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Peter Spork: Der zweite Code

© picture-alliance/medicalpicture

Der Hamburger Biologe und Journalist Peter Spork hat sich mit einer Reihe profund recherchierter und glänzend geschriebener Wissenschaftsbücher einen Namen gemacht. Aber keines löste direkt nach Erscheinen eine derart lebhafte Reaktion aus wie seine neue Studie über Epigenetik. Wer das Bookmarks-Interview mit Peter Spork liest, weiß auch warum.

DAS INTERVIEW

Womit genau beschäftigt sich die Epigenetik?
Mit molekularbiologischen Schaltern, die jede unserer Zellen in Massen besitzt um einzelne Stellen ihres Erbguts gezielt an- oder auszuschalten. Dank dieser Schalter kann eine Zelle verschiedene Zustände annehmen, sie kann sich zum Beispiel aus einer befruchteten Eizelle in eine Haut- oder eine Nervenzelle entwickeln – oder von einer gesunden Bauchspeicheldrüsenzelle in die kranke Zelle eines Diabetikers.
Das klingt kompliziert, hat aber einfache Konsequenzen: Die epigenetischen Schalter ermöglichen es unserem Körper, sich dauerhaft auf seine Umwelt einzustellen. Sie verleihen den Zellen ein Gedächtnis. Und wir selbst können auf diesem Weg mit unserem Lebensstil beeinflussen, wie gesund wir sind, was wir für eine Persönlichkeit haben oder wie lange wir leben.

Weshalb revolutioniert die Forschung zum „zweiten Code“ unser Bild von der Steuerung des Menschen durch sein Erbgut?
Bisher dachte man, allein die Gene würden im Zusammenspiel mit der gerade erlebten Umwelt festlegen, welche Eigenschaften ein Mensch hat. Dinge wie Aggressivität, Bindungsfähigkeit und die Anfälligkeit für Krankheiten wie Herzinfarkt, Depression oder Krebs seien zum Großteil vom Erbgut vorgegeben und stünden damit schon direkt nach unserer Zeugung unverrückbar fest. Dank der Epigenetik ist nun aber klar, dass Umwelteinflüsse diese ererbten Vorgaben bleibend verändern können: Eine besonders liebevolle Erziehung oder eine gesunde Ernährung können krank machende Gene zeitlebens ausschalten. Misshandlungen, Traumata oder eine ungesunde Ernährung können dagegen negative epigenetische Prozesse anstoßen und uns noch Jahrzehnte später krank machen.

Autoreninfo

Peter Spork, Jahrgang 1965, ist promovierter Neurobiologe. Seit 1991 arbeitet er als freier Wissenschaftsjournalist und Autor. Er schreibt für viele...
mehr über den Autor
Was Darwin wohl dazu sagen würde …

Steht tatsächlich die gesamte biologische Vererbungslehre zur Disposition?
Zuletzt mehrten sich Hinweise, dass Eltern einige der schicksalhaften epigenetischen Schalter sogar an ihre Kinder und Enkel weitergeben. Das widerspricht natürlich der klassischen Vererbungslehre wonach nur genetische Informationen den Sprung von einer Generation zur nächsten schaffen. Es passt aber dennoch hervorragend zur Darwin`schen Evolutionstheorie, ergänzt sie sogar um eine wichtige Komponente. Denn die epigenetischen Veränderungen bereiten die nächsten Generationen auf eine besondere Umweltsituation vor, sie manipulieren nicht den genetischen Code selbst und tragen somit kaum zur Ausbildung neuer Arten bei. Zumindest konnten Forscher diesen letzten Punkt noch nicht experimentell belegen.

Epigenetisch betrachtet, schreiben wir unser Schicksal ein Stück weit selbst. „Wir haben eine ungeahnte Macht über unsere Gene und die unserer Kinder“, sagt etwa US-Biologe Randy Jirtle. Ist diese epigenetische Einflussnahme erlernbar, trainierbar?
Noch steckt die Epigenetik zu sehr in den Kinderschuhen, um ganz konkrete Tipps etwa zu einer epigenetischen Ernährung oder Psychotherapie zu geben. Immerhin wissen wir, dass es das Leben verlängert, wenn wir zeitlebens schlank bleiben und möglichst selten heftigem Dauerstress ausgesetzt sind. Und erste Medikamente, die zum Beispiel Krebs oder psychische Leiden auf epigenetischem Weg behandeln helfen, sind schon in der Entwicklung.
Vor allem aber erklärt uns die Epigenetik endlich, warum die vielen altbekannten Tipps für eine gute Kindererziehung und ein gesundes, langes Leben funktionieren – warum sie oft wichtiger sind als die genetische Ausstattung mit der wir geboren wurden. Die Botschaft der Epigenetiker lautet deshalb schlicht: „Tue so regelmäßig wie möglich etwas für deine Gesundheit und deine Entspannung. Achte auf das, was du isst. Gönne deinem Körper die Bewegung, nach der er verlangt, und am besten noch ein wenig mehr. Behandele deine Kinder immer aufmerksam, ohne Aggression und fürsorglich und sorge dafür, dass dir dabei auch noch genügend Zeit für dich selber bleibt.“

… und was uns Normalsterbliche die Epigenetik lehrt

Schaut man sich die Literaturliste am Ende Ihres Buches an, ahnt man, dass Sie sich viele Jahre bereits mit Epigenetik beschäftigen. Was fasziniert Sie persönlich an diesem vergleichsweise jungen Wissenschaftszweig?
Die Epigenetik holt uns direkt bei unserer Lebenserfahrung ab: Sie erklärt, wie Geist und Körper sich ein ganzes Leben lang fortentwickeln – nicht nur während der Kindheit. Sie zeigt, dass wir keinesfalls in einem genetisch fixierten Vakuum existieren sondern das Produkt des unentwegten Austauschs unserer gesamten Physiologie mit der Umwelt sind.
Vor allem erforscht die Epigenetik die stoffliche Basis für diese Beobachtung. Als Biologe und Wissenschaftsjournalist kommt man an ihr deshalb schon seit einigen Jahren nicht mehr vorbei. Sie beeinflusst zahllose Disziplinen: Krankheitsvorsorge, Krebsforschung, Pädagogik, Pharmakologie, Psychologie, Psychiatrie, Geburtsmedizin, Alternsforschung, Evolutions- und Entwicklungsbiologie, Medizin, Stammzellforschung und so weiter.

Die wichtigste Phase für die Epigenetik ist die vor, während und nach der Geburt eines Kindes, hier kommt es zu zentralen Weichenstellungen. Gibt es Ratschläge, die der Neurobiologe (und mehrfache Vater) Peter Spork jungen bzw. zukünftigen Eltern mit auf den Weg geben möchte?
Der Epigenetiker Moshe Szyf aus Montréal hat gelacht, als ich ihm eine ähnliche Frage stellte. Noch gebe es kein ideales Rezept zur Kindererziehung und er wisse auch gar nicht, ob es ein solches jemals geben werde. Ich denke genauso: Vor allem zählen Liebe, Geborgenheit, Aufmerksamkeit und ein möglichst reichhaltiges Angebot, aus dem die Kinder selber wählen können. Die Eltern sollten sich keinesfalls verbiegen, nur weil sie irgendeiner Doktrin folgen wollen.
Während der Schwangerschaft und in den ersten Monaten nach der Geburt gilt es, extremen Stress zu vermeiden. Da muss der werdende Vater die Mutter entlasten. Oder die Eltern sollten sich nicht schämen, Hilfsangebote von anderen anzunehmen. Auch die Ernährung ist wichtig: Schwangere sollten sich möglichst gesund ernähren mit vielen frischen Obst-, Gemüse- und Milchprodukten, sich auf Schwangerschaftsdiabetes testen lassen und möglichst schon vor der Empfängnis Folsäuretabletten nehmen. Nach der Geburt sollten die Eltern darauf achten, dass die Kinder nicht bereits in jungen Jahren übergewichtig werden. Das gelingt zunächst am besten, wenn die Mutter das Kind stillt.