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Oliver Sacks: Der einarmige Pianist

Der New Yorker Neurologe Oliver Sacks wurde durch seine neurologischen Studien weltberühmt, die uns Einblicke in eine fremde, faszinierende Welt verschaffen. Sacks schreibt über Menschen, die ihre Frau mit einem Hut verwechseln, die Wundschmerzen in amputierten Gliedmaßen spüren. Über Menschen, die am Tourette-Syndrom leiden und dennoch als Chirurgen operative Feinarbeit verrichten – über Menschen also, die sich aufgrund neurologischer Störungen jenseits der Norm bewegen.
In seinem neuen Werk Der einarmige Pianist (Musicophilia im amerikanischen Original) versucht er eines der letzten Mysterien zu ergründen: die Wechselwirkung von Musik und Gehirn. Musik hat keine zwingende Beziehung zur Welt und ist doch lebenswichtig – und war es vermutlich schon für unsere ältesten Vorfahren. Musik ist eine Macht, eine universelle Sprache. Sie spricht unseren Geist, unsere Seele und erst recht unseren Körper an. «Die unaussprechliche Tiefe der Musik», schrieb Schopenhauer, «so leicht zu verstehen und doch so unerklärlich.»

«Ich schlafe mit Musik ein, ich wache mit Musik auf»

Sacks beschreibt die komplexen Wechselwirkungen von Gehirn (bzw. Hirnschädigungen) und Musik: totale Empathie und krasse Amusie (Che Guevara!); musikalische Halluzinationen bis hin zur Auslösung epileptischer Anfälle; das Phänomen der Synästhesie, also der Korrelation bestimmter musikalischer Elemente; das Wunder des absoluten Gehörs; die Nutzbarmachung von Musik für therapeutische Arbeit mit Schlaganfallpatienten, Parkinson- und Demenzkranken u.v.m.

Er erzählt faszinierende Geschichten von «Umpolungen» oder wie auch immer man bestimmte Phänomene beschreiben will. Etwa die eines Komponisten atonaler Musik, der plötzlich unter den Einfluss von Musikhalluzinationen gerät, die nicht nur tonal, sondern geradezu kitschig sind. Oder die eines Musikers, dessen Gedächtnis sich in Nichts aufgelöst hat – bis auf die Erinnerung an Musikstücke.

Zwei Phänomen faszinieren ihn in besonderem Maße: die Frage, weshalb es so viele blinde Musiker von Rang gibt (Stevie Wonder, José Feliciano, Art Tatum, Ray Charles, Blind Lemon Jefferson, um nur einige große Namen zu nennen). Und weshalb so viele blinde Musiker über das absolute Gehör verfügen, über die Fähigkeit also, jeden Ton ohne Referenzton sofort erkennen zu können. Es klingt kurios, ist aber nur konsequent, wenn Musiker mit dem absoluten Gehör einen Tinnitus als «hohes F» beschreiben oder sagen, dass jemand sich in G-Dur schnäuzt. Der finnischer Insektenkundler Olavi Sotavalata soll in der Lage sein, den Falter Plusia gamma allein an seinem Fluggeräusch erkennen – 46 Flügelschläge pro Sekunde. Wenn das kein Wunder der Natur ist!

Autoreninfo

Oliver Sacks, geboren 1933 in London, praktiziert als Neurologe und ist der Autor von zehn Büchern, darunter «Der Mann, der seine Frau mit einem Hut...
mehr über den Autor
Bach und Räucherlachs

Eine ergreifende Geschichte handelt von einem sogenannten idiot savant, einem geistig zurückgebliebenen Mann in einem Pflegeheim, der über eine phänomenale Fähigkeit verfügte: Er kannte mehr als tausend Opern auswendig, außerdem alle Bach-Kantaten und den Messias. «Dabei erinnerte er sich nicht nur an die Melodien, sondern hatte sich beim Anhören der Aufführungen auch gemerkt, was jedes Instrument spielte und was jede Stimme sang (…) Es ist das hervorstechendste Merkmal der Savant-Syndrome, dass es zu einer Übersteigerung bestimmter Fähigkeiten kommt, während andere eingeschränkt oder nicht richtig entwickelt werden.»

Was seine eigene Musikalität anbelangt, äußert sich der New Yorker Neuropsychiater eher zurückhaltend. Er entstammt zwar einer enorm musikalischen Familie – sein Vater ging gar mit Partituren als Abendlektüre ins Bett –, beschreibt sich selbst aber als eher passiven Musikkonsumenten. «Als ich fünf Jahre alt war, wurde ich einmal gefragt, was mir die liebsten Dinge auf der Welt seien, und ich soll geantwortet haben: Bach und Räucherlachs. Das hat sich eigentlich bis heute nicht verändert.»

Dies ist ein Buch, das man nicht an einem Stück lesen muss. Aber man wird es immer wieder hervorholen, um sich an so bezaubernden wie bizarren Dingen zu berauschen wie der Tonart Hellgrün, dem blauen Stück in D-Dur oder den Kompositionen für den einarmigen Wiener Pianisten Paul Wittgenstein.