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In England ist Phil Rickmans Krimiserie um Merrily Watkins Kult. Für einen Kriminalroman mit Mystery-Elementen ist sie schon eine ziemlich unkonventionelle Heldin: eine Pfarrerin der Anglikanischen Kirche, spezialisiert auf exorzistische Praktiken, die flucht, raucht, ständig überkreuz liegt mit ihrer esoterisch angehauchten Teenietochter Jane. Zudem hat sie einen Freundeskreis, den anständige Bürger als ziemlich extravagant empfinden. Und sie hasst das Wort «fromm». Als Exorzismusbeauftragte hat sie mit «Dingen» zu tun, deren Existenz sie früher für Humbug gehalten hätte, für barbarisch, heidnisch oder zumindest reichlich pittoresk: mit Geistern, Übersinnlichem, paranormalen Phänomenen. In England liebt man Figuren wie Merrily Watkins; nun können auch deutsche Leserinnen und Leser sie endlich kennenlernen.
Rickman wehrt sich mit Händen und Füßen gegen die Etikettierung als «Horror-Autor»; gegen dieses Klischee sei er lange genug angegangen – er schreibe Geistergeschichten, am liebsten als Krimis dargeboten: «Geistergeschichten! Das ist nämlich etwas anderes, das ist keine Fantasy. Für viele Menschen sind Geister etwas sehr Reales und diese Grauzone zwischen dem Spirituellen und dem Psychologischen hat mich schon immer fasziniert. Genauso faszinieren mich Orte und Landschaften, mit denen sich etwas Übernatürliches zu verbinden scheint.»
Der Autor möchte Ihnen seine Heldin und die Idee zu seiner Krimiserie persönlich vorstellen. Frucht der Sünde ist der erste Band, weitere folgen in den kommenden Monaten.
Phil Rickman: «Wenn mir jemand vor zwölf Jahren gesagt hätte, dass ich einmal eine ganze Krimi-Serie über eine Pfarrerin schreiben würde, hätte ich ihn vermutlich kurzerhand rausgeworfen und die Türen verrammelt. Mir war das Genre der Kirchenkrimis nur allzu bekannt. Ich hatte nichts gegen diese Romane, und falls Sie ein Fan oder womöglich gar ein Autor von Kirchenkrimis sind, tue ich Ihnen vermutlich Unrecht. Auf alle Fälle wollte absolut nichts damit zu tun haben. Das war mir alles zu kuschelig, zu abgesichert und zu ... na ja, zu religiös eben.
Ich habe lange gebraucht um einzusehen, dass - wenn ich nach einer Romanwelt der Ambivalenz, der Unsicherheiten und der Paranoia suchte - eine Pfarrerin exakt das war, was ich brauchte. Und ganz besonders eine, die auf den Posten des Beraters für Erlösungsfragen berufen wird – oder, wie die landläufige Bezeichnung lautet, auf den Posten des Exorzisten. Ich bin sicher, dass es auch in Deutschland welche gibt. In England haben wir noch heute mindestens einen Exorzisten in jedem Bistum. Ihre Aufgabe besteht darin, Meldungen von Spukhäusern, Poltergeist-Phänomenen und gelegentlich auch Hinweisen auf angebliche dämonische Besessenheit nachzugehen. Vergessen Sie aber am Besten alles, was Sie über das Thema gehört oder im Fernsehen gesehen haben. Für diesen Job eignen sich nämlich nur abgebrühte Skeptiker.
Früher tauchten Exorzisten hauptsächlich in Horror-Romanen auf. Ich wollte etwas Subtileres erreichen. Und ich wollte die Arbeit eines modernen Exorzisten im Rahmen eines Kriminalromans so stimmig und authentisch wie möglich darstellen. Ich wollte die Grenzbereiche erkunden, in denen die Schulpsychologie auf die etwaige Existenz von etwas Anderem trifft. Ich wusste, das würde ein gefährlicher Balanceakt werden, und ich wusste auch, dass ich dafür eine sehr besondere und sympathische Hauptfigur brauchte.
Und so ist Merrily Watkins meine Beraterin für Erlösungsfragen in der Diözese von Hereford geworden, einer schönen, ländlichen Gegend an der englisch-walisischen Grenze. Genau wie viele andere Männer und Frauen, die in einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft diesem im Mittelalter geformten Berufsstand angehören, ist sie nie ganz sicher, wie viel sie wirklich glauben darf. Es hilft ihr dabei auch nicht gerade, dass sie mit Psychiatern und der Polizei zusammenarbeiten muss. Oder dass man ihre Arbeitgeberin, die Kirche von England, keineswegs von Vorurteilen, Sexismus, Habsucht und Korruption freisprechen kann. Oder dass Merrily eine alleinerziehende Mutter mit einer Tochter im Teenageralter ist, die sich stark zu esoterischem Klimbim hingezogen fühlt.
Kein Wunder, dass Merrily raucht. Kein Wunder, dass sie sich bisweilen einer Ausdrucksweise bedient, die geeignet wäre, Pfarrerstöchter erröten zu lassen. Es überrascht mich immer wieder, dass die meisten Leser sie dennoch sehr zu mögen scheinen – sogar einige Geistliche. Merrily ist Mitte dreißig, zierlich, gutaussehend und mit Selbstironie begabt. Das Wort fromm kann sie nicht ausstehen. Ihr Liebster schlägt sich als Folkrock-Musiker durchs Leben und ihre besten Freunde sind ein zynischer Polizist aus Liverpool und ein höchst temperamentvoller Totengräber, der sich auch als Baggerfahrer betätigt.
Es ist so gut wie sicher, dass Merrily ohne die beunruhigenden Ereignisse, von denen Frucht der Sünde erzählt, niemals bereit gewesen wäre, den Job der Exorzistin anzunehmen. Ereignisse wie die Morde an jungen Mädchen, Hexerei-Gerüchte und nicht zuletzt Merrilys immer stärker werdende Ahnung, sie und ihre Tochter Jane wären in ihrem riesigen dunklen Pfarrhaus aus dem siebzehnten Jahrhundert vielleicht doch nicht ganz allein ... Ich hoffe, das alles gefällt ihnen, denn hier geht die Reise los.