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Petra Oelker: Die Nacht des Schierlings

© Coverausschnitt: akg-images

Hamburgs erfolgreichste Romanreihe feiert Jubiläum! Im zehnten Band um die mittlerweile sesshaft gewordene Komödiantin Rosina entführt uns Petra Oelker ins Jahr 1773: An einem sonnigen Herbstmorgen wird eine Leiche aus dem morastigen Fleet gefischt. Der Tote war nicht wenigen Bürgern der Stadt verhasst. Ausgerechnet auf Großkaufmann Claes Herrmanns fällt der Verdacht, den Freund und Verbündeten von Rosina und Weddemeister Wagner …

Der Tote, Konditormeister Hofmann, zählte nicht gerade zu den beliebtesten Bürgern der Hansestadt. Der Ruf eines honorigen Ehrenmanns eilte dem Lebemann und Genussmenschen nicht voraus. Aber war er wirklich ein Mitgiftjäger und Betrüger? Viele Hamburger hatten gute Gründe, ihn zu hassen: vom Apotheker im Opernhof über den jungen Grafen mit fragwürdiger Vergangenheit bis hin zum stummen Akrobaten Muto. Wollte auch Claes Herrmanns Hofmann lieber tot als lebendig zu sehen, der so überraschend in die Runge’sche Konditorei am Rödingsmarkt eingeheiratet hatte?

Rosina – im Herzen noch immer Komödiantin

Wie gern hätte sich Rosina ihrer wahre Passion, dem Theater, gewidmet (gerade jetzt, wo die Becker’sche Komödiantengesellschaft wieder einmal in der Stadt gastierte), als dem ungeheuerlichen Vorwurf gegen ihren Freund Claes Herrmanns nachzugehen? Als Rosina Hardenstein war sie viele Jahre als Wanderkomödiantin mit der Becker’schen Gesellschaft durch die Lande gezogen – «sie war Schauspielerin, Tänzerin, Sängerin gewesen. Nein, nicht wirklich gewesen, dem Herzen nach war sie es immer noch. Sie war ihrer Sehnsucht nach einem festen Ort und nach der Rückkehr in das Leben, aus dem sie einst geflohen war, gefolgt, als sie sich mit ihrer Eheschließung mit Markus Vinstedt vor eineinhalb Jahren von der Bühne verabschiedet hatte. Aber damit war sie bald von einer neuen Sehnsucht eingeholt worden, nämlich von der nach der Rückkehr ans Theater. Nach dem Spiel, nach dem Unterwegssein.»

Der Tod des Rödingsmarkt-Konditors war in Windeseile Stadtgespräch, die Gerüchteküche brodelte. War er einfach nur betrunken vom Steg ins Fleet gestürzt? Oder stimmt es wirklich, dass in seinem Rücken ein Messer steckte? Plötzlich kursiert ein kleines, hässliches Gerücht in den Straßen und Gassen Hamburgs, befeuert von nicht wenigen Klatschbasen: Es habe Streit gegeben zwischen dem Konditormeister und Claes Herrmanns – Streit wegen Molly, Hofmanns Stieftochter, die während Anne Herrmanns langer Reise auf die Jersey-Inseln im Haushalt der Herrmanns gearbeitet habe. Und man weiß ja, wie Männer sind … Auch wenn Herrmanns nie eine Affäre mit Mamsell Runge hatte, die üble Nachrede klebt wie Pech an ihm.

Weddemeister Wagner macht sich seine eigenen Gedanken, als er an jenem Steg die lange Stange sieht, an deren metallener Spitze Schlick klebte. Wagner war sich plötzlich sicher: «Diese Stange hatte den im morastigen Fleet liegenden Bruno Hofmann dort unten gehalten, bis er sich nicht mehr bewegte. Bis er erstickt war.» Vielleicht war auch der giftige Schierling am langsamen, qualvollen Sterben des Bruno Hofmann beteiligt – jenes Teufelszeug, «giftig von oben bis unten, Kraut, Samen, Wurzel, vor allem die Fruchtstände, die Samen, die sehen fast aus wie Fenchel oder Anis … Es beginnt mit der Lähmung der Füße, dann der Beine und kriecht Zoll um Zoll den Körper hinauf, bis auch die Atmung erlahmt, der Herzschlag.»

Es gibt tatsächlich jemanden, der allen Grund hatte, sein Lebensgeheimnis nicht durch einen Menschen wie Bruno Hofmann zerstören zu lassen. Und wie wenig fehlte, um den Schierlingsmord auf ewig unaufgeklärt zu lassen …

Autoreninfo

Petra Oelker, geboren 1947, arbeitete als Journalistin und Autorin von Sachbüchern und Biographien. Mit «Tod am Zollhaus» schrieb sie den ersten ihrer...
mehr über die Autorin
Stimmungsvoll. Spannend. Atmosphärisch dicht.

Die historischen Kriminalromane um Rosina und den freigeistigen Kaufmann Claes Herrmanns haben aus gutem Grund eine große Fangemeinde. Bereits im ersten Rosina-Roman Tod im Zollhaus zeigt sich die Akribie, mit der Petra Oelker noch die winzigsten Details ihrer Geschichten abzusichern pflegt. Monatelang wälzt sie die einschlägigen Hamburgensien, studiert Akten, Tagebücher, Krankenlisten, Melderegister und manchmal sogar Gemälde mit dem sezierenden Blick der Kennerin.

Und sie rückt Forschern und Spezialisten aller möglichen Fachrichtungen zu Leibe, egal ob es sich um Musiker, Ingenieure, Theologen oder Meeresbiologen handelt. Gab es 1765 tatsächlich schon Schlagwerke an den Kirchturmuhren? (Es gab! St. Petri spielte schon 1545 hier die Vorreiterrolle.) Waren die Perücken der ehrenwerten Hamburger «Pfeffersäcke» stets gepudert? (Nein! Nur, wenn die hohen Herren sich für ihre großen Geldgeschäfte und kleinen erotischen Eroberungen schick machten …)

Aber nicht nur stimmungsvolle Sittengemälde vergangener Epochen weiß die Wahl-Hamburgerin zu zeichnen. Auch ihre Plots sind voller Raffinesse und Spannung. Oft sind es archaische Instrumente, mit denen sie ihre Figuren zu Tode kommen lässt, ein mörderisch spitzes Uhrmacherwerkzeug etwa, das dem Treiben von Adam Donner, Lehrer am Johanneum, ein jähes Ende bereitet. Petra Oelker will es einfach genau wissen, muss es genau wissen – und weiß es wirklich auch genau!