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Steckbrief: Geboren am 19. Juni 1978 in Würzburg. Größe: 2,13 Meter. Position: Power Forward. Vereine: DJK Würzburg (1998–1999), Dallas Mavericks (seit 1999). NBA-Draft: 9. Pick (Milwaukee Bucks). Mehr als 110 Spiele in der deutschen Nationalmannschaft. Wie Dirk Nowitzki seinen Weg vom begabtesten deutschen Basketballer zum Star der amerikanischen Profiliga NBA sieht, erzählt er hier selbst.
2,07 Meter? Keine Panik! Im Würzburger Röntgen-Gymnasium kannte ich niemanden, da fühlte ich mich verloren, gerade wenn es zu komischen Situationen kam wegen meiner Größe. In der fünften, sechsten Klasse war ich bereits fast so groß wie manche Lehrer, und wenn ich an die Tafel gerufen wurde und dort auf den Lehrer hinunterblickte, sah das wohl recht seltsam aus. Ich fühlte mich jedenfalls nicht wohl in meiner Haut. Deshalb ließ ich die Handwurzel-Untersuchung machen. Weil ich wissen wollte, wo das noch hinführt. Das Ergebnis war seinerzeit unvorstellbar für mich – zwei Meter sieben! Doch zwei Meter sieben waren kein Grund, panisch zu werden. (Und die heutigen 2,13 Meter erst recht nicht …)
Der Weg in die NBA. In den Tagen nach der Draft 1998 hatte ich kaum Zeit zum Nachdenken. Alles kam so schnell auf mich zu, zu schnell eigentlich, wenn man bedenkt, dass mein sportliches Leben damals in nur vier Tagen entschieden wurde. Dass ich gleich bei der NBA einsteigen würde, konnte keiner voraussehen, auch wenn ich mich bereits mit Rick Pitino, dem Coach der Boston Celtics, in Rom ziemlich heimlich in einer Sporthalle am Stadtrand getroffen und ihm vorgespielt hatte …Ich war aber nicht überzeugt, dass ich mich in der NBA körperlich durchsetzen würde.
Trainer Holger Geschwindner. Er ist kein einfacher Mensch, bei ihm weiß man nie, was als nächstes kommt. Sein Training war ein bisschen eigen, um es einmal so zu sagen, und manchmal dachte ich: Was will er eigentlich von mir? Gleich im ersten Jahr mit ihm machte ich Riesenschritte, obwohl Holger bei mir quasi bei Null anfing. Er stellte erst einmal meine Wurfbewegung komplett um, aber das half mir entscheidend weiter. Mein Respekt vor ihm wurde immer größer, auch wenn ich teilweise affige Übungen machen musste, bei denen die älteren Spieler nur zuschauten und lachten. Aber uns Jüngeren machte es Spaß, deshalb blieben wir am Ball. Ich sage ihm heute noch, dass er als Mannschaftstrainer nicht der richtige Mann ist. Er ist ein Super-Einzelcoach, für mich der beste der Welt mit all seinem Wissen und seiner Fähigkeit, dieses Wissen zu vermitteln.
B’ball is Jazz … Als Holger beim Training dann auch noch mit Musik anfing, war das sehr gewöhnungsbedürftig. Für alle war es erst einmal komisch, dass sein Freund Ernie Butler auf einmal dabei war, auf dem Saxophon blies und wir uns nach der Musik bewegen sollten. Holger wollte damit erreichen, dass wir Basketball nicht als schematische Laufarbeit begreifen, dass alles eine spielerische Note bekommt. Ich glaube, dass ich seinen Denkansatz mittlerweile verstehe. Aber wenn er sagt, Basketball müsse getanzt werden – das finde ich dann doch ein bisschen übertrieben.
Geld, Sex & Tischmanieren. Das Rookie Transition Camp in Washington war eine Art Seminar für die Neulinge, auf dem wir ein Wochenende lang jeden Tag von früh um acht bis nachmittags um fünf Vorträge zu hören bekamen über Ruhm und Reichtum, Geldanlagen, Frauen und Geschlechtskrankheiten. An einem Abend wurden wir in einen großen Raum geführt. Überall waren Tische gedeckt für ein feierliches Essen. Da wurden uns vornehme Tischsitten beigebracht – welches Messer man für welchen Gang benutzt, welches die Salatgabel ist und so weiter. Ich wusste das alles von zu Hause, aber ich bin nicht sicher, ob die anderen diese Tischsitten auch schon kannten …
Pessimismus, was sonst? Noch heute ist es so, dass ich an mir zweifle, wenn ich einmal schlecht gespielt habe. Aber ich glaube, dass mich genau das sauch wieder antreibt. Ich sage dann zu mir: Gestern hast du zehnmal danebengeworfen, heute übst du deshalb eine Stunde länger. Selbst wenn es gut läuft, denke ich: Wenn du jetzt nicht zum Üben in die Halle gehst, überholen dich die anderen. Steve Nash sagt immer, ich sei der pessimistischste Mensch, den er kenne.
Babyboomer Steve. Was mich fast schockierte, war, dass auch Steve Nash ging. Oder gehen musste. Kurz vor den Playoffs hatte er erfahren, dass seine Freundin schwanger war und Zwillinge erwartete. Das hieß: Er hatte den Kopf nicht hundertprozentig frei. Ich vermute, dass Mark dies nicht wusste, als er entschied, Steve kein besseres Angebot (als die Phoenix Suns, d.R.) zu machen. Im Nachhinein betrachtet war das wohl eine der größten Fehlentscheidungen in der NBA-Geschichte: Wir ließen Steve ziehen, und er wurde in den beiden Jahren danach zweimal MVP, wertvollster Spieler der Liga.
It’s Kobe-Time! Kobe Bryant von den Los Angeles Lakers ist für mich derzeit der mit Abstand beste Spieler der Welt, was die individuellen Fähigkeiten angeht. Sein Repertoire ist komplett, er hat einen guten Wurf, einen schnellen Schritt, enorme Sprungkraft. Kobe kann null Punkte machen in den ersten drei Vierteln, aber wenn es darauf ankommt, macht er im vierten Viertel plötzlich noch 25 oder sogar 30. Außer Michael Jordan habe ich keinen gesehen, der ein Spiel so übernehmen kann wie er.
Most Valuable Player 2007. Die Verleihung der MVP-Trophäe ist ein unglaublich stolzer Moment in meiner Karriere: Ich werde daran wahrscheinlich für den Rest meines Lebens zurückdenken. Aber die Erinnerung wird auch immer verbunden sein mit dem Erst-Runden-Aus in den Playoffs (2:4-Niederlage gegen die Golden State Warriors, d.R.). Der MVP-Award, den ich bekam, ist nun mal ein Preis für die regular season und nicht für die Playoffs. Dass ich ihn als erster Europäer bekommen habe, macht mich sehr stolz.
Olympia in Peking. Ehe die deutsche Mannschaft endlich ins Olympiastadion durfte, standen wir noch einen Moment im Marathontunnel. Und plötzlich fing irgendeiner von hinten an zu singen: „Wir woll’n die Fahne sehn, wir woll’n die Fahne sehen!“ Andere fielen ein, und das Echo von den Wänden verstärkten sich. Mir lief es trotz der Hitze eiskalt den Rücken hinunter. Und als ich dann beim Einmarsch auf die Tribünen, auf die 90.000 Zuschauer schaute – einfach überwältigend.
When I’m 64 … Mir ist bewusst, dass ich zehn Jahre lang Raubbau betrieben habe an meinem Körper. Jedes Jahr hundert Spiele und mehr in der NBA, die Turniere mit der Nationalmannschaft, dazwischen das Training mit Holger, das teilweise härter ist als jedes Spiel, dazu das ganze Jahr über die Fliegerei – das ist ein Mammutprogramm, das ich nicht bis zum Ende meiner Karriere durchziehen möchte. Mein Körper braucht allmählich etwas Ruhe.