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Oliver Sacks: Das innere Auge

© images.com/corbis

Nur Spezialisten, die auch versierte Geschichtenerzähler sind, können ihr Fachgebiet für Außenstehende öffnen und uns nahebringen, was sie tun. Dann aber prägen sich ihre Fallgeschichten oft unvergesslich ein, wie etwa in Sigmund Freuds Psychopathologie des Alltagslebens oder auch in Paul Watzlawicks Anleitung zum Unglücklichsein, Werke voll von eindrücklichen – und obendrein wahren – Beispielen menschlicher Verhaltensweisen.
Auch Oliver Sacks beherrscht die Kunst, von seiner Arbeit als Arzt zu erzählen, auf hohem Niveau, wie seine neuen Fallgeschichten Das innere Auge eindrucksvoll zeigen. Sein 1987 veröffentlichtes Buch Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte gilt als Klassiker der beobachtenden Analyse und avancierte nebenbei zu einem geradezu sprichwörtlichen Titel. Kleinste Veränderungen im Gehirn mit allerdings weitreichenden Folgen – kaum einer kann den Kosmos unseres Gehirns so packend beschreiben wie der heute 77-jährige Neurologe.

Empfindlich und rätselhaft: das Auge

In Das innere Auge versammelt Sacks diesmal Fallgeschichten, die um das vielleicht empfindlichste, rätselhafteste Sinnesorgan des Menschen kreisen: das Auge. So kann die 67-jährige Lilian Kallir, eine hervorragende Pianistin und eine gebildete, weltoffene Dame, zwar jedes Wort, jeden Buchstaben und jede einzelne Note sehen – nur ergeben sie für sie keinen Sinn. Die visuelle Erkennung funktioniert nicht.

Oliver Sacks erläutert das in einem Gespräch mit dem SPIEGEL: «Das ist Wahrnehmung ohne Bedeutung. Ich glaube, jeder kennt dieses Gefühl. Proust hat es einmal beschrieben: wie er eines Morgens in einem fremden Raum aufwacht und nicht mehr weiß, wo er ist und wer er ist. ‚Erinnerung ist das Seil, heruntergelassen vom Himmel’, sagt er. Bei Lillian jedoch kommt die Erinnerung eben nicht mehr vom Himmel herab.»

Autoreninfo

Oliver Sacks, geboren 1933 in London, praktiziert als Neurologe und ist der Autor von zehn Büchern, darunter «Der Mann, der seine Frau mit einem Hut...
mehr über den Autor
Ein eigener Kosmos: das Gehirn

Den kanadischen Schriftsteller Howard Engel traf es gänzlich unvorbereitet. Als er am Morgen die Zeitung hereinholte und zu lesen beginnen wollte, dachte er zunächst an einen Streich, den ihm jemand gespielt hatte: Die Zeitung war in einer fremden Sprache gedruckt, mit Lettern, die ihm kyrillisch oder koreanisch vorkamen, ein großes Rätsel. Die gesamte Aufmachung der Zeitung wirkte vertraut wie immer, nur konnte er kein Wort lesen. «Panik hätte mich wie der sprichwörtliche Keulenschlag treffen müssen», schreibt er an Sacks. «Doch stattdessen verspürte ich nur eine vernünftige, geschäftsmäßige Ruhe: ‚Da man sich keinen Scherz mit mir erlaubt hat, folgt daraus, dass ich einen Schlaganfall erlitten habe.‘» Die Untersuchung im Krankenhaus bestätigt seine Vermutung.

Ein begrenztes Areal der Sehrinde war in Mitleidenschaft gezogen, er konnte nichts mehr lesen, ein Apfel sah für ihn unverständlich exotisch aus, er hatte seinen Namen vergessen. Zu seiner großen Verblüffung aber stellte er fest, dass er noch schreiben konnte! Sacks zeigt präzise, was beim Sehvorgang im Auge geschieht, und was das Gehirn leistet. Wie wirkt sich die Störung des Sehsinns auf unser Vorstellungsvermögen aus? Erstaunliche Beispiele belegen, wie Gehirnsysteme ausgefallene Aufgaben von benachbarten Regionen übernehmen können. Besonders faszinieren die Schilderungen, wie der Ausfall des Sehens die Kraft, Sensibilität und Plastizität der übrigen Sinne stärken kann.

Der Autor als Patient

Doch dieses Buch hat auch eine ganz persönliche, tragische Seite: der Autor wird darin gewissermaßen selbst zur Fallstudie. Als Oliver Sacks vor fünf Jahren an einem bösartigen Tumor im rechten Auge erkrankt, beginnt er Tagebuch zu schreiben: eine Chronik der Angst und der Zuversicht, unerschütterlich von genauen Beobachtungen unterfüttert. Jahre später, geheilt, stellt er aufatmend fest: «Die Zeit ist doppelt so kostbar geworden.»

Sacks weiß, wie viel nach einer Krankheit davon abhängen kann, ob ein Patient die neuen Bedingungen akzeptiert und an sich arbeitet, um kleinste Fortschritte zu erreichen. Das vielleicht anrührendste Beispiel ist eine Galeristin, die nach einem schweren Schlaganfall halbseitig gelähmt bleibt. Auch ihr Sprachvermögen ist stark eingeschränkt, sie kann sich nur noch durch Blicke und Gesten verständlich machen. Mit eisernem Willen und viel Unterstützung kehrt sie aber doch ins Leben zurück: Sie fährt im Rollstuhl einkaufen, wird von den Händlern gegrüßt, geht gerne in Musicals und ist ein wichtiger Mittelpunkt der Familien ihrer Töchter. Sacks beobachtet staunend, «wie unbändig sie das Leben liebte» – und wie es ihr gelingt, sich einen erfüllten und abwechslungsreichen neuen Alltag zu schaffen.

Auch Howard Engels Lebensgeschichte ist dafür ein Beispiel. Obwohl sich sein Zustand kaum verbesserte, gelang es ihm, die körperlichen Ausfälle anzunehmen – und drei weitere Bücher zu schreiben.

Text: Werner Irro