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Philippe Claudel: Brodecks Bericht

© David Balicki/fotolia

Wohl keiner, der Philippe Claudels preisgekrönten Roman Die grauen Seelen gelesen hat, wird ihn so schnell vergessen können. Ein Epos von ungeheurer Intensität, in dem es um den Mord an einem unschuldigen Mädchen geht, um das Schweigen und die Schuld einer ganzen Gemeinschaft, in deren kollektiver Psyche der Kriegsirrsinn seine Spuren hinterlassen hat. «Die grauen Seelen lesen sich, als hätte man Célines Reise ans Ende der Nacht mit der Glut von Sandor Márai gekreuzt.» (FAZ)
Auch Claudels neuer Roman Brodecks Bericht kreist um die Themen Krieg und Vertreibung, Schuld und Verantwortung, Erinnerung und Vergessen: eine erschütternde Parabel über die physischen und seelischen Qualen, die Menschen Menschen antun können. Brodecks Bericht, in Frankreich ein Bestseller, erhielt den Prix Goncourt des Lycéens und wurde zum Lieblingsbuch der französischen Buchhändler gekürt. „Ein düsterer Roman von atemberaubender Schönheit“ (Playboy), „ein eindringliches, ein großartiges Buch.“ (literature.de)

„Ich heiße Brodeck und kann nichts dafür“

„Ich heiße Brodeck, und ich kann nichts dafür.“ So beginnt und so endet Claudels beklemmende Geschichte. „Brodeck ist mein Name. Brodeck. Bitte, erinnern Sie sich. Brodeck.“ Diese Geschichte spielt ein Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg in einem abgeschiedenen elsaß-lothringischen Bergdorf. Hier, in einer zivilisatorischen Wildnis, in der Selbstjustiz und Blutrache im Zweifelsfall Recht und Gesetz mit Leichtigkeit wegwischen, hat sich ein Verbrechen ereignet, dessen Zeuge wider Willen jener Brodeck wurde.

Einer, den sie im Dorf den „Anderen“, den „Hergekommenen“ nannten, der Fremde, der mit seinen bunten Kleidern, mit seinem Pferd und seinem Esel von irgendwoher den Weg in ihre dörfliche Abgeschiedenheit gefunden hatte, wird von den Einheimischen im Gasthaus Schloss kollektiv erschlagen. Es ist eine Hinrichtung, kein Totschlag im Affekt. Er muss sterben, weil er anders aussieht, anders spricht. Und weil er es gewagt hat, die Menschen aus dem Dorf in seinen Bildern als das zu zeigen, was sie sind: Schuldige. Dafür gebührt ihm der Tod – wer sich gegen uns stellt, gehört ausgerottet, so sieht das der Dorfrat. Und Brodeck, mit seiner Frau Emélia und seiner Tochter Poupchette selbst ein „Außenseiter“ in der hermetischen Dorfgemeinschaft, soll einen Bericht über den Vorfall schreiben, die minutiöse Chronik eines nicht angekündigten, aber unvermeidbaren Todes. So soll er mundtot und zum Komplizen der finsteren Tat gemacht werden.

Brodeck weiß nur zu gut, dass er selbst wie der „Fremde“ enden wird, wenn er sich dem Auftrag der Dorfbewohner widersetzt. Schließlich war er in den Kriegsjahren selbst schon einmal ein „Anderer“, den eine Denunziation für zwei Jahre in ein Konzentrationslager gebracht hat. Im Lager, hat er seine Überlebenstechnik erlernt: abducken, stillhalten, schweigen – das ganze Arsenal der Selbstdemütigung. Für einen faschistischen Offizier dort war er „Hund Brodeck“, der Fußabtreter, der sprichwörtliche Underdog, im Rang bestenfalls den Bluthunden der Schinder und Schlächter gleichgestellt.

Autoreninfo

Philippe Claudel wurde 1962 in Dombasle in Lothringen geboren, wo er als Autor und Regisseur heute noch lebt. In Deutschland gelang ihm 2004 mit «Die...
mehr über den Autor
Wie ein böses Märchen

„Immer wieder sehe ich in meinen Gedanken und Träumen den Kazerskwir vor mir. Dass es den Kazerskwir gibt, daran ist der Krieg schuld: Fast zwei Jahre lang war ich nicht zu Hause gewesen. Man hatte mich fortgebracht wie Tausende anderer Menschen auch, wegen unseres Aussehens, unseres Namens und unserer Religion, weil wir anders waren als die anderen. Weit weg von zu Hause hat man uns eingesperrt, an einem Ort, an dem nichts Menschliches war, wo wir wie Tiere waren, die lediglich wie Menschen aussahen. Jenes Jahr habe ich in völligre Dunkelheit verbracht. In meinem Leben klafft ein schwarzes bodenloses Loch, das ich Kazerskwir, den Krater, genannt habe.“

Die Geschichte, die der Lothringer Philippe Claudel in der kargen Prosa von Brodecks Bericht erzählt, in kurzen Sätzen von ungeheurer Intensität, entwickelt eine poetische Kraft. Indem er jede genaue räumliche und zeitliche Verortung des Geschehens vermeidet und den Zweiten Weltkrieg samt Pogromen nie explizit benennt, Holocaust, tritt das Parabelhafte, das überzeitliche Grauen des Erzählten umso schmerzender hervor. „Nach Kriegsbeginn blickten wir alle ängstlich nach Osten und spitzten die Ohren, ob die trampelnden Stiefel der Fratergekeime schon zu hören waren. Fratergekeime, so nennen wir die Männer, die uns Tod und Verwüstung brachten, die Männer, die mich wie ein Tier behandelten, (…) Männer, deren Sprache mit unserer so eng verwandt ist, dass wir sie mühelos verstehen können.“ Fratergekeime heißen hier die deutschen Besatzer und KZs eben Kazerskwir, fremd klngende Worte, scharfkantige Neologismen des Terrors: „Ich habe deutsche Worte genommen, die ich ein bisschen deformiert und wieder zusammengeflickt habe …“, so Claudel.

„Irgendwie werde ich immer Hund Brodeck bleiben, ein Wesen, das lieber im Staub liegt als beißt. (…) Im Lager hatte ich noch eine Lektion gelernt: Der Mensch ist groß, aber er ist sich selbst nicht gewachsen.“ Der Mord an dem „Fremden“ lässt die Erinnerung an die Schrecken und Finsternisse seines eigenen Schicksals hochkommen, und so beschließt Brodeck, neben der offiziellen Version ein geheimes zweites Schriftstück zu verfassen, in dem er die wahre Geschichte erzählt: die des ermordeten „Andern“ und seine eigene.