun, mit NS-Verbrechern und Amokläufern, mit Räubern und Kinderschändern. Oft standen hinter den Verbrechen fanatische Ideen oder wahnhafte Konstruktionen, selten impulsive Reaktionen mit fatalem Ausgang; immer aber ging es um Kränkungserlebnisse, immer ging das Böse aus Bösem hervor und setzte einen schrecklichen Prozess in Gang, an dessen Ende einer oder viele Tote standen. Zu den größten Leistungen von Haller und anderen, die professionell mit der Aufklärung und Erklärung von Gewaltdelikten zu tun haben, ist die immer neu zu unternehmende Anstrengung, Tat und Täter zu betrachten, ohne vor Abscheu, Ekel oder auch Mitleid den klaren Blick zu verlieren.
Zu seinen Fällen zählten die Verbrechen des monströsen Inzesttäters Joseph Fritzl, des Sexualmörders Jack Unterweger, des «Bombenhirns» Franz Fuchs, aber auch des Amokläufers von Winnenden. Er dürfte praktisch alle bedeutenden Fälle spektakulärer Gewalt kennen, die Menschen als Einzeltäter oder in Gruppen begangen haben und die in der Kriminalliteratur dokumentiert sind. Die Wissenschaften können mit neuen Verfahren viel zum Verständnis der Täterpsyche beitragen (Hirnstrombild, Computertomographie, psychodynamische Tests etc.), aber immer bleibt ein unauflösbarer Rest, «den man mit keiner Hypothese begründen und mit keiner Theorie begreifen kann».
Im Folgenden finden Sie einen Auszug aus dem Prolog von Reinhard Hallers neuem Buch, das der komplexen Frage nachgeht, was Menschen zu Mördern macht.
«Mein Beruf ist der des Gerichtspsychiaters. Diese Vorstellung mag gemischte Gefühle aufkommen lassen, da die Tätigkeit des forensischen Psychiaters sich mit dem Zusammentreffen von zwei gleichermaßen bedrückenden Bereichen beschäftigt, nämlich jenem des psychisch gestörten oder kranken und jenem des kriminell gewordenen Menschen.
Unzweifelhaft ruft die Aura des Gerichtspsychiaters bei den meisten Menschen ein gewisses Unbehagen hervor: Bei den Beschuldigten, weil sie Angst vor psychiatrischer Stigmatisierung haben oder sich nicht genügend verstanden fühlen; in der Öffentlichkeit, weil Psychiater durch ihre analysierende und psychologisch verstehende Haltung scheinbar alles entschuldigen; bei den Prozessparteien und dem Gericht, weil Sachverständige oft die Fragen nach Normalität und Gestörtheit, nach Gesundem und Krankem nicht mit wissenschaftlicher Exaktheit und eindeutiger Zuordnung beantworten können.
Gerichtspsychiater zu sein ist aber gleichzeitig ein ungeheures Privileg. Wer kann denn sonst an großen Kriminalfällen derart direkt teilnehmen? Wer hat die Chance, die tiefsten Hintergründe eines Verbrechens, weit über den rein kriminalistischen Bereich hinaus, zu analysieren? Wer hat die Möglichkeit, mit dem Verbrecher eine Reise in das weite Land der Psyche und in innere Welten, die diesem oft selbst unbekannt sind, zu machen?
Meine Vorstellungen von Verbrechern waren früher recht einfach: Menschen, die aus Charakter- oder Willensschwäche, aus Unbesonnenheit oder Nachlässigkeit, oft sogar aus bösem Willen die Gesetze übertreten hatten und deswegen bestraft gehören. Aus der Distanz einer weitgehend intakten Welt ließen sich Bilder vom arbeitsscheuen Betrüger, vom hinterhältigen Feuerteufel, vom skrupellosen Perversling oder vom kalten Mörder unschwer aufrechterhalten. Verbrecher waren so, wie sie in den Medien beschrieben und in Romanen gezeichnet werden, allfällige psychologische Betrachtensweisen beschränkten sich auf das Gestörte, Krankhafte und Abnorme.
In meinem Beruf als Psychiater wich die frühere Voreingenommenheit
in der Begegnung mit psychisch kranken und gestörten Menschen einer analysierenden, verstehen wollenden, auf Hilfe und Heilung ausgerichteten Haltung. Auf der Suche nach immer neuen psychischen Phänomenen und getrieben vom Verlangen, für alle möglichen abweichenden Verhaltensweisen Erklärungen zu finden, bin ich dann – wohl nicht ganz zufällig – beim Spezialgebiet der Gerichtspsychiatrie gelandet. Hier öffnete sich für mich das Tor zu einer neuen Welt, zu jener des Verbrechens. Schon bald gelangte ich damals zur Erkenntnis, dass Verbrecher ganz normale Menschen sind, Menschen wie du und ich, Menschen mit oft gar nicht besonderen Lebenswegen, aber einem ganz besonderen Schicksal.
Verbrechen zu analysieren erfordert immer, Geschichten zu erzählen. Jedes Verbrechen hat seine Geschichte, und jede psychiatrische Expertise ist eine Geschichte. Manche werden Sie erschauern lassen, einige finden Sie banal, andere übersteigen Ihre Phantasie und Ihre Vorstellung vom Bösen, wieder andere werden Mitleid hervorrufen. Nur über die Geschichte ist die Psyche des Verbrechers zu erfassen, nicht über reine Statistik und nicht allein über wissenschaftliche Erklärungsmodelle. Ein psychiatrisches Gutachten ist eine Biographie, ein Kriminalroman, ein Thriller, ein Zeitdokument. Wenn es gelingt, ist es ein kleines Kunstwerk, ein in sich geschlossenes Ganzes, eine stimmige Erklärung.»