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Niemand hat je etwas Vergleichbares gesehen. Nicht die Wissenschaftler auf der James Clark Ross, einem schwimmenden Labor für Ozeanographie und Geophysik, und erst nicht das kleine Aufnahmeteam des Fernsehsenders NBC, das in der Amundsen-See das bedrohliche Spektakel eines gigantischen Schelfeisabbruchs filmt: Ein Lichtball über dem berstenden Eis der Westantarktis, ein rätselhaftes Zeichen. Hell, glühend, pulsierend wie organische Materie. Vollends unerklärlich wird die Erscheinung, als die NBC-Journalistin Gracie Logan von einem Mönch erfährt, dass der Eremit Pater Hieronymus eben dieses Zeichen wie im Fieberwahn immer und immer wieder an die Wände seiner Höhle gezeichnet habe, und das schon seit Monaten …
Mit Menetekel legt Raymond Khoury einen Thriller vor, der seinem Welterfolg Scriptum an Spannung, Tempo und Brisanz in nichts nachsteht.
Gracie Logan, seit zwölf Jahren als Fernsehjournalistin überall in der Welt unterwegs, weiß, dass sie und ihre Kollegen Finch und Dalton vor der Story ihrer Karriere stehen. Welcher Medienmensch träumt nicht davon, die heißeste Geschichte seit Jahrzehnten frei Haus geliefert zu bekommen – und das auch noch exklusiv? Die ganze Welt sieht, fasziniert und erschreckt, auf die Bilder, die Gracies Team aus der Westantarktis um den Globus schickt; Buddhisten, Hindus, Juden, Moslems Christen – sie alle sehen den gleißenden Lichtball als eine göttliche Offenbarung.
Die amerikanische Filmcrew verlässt die Schelfeisküste und macht sich auf den Weg nach Ägypten, während überall auf der Welt Wissenschaftler nach einer plausiblen Erklärung für die Lichtkugel über der Antarktis suchen. Spektakuläre Lichtmutationen? Laserinduzierte Plasmaemissionen? Brennende Lichtmoleküle? «Wenn das keine Lasershow war», meint einer der Forscher auf der James Clark Ross, «wenn dahinter weder das amerikanische Verteidigungsministerium steckt noch irgendein Labor in Japan oder in Silicon Valley … wenn es nicht von diesem Planeten stammt … dann ist es entweder, wie Greg sagt, göttlich – oder außerirdisch.»
Als das NBC-Team im Kloster der Syrer im Wadi an-Natrun eintrifft, einer uralten chrstlichen Enklave und Geburtsstätte des christlichen Mönchtums, spitzt sich die Lage dramatisch zu. Eine riesige Menschenmenge – koptische Christen, Moslems, fanatische Hassprediger – gerät in Wallung, als über dem Haupt von Pater Hieronymus das flammende Zeichen erscheint. Die ängstliche Verwirrung über die Erscheinung könnte größer nicht sein. Noch haben sich weder der Papst noch der Patriarch von Konstantinopel oder andere Führer der großen Religionen zu Wort gemeldet – zu tief sitzt der Schock über das Unfassbare. «Es ist ein völlig neues Paradigma. Es könnte der Anfang von etwas sein, das größer ist als alles, was wir je erlebt haben …»
Vorangetrieben wird die Suche nach der Wahrheit hinter der mysteriösen Lichtkugel durch Matt Sherwood. Dessen Bruder Danny war vor zwei Jahren bei einem Unfall an der namibischen Skelettküste mit einer Reihe anderer Wissenschaftler ums Leben gekommen, so zumindest die offizielle Version. Als Matts Freund Vince ermordet wird, ist für ihn klar, dass er einem finsteren Komplott auf der Spur ist. Und zum ersten Mal fragt er sich, ob sein Bruder wirklich tot ist. Zusammen mit dem Wissenschaftler Jabba, einem engen Freund Dannys, heftet er sich auf die Spur der Leute, die – aus welchen Gründen auch immer – der Welt ein Feuerzeichen liefern wollen, ein Menetekel. Und einen charismatischen Propheten gleich dazu, einen neuen Messias: Pater Hieronymus.
Aber was ist das strategische Kalkül hinter der gigantischen Inszenierung? Was soll die von langer Hand vorbereitete Massentäuschung bewirken? Wozu die Menschen gebracht werden sollen, ist in der Tat der wahre Schrecken: der bis zum bitteren Ende geführte Krieg der Kulturen, Ideologien und Religionen …
Das Böse in diesem fesselnd vielschichtigen Thriller hat viele Gesichter. Aber auch «die Guten» (wie Larry Rydell, ein Milliardär mit ökofundamentalistischem Weltverbesserungsdrang) bedienen sich zum Teil haarsträubend rabiater Methoden. Auch wenn man als Leser nach ein paar hundert Seiten weiß, dass hinter dem vermeintlichen Gotteszeichen hochartifizielle Nanotechnik steckt (Stichwort: «intelligenter Staub»), folgt man der Story atemlos bis zum Showdown im Reliant Stadium von Houston, Texas, bei der ersten Massenkundgebung von Pater Hieronymus in God’s own country …
Khoury wäre nicht Khoury, würde er – wie schon in seinem Welterfolg Scriptum, das Spektakel nicht mit reichlich Action garnieren: Verfolgungsjagden, Attentate, kaltblütige Exekutionen. Die Spannung wird hochgehalten, bis zur letzten Wendung, bis zur allerletzten Seite. So muss es sein. Khoury attackiert in Menetekel den weltweit auf dem Vormarsch befindlichen Fundamentalismus, wie er einer Nachbemerkung notiert. Siebzig Prozent der Amerikaner glauben an Engel, Wunder, den Himmel, ein Leben nach dem Tod, und fast jeder glaubt an einen persönlichen Gott.
Kein Wunder, dass es eine mediokre Figur wie George W. Bush zum US-Präsidenten bringen konnte – ein Mann, der sich nicht entblödete, 2003 in einem Telefonat mit dem französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac die Notwendigkeit eines Einmarsches in den Irak so zu begründen: «Im Nahen Osten sind Gog und Magog am Werke … Gerade erfüllen sich die Prophezeiungen der Bibel … Diese Konfrontation ist von Gott gewollt; wir sollen diesen Konflikt dazu nutzen, die Feinde seines Volkes auszulöschen, bevor ein neues Zeitalter beginnt.»