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Winter 1773: In den dunklen Gassen des Hamburger Gängeviertels geht ein Frauenmörder um. In der bitterkalten Nacht nach dem letzten Fastnachtsball treibt eines seiner Opfer tot im Alstereis, ein anderes wird wenig später in grausam inszenierter Pose gefunden. Auch wenn die Komödiantin Rosina nun als junge Madam Vinstedt ein beinahe bürgerliches Leben führt, ihr detektivischer Spürsinn ist dennoch ungebrochen. Sie ahnt, dass es in der Vergangenheit der ermordeten Frauen irgendetwas geben muss, was sie verbindet … Hier ist endlich die Fortsetzung von Petra Oelkers erfolgreicher Hamburg-Serie: Rosinas neunter Fall – ein mitreißender historischer Kriminalroman.
Hamburg ächzt unter der Kälte, nachdem noch zu Beginn des Advents hier und dort blühende Veilchen zu entdecken waren. Nun hat eisiges Wetter die Stadt und seine Menschen fest im Griff; erst waren Bille und Alster zugefroren, dann bedeckte dickes Eis auch die Elbe. Abr nicht die Kälte macht Rosina zu schaffen. Noch immer hat sich die ehemalige Komödiantin der Truppe von Prinzipal Becker nicht vollkommen an das so ganz andere Leben als Ehefrau mit normalem bürgerlichen Haushalt (und Pflegekind Tobi) gewöhnt. Da kommt eine kleine Ablenkung ganz recht – auch wenn der Anlass ein schrecklicher war …
«Wie sie das Theater vermisste! Wie schrecklich sie es vermisste! Es war das erste Mal seit ihrem Abschied von ihrem Leben als Komödiantin, dass sie die Sehnsucht so heftig spürte wie einen Schmerz, bohrend und zugleich süß. (…) Sie hatte sich von der Bühne, von Drama, Komödie, Singspiel, Ballett und damit auch von der Becker’schen Komödiantengesellschaft verabschiedet, um eine ehrbare Ehefrau zu werden, aus Liebe zu Magnus und aus Sehnsucht nach einem ruhigen bürgerlichen Leben. Dafür hatte sie alles verlassen, was ihr mehr als ein Jahrzehnt Heimat und Familie bedeutet hatte … Mindestens so sehr wie Tanz, Spiel und Gesang auf der Bühne, wie all der Flitter, die Kostüme und der Spaß mit der Schminke fehlte ihr das Unterwegssein …»
Vielleicht ist es gar nicht einmal schlecht, dass ihr Mann Magnus aus geschäftlichen Gründen in Venedig weilt. So hat sie zumindest genügend Muße, um sich im Fall von Wanda Bernau und Janne Valentin ihre Gedanken zu machen. Nach und nach verdichten sich die Indizien, dass die toten Frauen und auch eine dritte, die nur knapp einem Mordanschlag entging, in ihrer Vergangenheit irgendetwas miteinander verband – nur was? Eine Spur führt ins städtische Waisenhaus auf der Landspitze, die an den Einmündungen von Alster- und Rödingsmarktfleet in den Binnenhafen ragten, eine andere in die Stadtvilla einer schießwütigen Gutsherrin in Wandsbek …
Die junge Frau Vinstedt, die ehemalige Komödiantin Rosina, hat bei ihren Ermittlungen wieder einmal ihre besten Freunde zur Seite: Kaufmann Claes Herrmann und Weddemeister Adam Wagner, «der Mann, der in dieser Stadt für alles zuständig war, was eindeutig oder auch nur möglicherweise nach einem Verbrechen aussah». Erst als Rosina weiß, was es mit dem Roten Haus wirklich auf sich hat, in dem sich die Frauen als Mädchen einst kennen gelernt hatten, liegt die Lösung des Doppelmordes auf der Hand …
Wie immer bei Petra Oelker sind die historischen und stadtgeschichtlichen Fakten seriös recherchiert. Und es sind ungeheuer viele Details, die stimmen müssen, um uns heutigen Lesern ein authentisches Bild vom Leben der Menschen unter den damaligen Bedingungen zu geben: von den schweren Holzpantinen der Marktfrauen über die Bauweise der Pfahlbauten an der Außenalster bis zur Wunderlichkeit eines Friedrich Gottlieb Klopstock, des verehrten Dichter des Messias.
Die historischen Kriminalromanen um Rosina und den freigeistigen Kaufmann Claes Herrmanns haben aus gutem Grund eine große Fangemeinde. Bereits im ersten Rosina-Roman Tod im Zollhaus zeigt sich die Akribie, mit der ihre Geschichten recherchiert sind. Monatelang wälzt Oelker alle wichtigen Hamburgensien, studiert Akten, Tagebücher, Krankenlisten, Melderegister und manchmal sogar Gemälde mit dem sezierenden Blick der Kennerin – und sie rückt Forschern und Spezialisten aller möglichen Fachrichtungen zu Leibe, egal ob es sich um Musiker, Ingenieure, Theologen oder Meeresbiologen handelt. Gab es 1765 tatsächlich schon Schlagwerke an den Kirchturmuhren? (Es gab! St. Petri spielte schon 1545 hier die Vorreiterrolle.) Waren die Perücken der ehrenwerten Hamburger «Pfeffersäcke» stets gepudert? (Nein! Nur, wenn die hohen Herren sich für ihre großen Geldgeschäfte und kleinen erotischen Eroberungen schick machten …)
Aber nicht nur stimmungsvolle Sittengemälde vergangener Epochen weiß die Wahl-Hamburgerin zu zeichnen. Auch ihre Plots sind voller Raffinesse und Spannung. Oft sind es archaische Instrumente, mit denen sie ihre Figuren zu Tode kommen lässt, ein mörderisch spitzes Uhrmacherwerkzeug etwa, das dem Treiben von Adam Donner, Lehrer am Johanneum, ein jähes Ende bereitet. Petra Oelker will es einfach genau wissen, muss es genau wissen – und weiß es wirklich auch genau!