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Pascal Hugues: In den Vorgärten blüht Voltaire

© Matrix Buchkonzepte

Weshalb in den Vorgärten der deutschen Metropole Voltaire blüht, das klären wir später. Der so rätselhafte wie reizvolle Titel von Pascale Hugues’ neuem Buch macht Lust auf mehr. Hierzulande kennen viele die französische Journalistin vor allem durch ihren Bestseller Marthe und Mathilde – die Geschichte ihrer beiden Großmütter, Französin die eine, Deutsche die andere und Freundinnen über alle Grenzen und Gräben ein Leben lang. Zeitungslesern in Berlin dürfte Pascale Hugues’ Name aber auch von der Kolumne «Mon Berlin» im Tagesspiegel geläufig sein; viele ihrer schönsten Texte sind jetzt in diesem Band versammelt. Zusammen ergeben sie ein hinreißendes Porträt ihrer Wahlheimat. Es dürfte kaum ein schöneres Geschenk an Berlin-Reisende geben als dieses Buch.

Die Themen von Hugues’ Kolumnen sind so vielfältig wie der Berliner Alltag facettenreich. Die berühmt-berüchtigte Ruppig- und Schnoddrigkeit, euphemistisch auch «Berliner Schnauze» genannt; das Phänomen des Blitz-Duzens; die grenzwertigen Versuche von Berlinern der Generation 40+, ihr Alter auf mitunter bizarre Weise zu leugnen; das Verschwinden traditioneller Friseursalons im Ansturm der Cut & Go-Express-Figaros; der faltige Charme der Avus – ein Hort der Widerständigkeit des alten West-Berlin; Spargel als Massendroge; die Simone de Beauvoirs vom Prenzlberg («pro Quadratkilometer die größte Schriftstellerdichte der ganzen Republik»); die Rehabilitierung der Geranie; Pétanque am Goldenen Hirsch u.v.m. Und ganz entzückend: Bügeln mit Bienzle, Sonntagabend zwischen 20.15 und 21.45 Uhr, Seepferdchen mit Pilskrone, morgens zwischen fünf und sechs, im Hallenbad am Sachsendamm und und und…

«Berlin, der Schutthaufen bei Potsdam» (Bert Brecht)

Pascale Hugues hat mehr als einen Koffer in Berlin. Sie hat ihr Herz an die Stadt verloren, in der sie seit zwanzig Jahren lebt und arbeitet, für Libération und Le Point und als freie Autorin für Die Zeit und den Tagesspiegel. Man muss die von Wind und Wetter und den Stürmen der Geschichte geschüttelte deutsche Metropole schon sehr gut kennen, um solche Sätze schreiben zu können:

«Ich liebe Berlin. Seine unglaubliche Vitalität, die Melancholie mancher Viertel, in denen ich mich bei Einbruch der Dämmerung in das alte Europa der fünfziger Jahre zurückversetzt fühle, die Energie, die diese zerrissene Stadt seit zwanzig Jahren aufbringt, um ihre beiden so lange getrennten Hälften zusammenzuschweißen. Ich liebe auch seine rührende Hässlichkeit. Man verliebt sich nicht auf den ersten Blick in Berlin. Anders als Paris, Rom oder London verzaubert Berlin nicht. Berlin hat kein schönes Gesicht. Es ist mit riesigen Löchern übersät und mit seelenlosen Gebäuden vollgestopft, die nach dem Krieg in aller Eile errichtet wurden. Berlin ist nicht elegant, nicht raffiniert, nicht reich. Berlin war ein Nachkömmling im exklusiven Club der Hauptstädte, es ist schnell gewachsen, schlecht und recht. Eine massige Metropole ohne wirkliche Wurzeln, vom Bombenkrieg zerfleischt, vom Kalten Krieg misshandelt. Ich liebe den Wind bukolischer Anarchie, der hier stärker als in jeder anderen europäischen Hauptstadt weht.»

Und welche Großstadt verfügt schon über so entzückende Straßennamen, «kleine Edelsteine, eingenäht in das dichte Gewebe» der Stadt! Sonnenallee, Venusstraße, Schneewittchenweg, Maikäferpfad, Hänsel-Gretel-Steig, Hagebuttenhecke, Aprikosensteig, Glühwürmchenweg, Rapunzelstraße, Lustgarten, Frauenschuh- und Männertreuweg … Das ist «Poesie im Faltplan»! Da kann man doch glatt über lachhafte Entgleisungen wie Spinatweg oder extrem unpoetische Kreationen wie Viereckweg oder Tunnelstraße hinwegsehen.

Autoreninfo

Pascale Hugues, geboren 1959 in Straßburg, war von 1986 bis 1989 Korrespondentin der Tageszeitung "Libération" in Großbritannien, danach bis 1995 in...
mehr über die Autorin
Pobacken aus Stahl für die Bikinisaison

Geführt von unserer kundigen Reiseführerin, flanieren wir durch die Stadt und dieses Kleinod von einem Buch. Am Schlachtensee treffen wir morgens auf paarweise joggende oder walkende Zehlendorferinnen, die sich nach den stalinistisch-sadistischen Vorgaben gängiger Frauenmagazine die Bikinifigur der Saison antrainieren wollen, während in den Abendstunden die Szenerie den Männern gehört: «Nix mit Poesie! Ein Schub viriler Energie ergießt sich plötzlich aus den Büros an die Ufer des Sees. (…) Mit schweren Körpern joggen einsame Männer die Uferpromenade entlang. Sie schweigen. Es geht sachlich zu. Energisches Tempo, feste Waden, große Schritte … Ein Universum der Tat und der Muskeln, ein Universum, in dem Angst keinen Platz hat.»

Sollten Sie wissen wollen, was es mit dem viele Satzenden zierende unschuldigen kleinen Wörtchen wa! auf such hat, hier wird es Ihnen ein- und nachdrücklich erklärt. Die Sache ist nämlich die, sagt Pascale Hugues: «Der Berliner hat immer recht. Und er hasst es, wenn man ihm widerspricht. (…) Eigentlich will der Berliner gar nicht wissen, welche Meinung der andere hat. Wäre der andere nicht einverstanden, wäre es dem Berliner auch recht. (…) In Wirklichkeit wendet das wa sich exklusiv an denjenigen, der es ausspricht. Es bestärkt ihn in seiner Meinung. Es beklatscht seine Sicht der Welt. Das echoende wa schmeichelt seinem Ego. Denn so ist es doch: Der Berliner hat meistens recht, wa

Dass Berlin im Allgemeinen und Berliner im Besonderen beim Rest der Deutschen hoch im Kurs stünden, lässt sich wirklich nicht sagen. Das musste auch Familie Hugues in ihren wohlverdienten Ferien erfahren, als ihr Strandkorb (mit lauter Adoptivberlinern) direkt neben einem Bielefelder Strandkorb zu stehen kam. «Ach tatsächlich, aus Berlin kommen Sie also! Also, wir kommen ja aus der Nähe von Bielefeld ...», aus der Zivilisation also. Auswärtige sprechen «Berlin» mit mehr als einem Hauch von Vorwurf, Widerwillen, ja Ekel aus.

Die Sache mit Voltaire

«Berlin, das wurde mir in diesem Sommer eindrücklich klar, ist für die Mehrzahl der Deutschen ein städtischer Kadaver im Stadium der Verwesung, zerfressen von sämtlichen Lastern der Menschheit: Prostituierte, die in lückenloser Formation die Bürgersteige säumen, Heroinhandel auf unschuldigen Schulhöfen, Kampfhunde, die in U-Bahn-Unterführungen angreifen, eine Russenmafia, die der Stadt ihre blutigen Gesetze diktiert, Politiker, die entweder korrupt der homosexuell sind (was für die Leser von Bild das Gleiche sein dürfte. Ein Riesenmoloch, bevölkert von fetten, aggressiven, mürrischen Proleten ohne jede Eleganz. Nach all den Jahren seit der Wiedervereinigung haben viele Deutsche noch immer nicht gelernt, ihre neue Hauptstadt zu lieben. Schlimmer noch: Sie haben Angst vor ihr.»

Apropos, Voltaire in den Vorgärten, das versprachen wir ja noch zu klären. Wussten Sie, dass der große Schriftsteller und Philosoph der europäischen Aufklärung ein ausgesprochenes Faible für Gartenkunst hatte – was ihn zweifellos zu einem Ahnherrn des gemeinen Berliner Volks von heute macht, wie Pascale Hugues überzeugend darlegt: «Die Berliner scheinen Voltaire zu ihrem Guru erkoren zu haben. Auf ihren Bürgersteigen pflanzen sie Rabatten aus Stiefmütterchen, lassen Klematisbögen die Bäume hinaufranken und Gartenzwerge gleich familienweise aufmarschieren; zwischen den Pflastersteinen züchten sie Petersilie. Die ganze Stadt jätet und schneidet, gräbt und sät aus. Jeder hegt seine kleine bukolische Oase, um das Grau der Metropole grün zu färben. Der schöpferische Elan kennt keine Grenzen ...»