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Paul Auster: Mann im Dunkel

© Alexandra Klever (Autorenfoto); Matrix Buchkonzepte

Paul Austers Roman Mann im Dunkel ist eine glanzvolle Parabel um Krieg und Macht, künstlerisch gewagt und unerbittlich kritisch. «Ein kleines, turbulentes, erotisches Meisterwerk.» (Die Zeit)

Dass er Geschichten erzählen kann, wissen wir Auster-Leser längst, und dafür, dass er sie in raffinierten Verpackungen serviert, lieben wir ihn. Mit seinem jüngsten Roman Mann im Dunkel hat Paul Auster mindestens in puncto Konstruktion noch einen draufgelegt.

Die Geschichte in der Geschichte der Geschichte

Da liegt also ein alter Mann schlaflos im Bett und versucht, die langen Stunden der Nacht zu überstehen. Nach einem schweren Unfall wird er von Tochter und Enkelin gepflegt. Man erfährt, dass August Brill, so heißt der Mann, offenbar quälende Erinnerungen von sich fernhalten möchte, die ihn vor allem nachts heimsuchen. Was man jedoch erst sehr viel später und spannungssteigernd fein dosiert erfährt, sind die Gründe für seine Flucht aus der Vergangenheit: Brill hat gerade seine Frau verloren, in seinem Leben aber auch anderen manches Leid zugefügt. Aus Furcht vor dem Aufbrechen alter Wunden lenkt er sich nächtelang mit ausgedachten Geschichten ab.

Einmal nun versetzt er einen gewissen Owen Brick in eine bedrohliche Parallelwelt. Dieser Brick erhält den Befehl, einen ihm gänzlich fremden Menschen zu töten. Der arme Kerl will aber niemanden töten und nur raus aus diesem vermeintlichen Albtraum. «Ich will in mein Leben zurück», sagt er, was natürlich verrückt ist, wo doch seine beiden Leben dem Kopf des alten Mannes entsprungen sind! Und so verwirrt ihn die Erklärung des Auftraggebers auch nur: «Es gibt viele Welten, und jede von ihnen wird in einer anderen Welt erträumt oder phantasiert oder von jemandem aufge­schrieben. Der alte Mann hat Sie erfunden, damit Sie ihn töten.» Erst dann dürfe er in seine eigene Welt zurückkehren. Und der umzubringende Mann heißt … August Brill! Brick sagt der Name nichts, aber uns Lesern, und spätestens jetzt beginnt uns der Kopf zu schwirren …

Autoreninfo

wurde am 3. 2.1947 als Nachkomme eingewanderter österreichischer Juden in Newark, New Jersey geboren. Er studierte Anglistik und vergleichende...
mehr über den Autor
Brooklyn-Sound, Auster-Sound

In Mann im Dunkel ein wunderbar vieldeutiger Titel im Übrigen – spielt Auster als Herr aller Wörter und Welten auf verhexende Weise eine uralte menschliche Phantasie durch: Würden nicht auch wir gern einmal gottähnlich Leben lenken, anstatt der Willkür des Schicksals ausgeliefert zu sein? Auster ist dieser Gott – als Menschen und Geschichten erfindender Schriftsteller ohnehin. Aber darüber hinaus erschafft er sich ein Alter Ego, jenen von Katastrophen gebeutelten schlaflosen alten Mann des Romans, von dem bis zuletzt offenbleibt, ob er selbst sterben oder lieber andere leiden lassen möchte oder beides gleichzeitig.

Dass bei alledem auch der berühmte Auster-Sound nicht zu kurz kommt, diese seine elegante Art, mit lockerer Hand unglaubliche Kalendergeschichten in die Erzählung einzustreuen, sei für Liebhaber nur nebenbei bemerkt.

(Aus: Rowohlt Revue 86, Autorin: Christel Dormagen)