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Rainer Moritz: Der ganz große Traum

© Senator Film

Der Name Konrad Koch dürfte wohl nur Spezialisten ein Begriff sein, jener Lehrer, der 1868 an das Braunschweiger Martino-Katharineum kam und dort bis zu seinem Tode 1911 Deutsch und Alte Sprachen unterrichtete. Wie es kam, dass der Braunschweiger Philologe heute als Geburtshelfer des Fußballs in Deutschland gilt – das erzählt der mitreißende Film Der ganz große Traum (Kinostart: 24. Februar, mit Daniel Brühl in der Rolle des Konrad Koch). Rainer Moritz, Leiter des Hamburger Literaturhauses und ausgewiesener Fußballkenner, hat aus dem Filmdrehbuch von Philipp Roth und Johanna Stuttmann einen temperamentvollen, amüsanten Roman gemacht. Wir haben Rainer Moritz interviewt – und einige amüsante Details erfahren …

«Anybody in the mood for bloody football?»

Am altehrwürdigen Martino-Katharineum herrschen Zucht und Ordnung. Eine Lehranstalt, auf die der Kaiser stolz sein kann und die Braunschweiger Honoratioren aus Adel, Politik, Unternehmertum und Militär erst recht. Hier werden Schüler zu vorbildlichen Deutschen geformt. Disziplin, Drill, deutschnationale Merkverse («Achtzehn, sieben, eins, Frankreich ist dem Kaiser seins!») Und doch ist nicht alles Gold, was glänzt – wer wüsste das besser als Turnlehrer Jessen, der zu viele Memmen und Schwächlinge unter den ihm anvertrauten Jungen sah. Vor allem Joost Bornstedt, ein schwächlicher Junge, ist ihm ein Dorn im Auge. Vater tot, Mutter Fabrikarbeiterin: was hat deren Brut auf einer Eliteanstalt wie dem Martino-Katahrineum verloren? Der alte Hartung, Vorsitzender des Fördervereins am Martino-Katharineum, bringt das drohende Unheil auf den Punkt: «Wenn die Arbeiter damit beginnen, die Kinder auf höhere Schulen zu schicken, wird es nicht mehr lange dauern, bis die Sozialisten den Zeitpunkt gekommen sehen, eine Revolution anzuzetteln.»

Der junge Konrad Koch ist ausersehen,, den Schülern der Untertertia Englisch beizubringen; zumindest Direktor von Merfeld ist überzeugt, dass es Englisch die Weltsprache von morgen ist: «Wir sollten nicht davon ausgehen, dass sich der Amerikaner in Boston oder der Neger in Kamerun plötzlich des Deutschen bedienen werden, um mit uns zu verhandeln …» Als Koch bei seinen Schülern auf mehr Verstocktheit als Lust am Erlernen einer neuen, lebendigen Sprache stößt, kommt ihm eine Idee: Er lässt sie in der Turnsaal antreten und gegen jenes komische Lederei treten, das er so sehr liebt: den Fußball, das Abschiedsgeschenk seiner englischen Freunde.

Turn right, turn left, fair play, team spirit ...

Wie der Funke überspringt, und weshalb Konrad Kochs Schüler mit Begeisterung dem Lederball hinterherjagen, das erzählen der Roman und der Film. Für das Gros des Lehrerkollegiums und die städtischen Honoratioren steht fest: die «Fußlümmelei», die «englische Krankheit», muss ein für allemal aus dem Martino-Katharineum verbannt werden, sonst drohen Anarchie, Verrohung der Sitten, Umsturz. Man stellt Koch ein Ultimatum – aber das Verhängnis ist nicht mehr aufzuhalten, der «Bazillus Fußball» verbreitet sich in rasendem Tempo. Selbst Felix Hartung, Sohn des klassenbewussten Bankiers Rudolf Hartung und anfangs ein elitärer Stinkstiefel, entwickelt sich –auch dank des entzückenden Arbeitermädchen Rosalie – vom Fußballverächter zum aufopferungsvollen Teamplayer …

Sporthistoriker wissen, dass Konrad Koch nur einer von mindestens drei Gründervätern des deutschen Fußballs war. Gemeinsam mit August Herrmann, Turnlehrer am Braunschweiger >Katharineum, und Friedrich Reck, der als Militärarzt England besucht hatte und als Vorstand in dem Braunschweiger Gymnasium saß, stemmte sich Koch erfolgreich gegen alle Versuche, das neue Spiel im Keim zu ersticken - mit durchschlagendem Erfolg: In Berlin-Tempelhof wurde mit dem B.F.C. Germania 1888 der älteste heute noch existierende Fußballklub aus der Taufe gehoben, in allen größeren und kleineren Städten formierten sich Vereine, 1900 wurde in Leipzig der «Erste Allgemeine Deutsche Fußballtag» abgehalten, und 1903 ging der VfB Leipzig nach einem 7:2-Sieg gegen den DEC Prag in die Annalen ein. Wenige Jahre zuvor hatte Konrad Koch geschrieben: «Die Frage, ob Fußball in Deutschland eingeführt werden soll oder nicht, bedarf keiner Erörterung mehr, sie ist durch die Macht der Tatsachen entschieden.»

DAS INTERVIEW

«Anybody in the mood for some bloody football?» heißt es, als sich in Braunschweig fußballerisch am Ende doch noch alles zum Guten wendet. Haben Sie sich das auch gefragt, als Sie den Roman über einen fast unbekannten Fußballpionier begonnen haben – also: Wen interessiert heute jemand wie Konrad Koch?
Wer überquerte als erster Flieger den Atlantik? Wer durchstieg als Erster die Eiger-Nordwand? Und wer begann damit, deutsche Schüler gegen einen fußballähnlichen Gegenstand treten zu lassen? Für mich sind das faszinierende Fragen, weil sie Geschichten erzählen von Menschen, die sich allen Widerständen zum Trotz etwas getraut und Neuland betreten haben. Und wenn sich aus derart zarten Pflänzchen wie dem Fußballenthusiasmus im Deutschen Kaiserreich eine derart überbordende Begeisterung entwickelt, wie wir sie heute erleben, dann lohnt es sich noch mehr, den Anfängen nachzuspüren.

Sie verfügen über reichlich Erfahrung als Fußball-Schiedsrichter. War Ihnen von daher Konrad Koch ein Begriff, dem der deutsche Fußball sein erstes Regelwerk verdankt?
Ja, über meine Beschäftigung mit der Historie des (deutschen) Fußballs und vor allem mit der Entwicklung der Abseitsregel war mir Konrad Koch ein Begriff – wenn auch anfänglich ein vager.

Wie weit haben Sie sich in Ihrem Roman von der historischen Figur des Konrad Koch entfernt?
Hier folge ich natürlich weitgehend der Vorlage des Films, dessen Drehbuchautoren zuerst eine spannende, abendfüllende Geschichte erzählen wollten und deshalb frei mit den Elementen der Koch’schen Biografie umgingen. Das tut der Roman auch; er verdichtet, lässt der Fantasie Lauf und stellt Überlegungen an, wie es damals in Braunschweig zugegangen ist, vielleicht.

Eine Prise Heinrich Manns «Untertan», ein Schluck «Feuerzangenbowle»: Haben Lese- und Fernseherlebnisse Ihrer Jugend geholfen, sich Geist, Mentalität und Rhetorik der frühwilhelminschen Ära zu vergegenwärtigen?

Man zimmert sich unwillkürlich zuerst ein Epochenporträt, das aus zuvor Gelesenem und Geschautem besteht. Und die Herren Heinrich Mann, Spoerl, Fontane und – in diesem Braunschweiger Fall – Wilhelm Raabe haben mir dabei natürlich freundlich über die Schulter geblickt. An deren Seite traten dann (Ball-)Historiker, die die geschichtlichen Hintergründe der Sportbegeisterung analysiert haben.

Es muss Spaß gemacht haben, ein bisschen Fußball-Moderne in die alten wilhelminischen Kulissen zu schmuggeln. Konrad Koch nimmt einen berühmten Sepp-Herberger-Satz in den Mund («Nach dem Spiel ist vor dem Spiel»), Franz Beckenbauers lädierter Arm bekommt einen Kurzauftritt, und ein sommersprossiger Schüler hört auf den Namen Lothar Ulsaß – ein aparter Zufall, dass der 10-fache Nationalspieler von Eintracht Braunschweig und bester Stürmer der Meistermannschaft von 1966/67 auch Lothar Ulsaß heißt …
Als Autor muss man sich manchmal selbst bei Laune halten, und so war es mir ein Vergnügen, ein paar Anachronismen in den Gang der Handlung einzuschleusen – auch mit Blick auf die einst glorreiche Braunschweiger Fußballgeschichte. Kein Wunder, dass sich Eintracht Braunschweig in diesen Tagen anschickt, die Niederungen der dritten Liga hinter sich zu lassen …

In Ihrer Leidenschaft für den TSV 1860 München dürfte es Ihnen kaum anders gehen als Punkrocklegende Campino von den Toten Hosen, ewiger Liverpool-Fan und masochistischer Teilzeitsponsor von Fortuna Düsseldorf: Hat man einmal sein Herz an einen Klub verloren, ist das für immer. Leiden Sie derzeit sehr an den Münchner Löwen?
So schlimm war es schon lange nicht mehr, obwohl ich beispielsweise in den Siebzigerjahren viel mit diesem Klub durchgemacht habe. Kein zahlungskräftiger Sponsor, Präsidenten, die sich so schnell wie die Trainer des VfB Stuttgart die Klinke in die Hand geben, die Abhängigkeit vom schrecklichen Lokalrivalen Bayern München, der Ausverkauf der besten Talente, die Begabung, sich stets in den letzten Spielminuten Gegentore einzufangen … ach, ich könnte stundenlang über mein Leid sprechen.

Eine letzte Frage an den Abseits-Spezialisten Rainer Moritz. Als Kochs kompliziert geratene Erklärung der Abseitsregel von der flotten Rosalie in einfache Worte gefasst wird, klingt das so: «Sagen Sie doch einfach, dass vor dem Spieler entweder der Ball oder drei Gegner sein müssen.» Drei???
Dazu empfehle ich die Lektüre meines Buches «Abseits. Das letzte Geheimnis des Fußballs», insbesondere die Seiten 44-60.