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Sie ist klein, noch kleiner als die französische Chansonette Mireille Mathieu, der «Spatz von Avignon». Vom Scheitel bis zur Sohle misst Bica 149 Zentimeter, ein Persönchen zwar, aber was für eine Persönlichkeit! (Am Ende wird sie gewachsen sein, auf 1,50 Meter, weil, wir alle wissen es, die Liebe Menschen schöner und offenbar auch größer macht.) Das Zimmermädchen Bica ist die Heldin in Paul Mesas wunderbar romantischem Roman Die kleine Göttin der Fruchtbarkeit.
Eine Portugiesin mit deutsch-französischen Einsprengseln, ein zartes Wesen, eine schöne Seele, eigensinnig, phantasiebegabt und überraschend rigoros, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat. Auf 236 Seiten begleiten wir Bica durch die aufregendste Phase ihres Lebens, in der ihre tote Mutter zurückkehrt, diverse Kondome grob zweckentfremdet werden und sie endlich ihren leiblichen Vater findet: in Lissabon, auf dem schönsten Friedhof der Welt. Kitsch? Keine Zeile. Stattdessen: das wahre Leben, das pure Glück!
Kondome zweckentfremdem? Ja, das tut sie, das ist eine Bica-spezifische Unart. Familienplanung auf ganz besondere Art. Wenn sie beim Reinemachen in den Zimmern des Kleinen Schoßhotels Kondome findet, pikst sie ein winziges Loch in die Latexhülle. Kann sein, dass sie irgendwann mal eine mütterliche Maxime, eine alte Familienregeln zur Befolgung durch die Nachgeborenenen missverstanden hat, die da lautet: «Wenn deine Eltern sterben, müssen Kinder da sein, um sie zu ersetzen, sonst kommen die Eltern nicht in den Himmel.»
Ihre Mutter ist vor dreizehn Tagen gestorben: Krebs, ein chronisch schwaches Herz. Was Maria Tevez nicht daran hindert, für einige Zeit ins Leben ihrer Tochter zurückzukehren, um sie, wie es so schön heißt, einzunorden auf die wichtigen Dinge des Lebens. Am wichtigsten für Maria aus Belém (1,64 m) ist, dass ihre Tochter 1. den richtigen Mann findet, der sie auf Händen durchs Leben trägt, und 2. so rasch wie möglich ein Kind bekommt. Aber das ist gar nicht so einfach – was auch daran liegt, dass Marias Kuppelversuche summa summarum eine einzige Katastrophe waren.
Paul Mesa schmückt die Geschichte mit vielen liebevoll-skurrilen Details aus. «Das Kleine Schoßhotel etwa hat seinen Namen vor allem einem Fehler des Grafikbüros zu verdanken, das Logo und Erscheinungsbild entwarf. Zur Eröffnung fehlte in dem verschnörkelten Schriftzug des Hotels ein kleines, aber entscheidendes L – auf fünftausend Prospekten, zehntausend Visitenkarten, Hunderten von Gläsern, Tellern, Servietten, Schürzen, Aschenbechern, Streichholzbriefchen, Duschhauben, Shampoopackungen, Kugelschreibern, Notizblöcken und Kalendern. Madame stellte fest, dass sie den neuen Namen lieber mochte als Das Kleine Schlosshotel: ‚Der Schoß der Familie, das passt’.»
Man sagt, dass es nirgendwo besseren Kaffee gibt als in Portugal. Bica heißt natürlich auch nicht zufällig Bica und ihr Affärenfehltritt nicht zufällig Galão (mit bürgerlichem Namen heißt der Mensch übrigens Gilbert Kindermann, ein wüster Frauenaufreißer vor dem Herrn). «Deine Mutter», das erzählte ihr einmal Tante Sofia, «hat viel Kaffee getrunken, vor deiner Geburt, sie liebt Kaffee, und weil du so klein warst und so frisch duftetest, nannte sie dich nach einem kleinen Kaffee. Wärst du ein Junge geworden, hießest du heute vermutlich Cafezinho. So aber wurde aus dir die süße Bica.»
Die aus dem Totenreich zurückgekehrte Mutter tut alles, um ihrer Tochter in Männerfragen mit zielführenden Ratschlägen zur Seite zu stehen. Wenn sich Maria mit etwas auskannte (neben dem Aufbrühen des weltbesten Kaffees und dem Faible für komplexe Hotellogistik), dann mit Männern. Ein halbes Dutzend Stiefväter flanierten durch Bicas Kindheit und Jugend, nur der eine, nach dem sie sich wirklich sehnte, ihr leiblicher Vater, der durfte für sie nicht existieren. «War Schluss mit einem Geliebten, war auch Schluss mit der Stadt.» Und so vagabundierten Mutter und Tochter Tevez durch halb Europa, immer auf der Suche nach dem lebenslänglichen Glück, der finalen Bestimmung: Lissabon, Marseille, Lyon, Straßburg, Saarbrücken etc.
Im zauberhaften Sintra, einer kleinen Stadt in den grünen Hügeln unweit von Lissabon, nimmt Bica Anlauf für ein 1-a-Happy-End. In Sintra führt ihre geliebte Tante Sofia einen Antiquitätenladen, sie sucht Bica auf, um endlich die Wahrheit über ihren Vater, den Fadosänger, herauszufinden. Auf dem Lissaboner Friedhof Prazeres, an der Endhaltestelle der legendären Straßenbahnlinie 28, fügen sich auf einmal die in alle Winde verstreuten Puzzlesteine ihres Lebens wie durch ein Wunder zusammen.
Hier hatten sich ihr Vater und ihre Mutter häufig getroffen, weil es ruhig und romantisch war. Gern legte er den nahen Toten eine ausgelesene Ausgabe von A Bola, der portugiesischen Fußballzeitung, aufs Grab. «Die Witwen reden am Grab immer nur von ihrer Familie und davon, wie leer das Haus ist und weil sie schuften müssen, um die Kinder durchzubringen. Sie entschuldigen sich, wenn sie mit einem anderen Mann ausgegangen sind, oder sie beschimpfen den Toten, weil er es wagte, sie zu verlassen. Keine von ihnen erzählt, wie Benfica gegen Porto gespielt hat.»
Dort oben, hoch über Lissabon, >, liegt Bicas Leben auf einmal wie ein aufgeschlagenes Buch vor ihr. Und was Bica in ihm liest, tut weh … und tut doch gut. Weil sich ihr plötzlich ein schmerzhaftes Geheimnis enthüllt, das Geheimnis ihrer Herkunft. Und weil auf einmal der Mann neben ihr steht, auf den sie immer gewartet hat. Nun kann sie ihre Mutter endlich gehen lassen, für immer. Nur eines bleibt für Bica Teves noch zu tun: Auf nach Java!
Von allen Kaffeegeschichten dieses Romans ist diese die schönste: die Erfüllung von Marias letztem Willen. «Es gibt dort auf Java ein Luxushotel inmitten einer Kaffeeplantage, ich habe die Inhaberin vor Jahren kennengelernt. Sie schickt mir alle drei Monate frische Kayumasbohnen für meinen eigenen Blend, nach Curry schmecken die, nach Meersalz, Eau de vie und Pflaumen, diesen Geschmack kannst du mit Händen greifen. In dem Hotel ziehen sie den Kaffee selbst auf, du siehst ihn wachsen, du erntest und röstest ihn, du hörst an seinem Knistern, wann er fertig ist, du mahlst und kochst ihn, er gehört ganz dir – ich wollte ein Teil dieses Kreislaufs werden, um mich herum den Duft der Kaffeeblüten nach Jasmin, Muskat, Vanille.»