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Was aus Menschen Mörder macht, hat uns immer schon umgetrieben. Univ.-Prof. Dr. med. Reinhard Haller beschäftigt es beruflich; der österreichische Psychiater und Psychotherapeut zählt zu den renommiertesten Gerichtspsychiatern Europas. In Hunderten Fällen schlimmster Verbrechen wurde Haller von in- und ausländischen Gerichten als Sachverständiger konsultiert; er erstellte Gutachten über die Taten, Motive und Hintergründe von mehr als 300 Mördern. In seinem Buch Das ganz normale Böse zieht er Bilanz; er richtet seinen Blick auf krankhafte Entwicklungen und Störungen, auf die Urkraft von Affekten und Emotionen, auf die Bedeutung von Erziehung, Milieus und Gruppen. Das Fazit ist erschreckend: «Ein Mörder lauert in jedem Menschen.»
«Das Buch geht unter die Haut. Es liest sich wie ein schauriger Krimi.» (Wiener Kurier)
Philosophen, Anthropologen, Theologen,, aber auch Künstler kreisen in ihrem Denken ständig um die Frage nach der Wurzel des Bösen. Kaum jemand hat das Problem so präzise gefasst wie die Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt – «Die Liebe ist ein Wunder, das immer wieder möglich ist, das Böse eine Tatsache, die immer vorhanden ist» – und Max Frisch: «Wenn Menschen, die eine gleiche Erziehung genossen haben wie ich, die gleichen Worte sprechen wie ich und gleiche Bücher, gleiche Musik, gleiche Gemälde lieben wie ich – wenn diese Menschen keineswegs gesichert sind vor der Möglichkeit, Unmenschen zu werden und Dinge zu tun, die wir den Menschen unserer Zeit, ausgenommen die pathologischen Einzelfälle, vorher nicht hätten zutrauen können, woher nehme ich die Zuversicht, dass ich davor gesichert sei?»
Reinhard Haller hatte über die Jahre in seiner Arbeit mit Sexualmördern und Serienkillern zu tun, mit NS-Verbrechern und Amokläufern, mit Räubern und Kinderschändern. Oft standen hinter den Verbrechen fanatische Ideen oder wahnhafte Konstruktionen, selten impulsive Reaktionen mit fatalem Ausgang; immer aber ging es um Kränkungserlebnisse, immer ging das Böse aus Bösem hervor und setzte einen schrecklichen Prozess in Gang, an dessen Ende einer oder viele Tote standen. Zu den größten Leistungen von Haller und anderen, die professionell mit der Aufklärung und Erklärung von Gewaltdelikten zu tun haben, ist die immer neu zu unternehmende Anstrengung, Tat und Täter zu betrachten, ohne vor Abscheu, Ekel oder auch Mitleid den klaren Blick zu verlieren.
Haller hatte mit dem monströsen Inzesttäter Joseph Fritzl aus Amstetten zu tun, dem Sexualmörder Jack Unterweger, dem «Bombenhirn» Franz Fuchs, aber auch mit dem Amoklauf von Winnenden. Er dürfte praktisch alle bedeutenden Fälle spektakulärer Gewalt kennen, die Menschen als Einzeltäter oder in Gruppen begangen haben und die in der Kriminalliteratur dokumentiert sind. Die Wissenschaften können mit neuen Verfahren viel zum Verständnis der Täterpsyche beitragen (Hirnstrombild, Computertomographie, psychodynamische Tests etc.), aber immer bleibt ein unauflösbarer Rest, «den man mit keiner Hypothese begründen und mit keiner Theorie begreifen kann».
Die Details der hier beschriebenen Verbrechen sind grausig; kein Thriller, in dem annähernd so viele fürchterliche Einzelheiten ausgebreitet werden wie in Hallers Studie. Beunruhigender als all das Grausame, Infame, Hinterhältige, Blutrünstige, Krankhafte an den beschriebenen Taten ist die Erkenntnis, dass in jedem Menschen ein potentieller Täter lauert. «Die Bösen sind nicht nur die anderen, und es lebt nicht nur in den als Verbrecher deklarierten Menschen, auch wenn sich diese und ihre böse Tat so ideal für unsere psychischen Projektionen anbieten. Das Böse existiert auch in uns, vielleicht in einem verschatteten Anteil unserer Psyche oder in der Tiefe des Unbewussten, vielleicht in einer Gestalt, die wir selbst gar nicht kennen und, wenn es das Schicksal gut mit uns meint, nie in vollem Umfang kennenlernen.»
Auch wenn der Code des Bösen nie ganz zu entschlüsseln sein wird, manche seiner Facetten sind zu erkennen und zu begreifen: die Neigung zu Sadismus und antisozialem Verhalten, die Entwürdigung und Entmenschlichung anderer Personen oder Lebewesen, der Planungsgrad eines Verbrechens Ob das Böse «der Preis der Freiheit ist», wie der Philosoph Rüdiger Safranski meint, sei dahingestellt. Zu weit, zu diffus sind die bösen Taten, die Menschen Menschen angetan haben: Gewaltexzesse von Jugendbanden, sadistische Sexualmorde, der Kannibalismus eines Jeffrey Lionel Dahmer, die Amokläufe von Jonesboro, Littleton, Erfurt oder Winnenden auf der einen Seite – und auf der anderen monströse Großverbrechen wie die Euthanasie-Praxis der NS-Ärzte, das Schreckensregime der kambodschanischen Roten Khmer in der Ära Pol Pot oder die Massaker von Srebrenica.
Das Böse ist immer gegenwärtig, es ist zeitlos.. Nicht die Wirtshauskeilerei mit tödlichem Ausgang raubt uns den Schlaf, «die bösesten Taten sind jene, die genau geplant, mit eiskalter Berechnung durchgeführt werden und auf einen qualvollen Tod des Opfers zielen.» Hannah Arendts Wort von der «Banalität des Bösen» wird nie seine Aktualität verlieren, auch wenn es auf den bürokratischen Massenmörder Adolf Eichmann gemünzt war. Zu den erschreckendsten Studien über die Gewaltbereitschaft «ganz normaler Menschen» dürfte das berühmte Experiment zur Gehorsamsbereitschaft zählen, das der amerikanische Psychologe Stanley Milgram 1961 erstmals in New Haven durchführte; demnach sollen 65 Prozent der Versuchspersonen bereit gewesen sein, unter autoritären Bedingungen selbst Tötungsbefehlen nachzukommen.
Der Holocaust-Überlebende Primo Levi hat den Tatbestand der «Banalität des Bösen» so ausgedrückt: «Es gibt die Ungeheuer, aber sie sind zu wenig, als dass sie wirklich gefährlich werden können. Wer gefährlicher ist, das sind die normalen Menschen.» Mehr als zwei Jahrtausende vor Levi schrieb der chinesische Philosoph Hsün Dse: «Der Mensch ist von Natur aus böse; wenn er dennoch gut ist ist, so ist dies die Frucht der Kultur.»
Reinhard Hallers Antwort auf die Frage nach der Möglichkeit, das Böse zu verhindern oder einzudämmen: bessere Gefühlsbindung, Empathie, Versöhnung. «Letztlich aber geht es immer um die Liebe.»