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Niemand entzieht dem Leser so virtuos den Boden unter den Füßen, wie Paul Auster, der «Zeremonienmeister des Zufalls» (FAZ). Eben noch hat uns einer sein Leben erzählt, schon ist er – ein kleiner Wechsel der Perspektive nur – die imaginäre Figur eines Romans. Wer ist wirklich der, der zu sein er vorgibt? In Unsichtbar werden wir Zeuge eines teuflischen Spiels von Verführung und Verrat, Liebe und Lüge.
«Weil der doppelte Boden hier nichts rein Zirzensisches hat, sondern die disparaten Motive des Romans zu synthetisieren vermag, ist Unsichtbar Austers bislang bestes und tiefstes Buch. (...) Schlank, flüssig und geradezu plot-driven, erfüllt es die Tugenden des American writing in subversiver Absicht. Tatsächlich handelt der Roman, der sich perfekt mit dem Kolorit des sechziger Jahre – Martini-Moderne und Pariser Juliette-Gréco-Bohème – geschminkt hat, von der Gegenwart. Wieder verkommt das Land, weil Amerika gebannt in den Spiegel starrt. Paul Auster hat das vorausgesehen, indem er zurückblickt.» (Christopher Schmidt, Süddeutsche Zeitung)
Vor vierzig Jahren haben sie sich zuletzt gesehen, es war «der Sommer des Sechstage-Kriegs, der Sommer der Rassenunruhen in mehr als hundert amerikanischen Städten, der Summer of Love». Jetzt schickt Adam Walker seinem früheren Studienfreund, dem erfolgreichen Schriftsteller James Freeman, ein unfertiges Manuskript: «Ich brauche dringend Hilfe.» Bald darauf erhält Freeman einen zweiten Teil des Textes. Das Ganze sei autobiographisch, warnt Walker seinen Freund und fügt hinzu: «Es ist ekelhaft, Jim. Ich könnte jedes Mal kotzen, wenn ich daran denke.»
Was ist geschehen? Alles beginnt damit, dass der New Yorker Literaturstudent Adam Walker den jungen französischen Universitätsprofessor Rudolf Born kennenlernt (Forschungsschwerpunkt Katastrophen), eine faszinierende, aber undurchschaubare Figur. Er will Walker umgehend zum Redakteur einer neuen literarischen Zeitschrift machen. Doch bei einem Abendspaziergang durch Manhattan werden sie überfallen, Born sticht den Angreifer nieder. Während Walker die Polizei alarmiert, lässt Born den Verletzten verschwinden. Mit zahllosen Messerstichen wird er bald darauf tot aufgefunden. Born bedroht Walker massiv, nicht gegen ihn auszusagen, und als dieser nach einiger Zeit doch zur Polizei geht, ist Born Hals über Kopf nach Paris abgereist.
Lange wird Walker nicht loskommen von dem Vorfall, er stürzt ihn in tiefe Selbstzweifel. Er fühlt sich mitschuldig daran, dass Born fliehen konnte. Als er bald darauf für ein Auslandsjahr nach Paris geht, begegnet er Born wieder, der seine Unschuld beteuert. Walker fasst einen hinterhältigen Plan: Er will Borns Leben zerstören. Ein Rachedrama nimmt seinen Lauf.
Das ist das eine Buch: Walker und Born, der kluge, gerechte Student und der geheimnisvolle, zwischen Zynismus und Weltläufigkeit changierende Professor. Zunächst einmal hintergeht allerdings der nette Student den Professor und verbringt fünf Tage und Nächte mit dessen nicht minder anziehenden Freundin Margot, während Born verreist ist. Eine Amour fou, die das Leben des Studenten gehörig durcheinanderrüttelt. So sehr, dass Walker nun, bereits von einer tödlichen Krankheit gezeichnet, unbedingt noch einmal erzählen will, was damals geschehen ist.
Der zweite Teil seines Manuskripts gerät vollends zur Beichte. Walker und seine ältere Schwester Gwyn verband viel mehr als nur geschwisterliche Zuneigung. Während einer Nacht und später sogar einen heißen Sommer lang waren die beiden ein Liebespaar, getrieben von «inzestuöser Raserei», wie Walker schreibt. Deshalb die vorausgeschickte Warnung an den Freund James Freeman.
Aber war es wirklich so? Freemans Berichte bilden den anderen, zweiten Erzählrahmen. Nach dem Tod Walkers fällt Freeman ein fragmentarischer dritter Manuskriptteil zu, den er zum lesbaren Text ausformuliert. Als er alles der Schwester von Walker zu lesen gibt, ist sie erschüttert – und befremdet. Nie habe etwas Unziemliches zwischen ihr und ihrem Bruder stattgefunden...
In Paris sucht Freeman nach Spuren von Walkers Aufenthalt vor vierzig Jahren. Prompt findet er Cécile, eine damals heftig für Walker schwärmende Studentin, die sich bestens erinnert. Sie erzählt Freeman, was sich zwischen Walker und Born und ihr in Wirklichkeit abgespielt hat: Denn alles war ganz anders...
Unsichtbar ist ein munterer Schlagabtausch der Sichtweisen, ein großer Roman über Wahrheit und Täuschung. «Damit wir die Wahrheit sagen können, werden wir sie als erfundene Geschichte darstellen müssen.» Freeman, der als Schriftsteller alles über erfundene Wahrheiten weiß, sieht bei einem Nachtflug einen ganzen Kontinent mit neuen Augen: «Ein unsichtbares Amerika lag schweigend in der Dunkelheit unter mir.» Hinter der (möglichen) Realität gib es viele (reale) Möglichkeiten. «Denn tatsächlich», gesteht Walker sich einmal ein, «bist auch du dir ein Rätsel, und, ja, ein vollkommen Fremder.»
(Vorabdruck aus: Rowohlt Revue 90, Autor: Werner Irro)