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Petra Gerster/Christian Nürnberger: Charakter

© Martin Langhorst

Huch, wie verstaubt ist das denn – von Charakter zu reden! Sind wir jetzt wieder so weit: kein Geld für die Bildung und ersatzweise wieder alte Werte aus der Mottenkiste geholt? Anstand, Haltung, Herzensbildung – oder eben Charakter? Nach dem Motto: Wer keine Wertpapiere kaufen kann, dem verkaufen wir wenigstens Werte? Wer das Buch des Autorenpaares Petra Gerster und Christian Nürnberger solcherart mit spitzen Finger anfasst, kann sich bei der Lektüre bald entspannen: Ja, in diesem Beitrag zur allgegenwärtigen Bildungsdebatte geht es um Erziehung und auch um Werte. Aber um solche, die kein Ethik- und kein Religionsunterricht beibringen kann: Um Empathie. Um Originalität. Um Liebesfähigkeit und Treue zu sich selbst. Kurz: um das, was die Persönlichkeit ausmacht oder – anders gesprochen – einen guten Typen.

Haltung, Charakter, Eigensinn

Das Wort Charakter kennen wir heute ja allenfalls als Bindestrich-Wort, etwa wenn das Fehlen der Charakterköpfe in der Politik beklagt wird. Theodor Heuss, Willy Brand, Herbert Wehner oder sogar Franz Josef Strauß – was waren das für Typen! Aber heute? Nur Mittelmaß und Stromlinienförmigkeit in der politischen Landschaft. Selten wird allerdings gefragt, woran es wohl liegen mag, dass es immer weniger solcher ausgeprägten Persönlichkeiten gibt. Wie entsteht Charakter, was macht ihn aus, welche Umstände begünstigen ihn? Die Journalisten Petra Gerster und Christian Nürnberger versuchen darauf Antworten zu geben.

Denn ihre Befürchtung ist: Ohne Menschen mit Charakter wird es nicht nur sehr knirschen im Gebälk unserer Ökonomie, sondern ziemlich krachen. Weil der herrschende Sozialcharakter, also das, was das Denken, Handeln und Fühlen der Menschen ausmacht, auf Dauer nur Schaden anrichtet: die Nach-mir-die-Sintflut-Mentalität der Finanzjongleure. Das Geiz-ist-geil-Denken der Konsumenten. Der Egoismus der Bildungseliten.

Die Dummheit des Geiz-ist-geil-Denkens

Ein Charakter kann nicht gezüchtet werden, er bildet sich heraus. Aber womöglich gibt es Umstände, die das begünstigen. Unsere Schulen und Universitäten zählen nach Ansicht der Autoren nicht dazu. Hier herrsche eine «ungebildete» Bildungsideologie. Die Grünen haben sie im letzten Wahlkampf auf die Formel gebracht haben: «Wachstum durch Bildung». Das bedeutet: Bildung schafft Standortvorteile auf dem Markt der weltweit miteinander verflochtenen Volkswirtschaften, Bildung verstanden als ein Set von Kompetenzen. Aufgabe der Schule ist es, Absolventen für den Arbeitsmarkt zu produzieren. Bildung rein – Euros raus, so rechnen das auch Studien der OECD vor: Mit ein paar Punkten mehr im PISA-Test könnte die jetzt lebende Schülergeneration im Laufe ihres Berufslebens acht Billionen Dollar mehr erwirtschaften.

Gerster und Nürnberger geißeln das als «ökonomischen Kindesmissbrauch». Statt – als Selbstzweck! – Glück und Wohl und Gedeihen der Kinder im Auge zu haben, würden sie für einen wirtschaftlichen Nutzen funktionalisiert. Wachstum und Wohlstand - dafür sind wir auch, sagen Gerster und Nürnberger. Angepasste Jasager aber, stromlinienförmige Nützlichkeits-Denker gefährden diese Ziele. «Starke widerständige Menschen mit eigenen Ansichten, Werten und Visionen, kreative originelle Charakterköpfe» dagegen ermöglichen sie.

Also vielleicht doch wieder zurück zum alten humanistischen Bildungsideal? Die Geschichte hat bewiesen: Die Gleichung Bildung gleich Gutsein, Bildung gleich Charakter - geht nicht auf. Goethe-Gedichte und Schiller-Dramen, Bachchoräle und Dürer-Bilder haben die Hitler-Barbarei nicht verhindert. Die Massenmörder Joseph Goebbels, Heinrich Himmler, Rudolf Hess waren erstklassig gebildete Menschen. Jakob Elser dagegen, der Mann, der 1939 sein Leben riskierte, als er versuchte, mit einer selbstgebastelten Bombe Hitler zu töten, war ein einfacher Tischler. Der Mann tat, was er glaubte, tun zu müssen.

Der Charakter muss reifen. Ein Leben lang ...

Wenn nicht Bildung, was dann bringt Menschen dazu, widerständig zu sein, zu ihren Überzeugungen zu stehen, Charakter zu zeigen? Früher gaben bestimmte soziale Milieus Halt und Orientierung: die Arbeiterbewegung, die Kirche, die Gewerkschaften. «Das Milieu der benachteiligten Kinder von heute ist eine Dreizimmerwohnung, die leer ist, wenn das Kind von der Schule nach Hause kommt.» Und da das Kind, das sich einsam fühlt, wegen der Autos nicht mehr auf die Straße gehen kann, wendet es sich dem zu, was garantiert in jeder Wohnung steht: dem Fernseher. Oder dem Computer. Dort wird ihm eingebrannt, was ihn mehr formt als jeder Ethikunterricht: Kaufen ist der Sinn des Lebens. Werbung von der Wiege bis zum Pflegebett formt den infantilen «Ich-Alles-Sofort»–Charakter: den unpolitischen Konsumenten, den Schnappchenjäger, der nicht fragt, warum die Leberwurst nur 76 Cent kostet. Billig gilt ihm allemal mehr als tierfreundlich, ökologisch, gesund oder schön.

«Einen solchen Typ können wir uns nicht mehr leisten», stellen die Autoren lapidar fest. Um die «Oase», in der wir immer noch leben, zu erhalten und auszubauen, brauche es den erwachsenen mündigen Charakter. Begünstigt durch Eltern, die sich kümmern. Durch einen Staat, der Benachteiligten hilft und Kindern frühzeitige Betreuung ermöglicht. Begünstigt von Lehrern, die ihre Schüler als Individuen respektieren und sie zum Denken und Forschen anregen. Geprägt von Erwachsenen, die Vorbild sind - weil sie nicht nur ihren eigenen Vorteil im Blick haben, sondern auch den der anderen. Das Gute tun, obwohl es einen etwas kostet – darin, so die Autoren, zeige sich Charakter.

Heißt so die neue Weltrettungsformel: Wir alle müssen nur verantwortungsbewusste mündige Bürger werden? Wie ernst es die Autoren damit meinen, zeigt ihr Vergleich: Sie erinnern an die Arbeitervereine des 19. Jahrhunderts, die den Achtstundentag, die Fünftagewoche, Urlaub und Sozialversicherung durchsetzen wollten. Sie haben es geschafft. Es hat nur hundert Jahre gedauert.

(Aus: Rowohlt Revue 90, Autorin: Annette Garbrechtf)