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Nils Heinrich: Wir hatten nix, nur Umlaute

© Thorsten Wulff


  

Nils Heinrich, Jahrgang 1971, heißt mit bürgerlichem Namen Nils Heinrich. Er hat schon als Hochzeits-DJ und Radiomoderator gearbeitet, ist allerdings gelernter Konditor (Ostschrippen & Westbrötchen). In seinem Buch erzählt er von einer «Kreisstadtjugend mit Systemwechsel»: lustig, cool und mit reichlich satirischer Schärfe.

Nils Heinrich arbeitet sich in Wir hatten nix, nur Umlaute am Land seiner Herkunft ab: an den realsozialistischen Idealen, an den idiotischen Ritualen, am ganz normalen DDR-Alltag. Und am Untergang dieses gerontokratisch regierten Staates 1989 samt all dem Wendeglück und den Wendeunpässlichkeiten seit 1989. Eigentlich ein wunderbares Geschichten- und Geschichtsbuch für Menschen jüngeren Geburtsdatums. Denn ist die Mauer nicht (fast) «schon wieder länger weg, als sie überhaupt stand»? Wir rechnen mal nach, irgendwann.

Der Mann aus Sangerhausen hat einen ganz speziellen Sound drauf: derb und direkt, mit Wortwitz und anarchischem Furor. (Zum Ekeln großartig ist zum Beispiel der kleine Exkurs zur Gelatine, Abteilung: Tierkörperverwertung in der DDR, Seite 16 ff.!) Die ehemalige Berg- und Rosenstadt Sangerhausen war zu DDR-Zeiten recht gut durchindustrialisiert: Es gab eine Maschinenfabrik («Mafa»), eine Fahrradfabrik («Mifa»), eine Malzfabrik («Malza»?), außerdem eine Feilenfabrik, den Thomas-Müntzer-Schacht (Kupfer!) und natürlich, wie überall sonst, eine LPG.

Nils Heinrich: zum Hören und Lesen! Sein Laktoseintoleranz-Rap
auf YouTube erfreut sich größter Beliebtheit. Seine gesammelten Texte bei rororo auch! Hier einige Kostproben aus Wir hatten nix, nur Umlaute:

Zuhaus' im kleinen Gernegroßland DDR

Deutsche Demokratische Republik. Die DDR war ein kleines Gernegroßland mit subventionierten Kindergärten in grauen Städten, günstigen und knappen Mietwohnungen in kaputten Häusern, luftgetrocknetem Suppengemüse, Schwefel zum Einatmen, genannt ‹Luft› und kostenloser medizinischer Versorgung. (…) Ich wuchs im Sozialismus auf, einer sympathischen Schnapsidee, die leider nicht funktioniert hat. Hätte man den Menschen damals ihr Ego wegoperiert oder alle Gehirne mit geheimnisvollen Strahlen behandelt, die Geiz, Gier, Neid und Missgunst unterdrücken, wäre vielleicht was draus geworden.

Einigen gutgläubigen Träumern … wurden ganz fix die Schattenseiten aufgezeigt. Ihr Traumland offenbarte ihnen seine muffig-faltige Fratze: gerontokratisch in Grund und Boden verwaltet von einer greisen Gang, die immer schon ‹dabei gewesen› war und Klassenkampf gegen die eigene Bevölkerung führte.

NVA-«Ehrendienst». Man weiß ja heute gar nicht mehr, wie potenziert die militaristische Propaganda im Alltag der Deutschen Demokratischen Republik eingesetzt wurde. Staatspresse, Medien und letztlich die auf uns Schüler einwirkende Bildungspolitik überhöhten die Nationale Volksarmee in gleichlautenden hypnotischen Floskeln zu heroischen Lichtgestalten. Als offizielle Redewendung für den 18 Monate langen NVA-Grundwehrdienst verwendete die Staatspropaganda das Unsinnswort ‹Ehrendienst›. Als ob es eine Ehre ist, sich von Unteroffizieren anschreien zu lassen, deren Gehirn kleiner ist als eine Walnuss. Offiziersanwärter mit dem IQ eines Brotes reißen dein akkurat gebautes Bett auseinander: Sieh es als Auszeichnung! Stirb im dritten Weltkrieg für ein Land, das dich nie gefragt hat, was du willst und was du von ihm hältst: Sei stolz darauf!

Autoreninfo

Nils Heinrich, Jahrgang 1971, heißt mit bürgerlichem Namen Nils Heinrich. Er arbeitete schon als Hochzeits-DJ, Filmtourführer und Radiojournalist....
mehr über den Autor
Der grüne Heinrich und der Schwarze Kanal

Aktenzeichen XY. Was Karl Eduard von Schnitzlers Schwarzer Kanal montags im DDR-Fernsehen versuchte, aber nicht schaffte, gelang Aktenzeichen XY einmal monatlich am Freitag mühelos: Die Sendung räumte ohne Gnade auf mit dem makellosen Bild vom Goldenen Westen. Schnörkellos enttarnte Aktenzeichen XY die BRD als ein riesiges Ghetto, in dem Raub, Morde, räuberische Erpressungen, Vergewaltigungen und Handtaschendiebstähle an der Tagesordnung waren.

Dr. Helmut Kohl & David Hasselhoff. Anlässlich irgendeines Jubiläums, war es ein Mauerfalljahrestag oder der 80. Geburtstag von Altkanzler Helmut Kohl, diktierte die Ostberliner-Schnellkraulschnecke (Franziska van Almsick, d.R.) einem Journalisten in den Block, dass sie sich bei Dr. Helmut Kohl ganz herzlich für den Mauerfall bedanke. Dabei weiß doch jedes Kind, dass nicht Helmut Kohl die Mauer zum Einsturz gebracht hat, sondern David Hasselhoff!

Erotisches zur Nacht. In der DDR war nur wirklich wenig lustig … Grau, sauer, vitaminarm, Ersatzgemüse, Graupensuppe, Puhdy-LPs, Einbahnstraße, Zweitaktgemisch, Pfeffischnaps. Wie konnte in diesem Regime der Finsternis überhaupt menschliches Leben existieren? Gab es denn gar nichts Lebenswertes im abgeschotteten Märchenland? Doch. Wenn Pfingsten, Weihnachten und Ostern draußen die Bürgersteige schon einige Stündchen hochgeklappt waren, wurde es hinter den Mauern der sozialistischen Wohneinheiten heiß, und die grobklotzigen RFT-Fernsehgeräte aus Staßfurt verwandelten sich in erotische Guckkästen: DDR 1 strahlte endlich mal wieder die französische Softsexserie ‹Erotisches zur Nacht› aus (…) Wer dachte schon ernsthaft an Reisefreiheit, wenn das Fernsehen echten Sex zeigte. Westsex!