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Ein Mädchen steigt den einsturzgefährdeten roten Backsteinturm im Berliner Grunewald hoch. Zweihundertsieben brüchige Betonstufen. An der Mauerbrüstung bleibt sie stehen, Aber ehe Luisa sich ins Leere fallen lassen kann, hält sie ein starker Arm zurück. «Da steht der seltsamste Junge, dem ich je begegnet bin, und hält mich wie ein Anker im Leben …»So beginnt Nora Mellings Debütroman Schattenblüte, Auftakt einer Reihe romantisch-phantastischer Abenteuer – spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Thursen, der Junge mit den Schattenaugen, ist einer der «Verborgenen»: ein Werwolf. Mit jeder neuen Verwandlung wird er mehr zum Tier, die Erinnerung an alles, was sein früheres Leben ausmacht, verblasst. Und Luisa weiß: Für ihre Liebe zu Thursen würde sie alles tun, alles …
Den Tod ihres kleinen Bruders hat Luisa nicht verkraftet. Sie nicht und ihre Eltern nicht, deren Ehe am Schmerz des Verlusts und der selbst verordneten Sprachlosigkeit zu zerbrechen droht. Fabian hatte sich beim Rodeln das Bein gebrochen. Als die Ärzte ihn röntgen, finden sie «noch eine Kleinigkeit … Das Wort Metastasen hat viele Buchstaben, und jeder steht für eine andere Art des Grauens.» Ein paar Monate später ist er tot. Es ist der 17. Mai, der Tag, der für Luisa alles verändert. Überstürzt verkaufen seine Eltern das Haus in Hamburg und flüchten nach Berlin. In eine neue Umgebung, in eine andere Leere – für Luisa eine Katastrophe. Ein Jahr nach diesem 17. Mai steht sie auf dem Grunewaldturm. Bereit für diesen einen letzten Schritt.
Es sind die Augen des Jungen,, der Klang seiner Stimme, die sie im Leben gehalten haben. Tagelang streift sie durch den Grunewald, um ihn zu finden. Als sie ihren Lebensretter endlich entdeckt, packt sie die Angst. Überall laufen wilde Hunde herum, ein ganzes Rudel: struppig, schattenschwarzes Fell, gelbblitzende Augen, scharfe Zähne – Wölfe.
Thursen lebt mit einer Gruppe Jugendlicher im Wald versteckt, fernab der Hektik Berlins. Mit dem Leben der Großstadt wollen sie nichts mehr zu tun haben, dem Leben, mit dem, was sie demoralisiert und kaputtgemacht hat. Thursen will sein Geheimnis und das seiner Freunde nicht verraten, weil er Luisa schützen will. Aber das Mädchen lässt sich nicht abschütteln. Was sie dann von Thursen erfährt, raubt ihr beinahe den Atem.
Alle, die hier als verschworene Gemeinschaft zusammenleben, standen einmal da, wo Luisa gestanden hat: am Abgrund. Den Blick nach unten, ins Nichts. Waren weggelaufen vor irgendeinem Schmerz, einem Schrecken, einer übermächtigen Angst. Aber in ihrem Wunsch, zu verdrängen und zu vergessen, waren sie einen anderen Weg gegangen als Luisa – sie wurden zu Werwölfen. «Werwölfe sind stärker als Menschen, nicht so verletzlich. Es ist, als könnte einem nichts mehr etwas anhaben … Das ist unser Weg. Das ist es, wie wir das Leben ertragen können.»
Thursen und die feenhafte Sjöll, Norrock, Karr, und die anderen – ein «Club der Lebensmüden»? Sie alle können ihre Menschengestalt aufgeben und zu Wölfen werden. Irgendwann ist der Punkt überschritten, und die Erinnerungen an die alte Existenz sind ausgelöscht, nicht einmal mehr an den eigenen Namen erinnern sie sich. Dann ist aus dem Werwolf ein Wolf geworden. Und Luisa begreift: «Der Wolf, der mir schon Tage und Wochen vorher gefolgt war. Das war immer Thursen gewesen. Nicht sein Wolf. Thursen selbst.»
Verliebt in einen Werwolf? Luisa weiß nicht wohin mit ihren Gefühlen. Ihr ganzes Leben scheint sich aufzulösen. Sie schwänzt die Schule, verliert jede Bindung an ihr Zuhause. Ihr selbstsüchtiger, gefühlskalter Vater verdonnert sie zu Hausarrest («Werde endlich erwachsen, Luisa“»), und auch ihre Mutter findet auch keinen Zugang zu ihr. Einzig Anja und deren kleine Tochter Lotti geben ihr ein Gefühl von Geborgenheit und Wärme. Aber soll sie ihrer Nachbarin vielleicht erklären, ihr Freund sei ein Werwolf – mal Mensch, mal Tier, aber ansonsten ein ganz entzückendes Wesen?
Luisa wird um ihre Liebe kämpfen, mit allem, was sie zu geben hat, denn Thursen hat die Schwelle zum Wolfsein noch nicht endgültig überschritten. «Ich kämpfe um jeden Tag, den ich dich noch habe.» Aber ihnen bleibt wenig Zeit. Es gibt nur einen Weg: Sie muss herausfinden, wer Thursen wirklich ist – wie er heißt, wo er gewohnt hat, wer seine Eltern und Geschwister waren. Und was ihn dazu gebracht hat, sein altes Leben hinter sich zu lassen Nur so kann sie Thursen zurückzuholen. Ins Leben, in ihr Leben.
Nora Melling schildert in Schattenblüte einfühlsam die Zerrissenheit ihrer Protagonistin Luisa: ihre Trauer und Verstörung, ihre Liebessehnsucht, die Verstörung, das Entsetzen angesichts der dunklen Nachtgestalten. Romantic Fantasy vom Feinsten – und: Fortsetzung folgt!