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Kunst ist Leben – unter diesem Signum könnten alle 23 hier versammelten Interviews, Essays und Artikel aus einem Vierteljahrhundert literarischer Produktion von Philip Roth stehen. Anders als manche seiner großen US-Kollegen wie Pynchon oder Salinger hat Roth immer wieder ausführlich zu seinem Werk und seiner Person Stellung bezogen. Die Begründung: «Da mir fast von Anfang an ebenso Anerkennung wie heftige Kritik zuteil wurde, fühlte ich mich offenbar gleich nach meinen ersten Schritten dazu aufgerufen, nicht nur eine literarische Position zu beziehen, sondern auch meine moralische Flanke zu verteidigen» – wer an die Rezeption von Portnoys Beschwerden («Skandalbuch!», «Pornographie!») denkt, der weiß, worauf Roth anspielt.
Es ist ein intellektuelles Vergnügen, in dieser Roth-Sammlung hin und her zu lesen, zu springen, zu flanieren. Weil Roth nicht nur klug ist, sondern stets mit Charme und einer guten Portion Selbstironie agiert. Immer wieder variiert er in seinen Romanen wie Essays eine Handvoll Themen: die fragile Identität jüdischer Intellektueller; Spielarten des Antisemitismus; Verwurzelung und Entwurzelung; Kafkas Prag – und die lebenswichtige Kraft des Humors. Einige markante Zitate sollen einladen, auch diese Seite von Philip Roth’ literarischem Werk kennenzulernen.
KUNST? LEBEN? Ach, wissen Sie, auch Kunst ist Leben. Einsamkeit ist Leben, Meditation ist Leben, sich etwas vorstellen ist Leben, zu mutmaßen ist Leben, Kontemplation ist Leben, Sprache ist Leben. Lebt man denn weniger, wenn man Sätze formt, statt Autos zu bauen? Lebt man weniger, wenn man Viriginia Woolfs Zum Leuchtturm liest, statt eine Kuh zu melken oder eine Handgranate zu werfen?
PORNOGRAPHIE. Eigentlich halte ich Pornographie für die Projektion einer ganz und gar menschlichen Beschäftigung mit Genitalien per se (…) Pornographie ist für das weite Feld der sexuellen Beziehungen das, was eine Bauanleitung für Heim und Herd ist. (…) Der massive Angriff auf die sexuellen Gewohnheiten Ende der sechziger Jahre kam außerdem zwanzig Jahre, nachdem ich selbst den Strand erklommen und um festen Halt im vom Feind unterjochten Heimatland der Erotik zu kämpfen begonnen hatte. Manchmal sehe ich die Männer meiner Generation als die erste Welle fest entschlossener D-Day-Invasoren, über deren blutige, verwundete Leiber die Blumenkinder später an Land gingen, um triumphierend dem libidinösen Paris entgegenzueilen, von dessen Befreiung wir träumten, als wir auf unseren Bäuchen landeinwärts robbten und ins Dunkle feuerten.
USA/VIETNAM. Die Jahre des Vietnamkriegs waren die am stärksten ‚politisierten’ Jahre meines Lebens. (…) Man begann sogar das Wort „Amerika“ auszusprechen, als wäre es nicht länger der Name des Landes, in dem man aufgewachsen war und dem man sich geistig verbunden fühlte, sondern als sei damit eine fremde Macht gemeint, die das Land erobert hatte und der man nun mit aller Kraft und Fähigkeit jegliche Zusammenarbeit verweigerte. Amerika war plötzlich zu „denen da“ geworden …
SCHREIBEN. Damals – ich war noch keine dreißig – hielt ich das Schreiben für eine Art religiöser Berufung und die Literatur für ein Sakrament, Ansichten, die zu modifizieren ich seither allen Grund hatte. Solch aufgeblasene Auffassungen sind für eitle, junge Schriftsteller nicht ungewöhnlich (zumindest waren sie es damals nicht); in meinem Fall wurden sie zudem durch einen Hang zum Ethischen ergänzt, den ich als jüdisches Kind in mich aufgenommen hatte, sowie durch ein literarisches Erlöserethos, mit dem ich in den fünfziger Jahren in die gehobene Kunst eingeführt worden bin.
BASEBALL. Ich glaube, einer der Gründe, weshalb ich schließlich einen Roman über Baseball zu Ende schrieb, ist der, dass Baseball zu den wenigen Themen gehört, von denen ich viel verstehe. Wären mir Forstwirtschaft, Musik, Eisenwaren oder Rotterdam ebenso vertraut, hätte ich bestimmt schon längst ein Buch geschrieben, das auf diesem Wissen basiert.
ERNSTHAFT VERSPIELT. Pure Verspieltheit und tödliche Ernsthaftigkeit sind meine engsten Freunde; mit ihnen pflege ich auf dem Land meine Spaziergänge am Ende des Tages zu unternehmen. Auch mit der tödlciehn Verspieltheit stehe ich auf vertrautem Fuße, ebenso mit verspielter Verspieltheit, ernsthafter Verspieltheit, der ernsthaften Ernsthaftigkeit und der puren Purheit. Letztere allerdings bringt mir nicht besonders viel, sie greift mir nur ans Herz und macht mich sprachlos.
JUDENTUM. Mich umgab von Geburt an eine Definition des Judentums von solch überwältigendem emotionalen und historischen Ausmaß, dass es, obwohl es meinen eigenen Erfahrungen widersprach, unmöglich war, nicht von ihr erfasst zu werden. Diese Definition war die des Juden als eines Leidenden, als eines Opfers von Spott, Hohn, Abscheu, Häme und Verachtung, von jeder widerwärtigen Form der Verfolgung und Brutalität, Ermordung eingeschlossen. Wenn diese Definition auch nicht durch meine eigene Erfahrung bestätigt wurde, dann doch fraglos durch die Erfahrungen meiner Großeltern und deren Vorfahren sowie durch die Erfahrungen unserer europäischen Zeitgenossen.
ÜBER JUDEN SCHREIBEN. Schwierig wird es dadurch, dass Juden, die schwere Vorwürfe gegen die ihrer Meinung nach verletzende literarische Darstellung von Juden vorbringen, nicht unbedingt spießbürgerlich oder paranoid sind. Wenn ihre Nervenenden blankliegen, dann nicht ohne Grund, nicht ohne Berechtigung. Sie wollen keine Bücher, die Antisemiten gefallen oder antisemitische Stereotype bestätigen. Sie wollen keine Bücher, die Gefühle von Juden verletzen, da sie doch bereits Opfer sind …