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Eine Entdeckung! Wer kennt schon einen Krimi, der einen Steinwurf weg von den gigantischen Pyramiden von Gizeh entfernt spielt? Der in einer Parallelhandlung die mörderische Islamisierung von Ägyptens südlichem Nachbar Sudan beschreibt? Und der von einem Autor stammt, der europäische und (nord)afrikanische Perspektiven wie kaum ein anderer seiner Generation verschmilzt? Wer ein ungeschminktes Bild der ägyptischen Verhältnisse sucht und dafür etwas anderes lesen möchte als einen politischen Essay oder kritischen Reisebericht, wird Parker Bilals Roman Die dunklen Straßen von Kairo fasziniert lesen.
Parker Bilal ist das Pseudonym, unter dem der britisch-sudanesische Autor Jamal Mahjoub Kriminalromane schreibt. Mahjoub wurde 1960 in London als Sohn einer Engländerin und eines Sudanesen geboren; er wuchs in Khartum, der Hauptstadt der Republik Sudan, auf; später erhielt er ein Stipendium für das Atlantic College in Wales und studierte danach Geologie in Sheffield. Nach Jahren im dänischen Aarhus lebt Mahjoub nun in Barcelona. Auch wenn er längst in Europa zu Hause ist, in seinen vielfach ausgezeichneten Werken (u.a. Die Stunde der Zeichen und Die Beweglichkeit der Breitengrade) sind seine afrikanischen Wurzeln gegenwärtig.
Im Sudan war Makana ein glücklicher Mann. Als Polizeibeamter in Khartum hatte er den Job, der zu ihm passte – unbeirrbar und unbestechlich Verbrechen aufzuklären, der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen, das war seine Auffassung von Polizeiarbeit. Als Munas Ehemann und Vater der kleinen Nasra hätte er nicht glücklicher sein können. Bis das Verhängnis über Makana und seine Familie hereinbrach. Am Ende waren seine Liebsten tot und er selbst ein traumatisierter Mann auf der Flucht. «Es gab Gerüchte über Geheimgefängnisse, Geisterhäuser, Folter und Erschießungen ohne jegliche Gerichtsverhandlung oder Berichtsführung. (…) Er hatte damals keine andere Wahl gehabt. Es hieß gehen oder sterben.» Den radikalen Islamisten war Makana ein Dorn im Auge, mehr aber noch Muna, als Doktorin der Biologie und Universitätsdozentin das personifizierte Feindbild. Frauen wie Muna, die «entschieden haben, nicht so zu leben, als hätten wir noch das siebte Jahrhundert», landeten leicht auf der Todesliste der Radikalen.
In Kairo fand Makana keine neue Heimat, aber eine Bleibe. Auf einem abgetakelten, aber nicht unromantischen alten Hausboot auf dem Nil: «ein Floß mit Wänden, um die Welt draußen zu halten. Ein Traum. Eine Idee.» Seinen Lebensunterhalt verdient er als Detektiv. Fast immer waren es kleine, unspektakuläre Fälle, bei denen seine Dienste für geringes Salär gefragt waren. Bis Saad Hanafi ihn zu sich zitierte. Hanafi war buchstäblich aus der Gosse gekommen; nun war er einer der reichsten Männer Ägyptens. Sein weitverzweigtes Imperium aus Immobilien und Industriebeteiligungen gründete auf einer kriminellen Basis: Schutzgelderpressung und Bandenterror waren der Grundstein für eine Karriere als respektierter Unternehmer, der als Bauunternehmer eindeutig zu den Profiteuren der Wirtschaftsliberalisierung von Präsident Sadat zählte.
Ganz nebenbei ist er auch noch Besitzer des Hanafi DreemTeem, einer der besten Fußballmannschaften des Landes. Dessen bester Mann ist seit zehn Tagen spurlos verschwunden: Adil Romario, ein Idol nicht nur der fußballverrückten Jugend Kairos, einer der begehrtesten Junggesellen des Landes. Von Beginn an ist Makana skeptisch, er spürt, dass es um eine viel größere Sache geht als um einen vermissten Fußballstar. Sein Auftraggeber verschweigt mehr, als er an Informationen herausrückt: Um Ruhe zu haben, sei Adil immer mal wieder zum Schwimmen oder Tauchen nach Sharm El-Sheikh gefahren oder nach Mombasa, aber stets sei er nach wenigen Tagen wieder in Kairo aufgekreuzt.
Es dauert nicht lange, bis Makana herausfindet, dass Hanafis erste Frau und sein Sohn nicht bei einem tragischen Verkehrsunfall umkamen, wie es die offizielle Version vorgaukelt. Sondern durch einen Killer, der die beiden vor Hanafis Augen erschoss: Dino Bulaat, erst dessen rechte Hand als Bandenchef und später sein erbittertster Feind.
Ein Zufall bringt ihn mit Elizabeth Markham zusammen. Die Engländerin – verstoßene Tochter eines britischen Lords – sucht seit langem verzweifelt nach ihrer Tochter Alice, die vor 17 Jahren bei einem Spaziergang im Basar spurlos verschwand. Ein Rätsel; klar ist nur, dass das Mädchen einen ägyptischen Vater hat, dass ihr Verschwinden in irgendeinem Zusammenhang mit den blutigen Bandenkriegen auf den Straßen Kairos steht – und die ägyptische Polizei offenbar keinerlei Anstrengungen unternahm, das Kind zu finden. Mit dem Rätsel um Alice hält Parker Bilal uns bis auf die allerletzten Seiten des Romans in Spannung.
Welche Rolle spielt die schöne Soraya Hanafi, Chefin in spe der Hanafi-Firmengruppe? Weshalb hat der alte Hanafi eigentlich einen Narren gefressen an diesem Fußballer, über den Makana bei seinen Nachforschungen praktisch kein gutes Wort hört? Warum rückt der ehemalige Tschetschenienkämpfer und Geheimdienstmann, der Russe Vronsky, immer mehr ins Zentrum der Ermittlungen? Und wie hängt eigentlich die Entführung des Mädchens mit dem vermissten Adil Romario zusammen?
Gemeinsam mit dem Journalisten Sami Barakar, der ganz eigene Interessen verfolgt und sich wie eine Klette an ihn hängt, versucht Makana, langsam Licht ins Dunkel des komplizierten Falles zu bringen. Aber hat er nicht von Anfang an gewusst, dass alles mit allem zusammenhängt, «in diesem Land, in dem alles arrangiert werden kann zu einem gewissen Preis»? Aber Makana ist ja nicht allein: Zwar schmeißen ihm seine Kollegen von der Kairoer Kriminalpolizei ständig Knüppel zwischen die Beine; dafür aber nimmt ihm Sami Barakat einiges an Nachforschungen ab – auch wenn der Sportjournalist definitiv andere Interessen in Sachen Adil Romario verfolgt …