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Nicole Krauss: Das große Haus

© John Gray - gray318; Alexandra Klever

Einsamkeit und Erinnerung, Verlust und Vergessen – das sind die Themen der New Yorker Schriftstellerin Nicole Krauss, 36. Das große Haus, ihr dritter Roman, zeichnet die Odyssee eines alten Schreibtischs durch die halbe Welt nach. 1944 von den Nazis bei einem jüdischen Gelehrten in Budapest erbeutet, spiegelt der Weg dieses Möbels die Dramen und Tragödien des vergangenen «Jahrhunderts der Extreme».
«Wie Krauss aus dem mit unterschiedlichsten Biographien und Erinnerungen verknüpften Möbelstück einen Erzählgenerator macht; wie sie immer neue Erzählstimmen entwirft, die um ihn buhlen, seinen Besitz beanspruchen oder auf ihn eifersüchtig sind, weil geliebte Menschen von diesem Schreibtisch einfach nicht wegkommen – das ist atemberaubend» (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung). «Untröstlich sieht man sich irgendwann gezwungen, die letzten Seiten umzublättern. Und während sich, eines nach dem anderen, die zahlreichen Rätsel dieses Romans enthüllen, staunt man darüber, wie ein stummes, hölzernes Möbel zur Metapher des Lebens werden kann.» (Elle)


Schon ihre ersten beiden Romane Kommt ein Mann ins Zimmer (2001) und Die Geschichte der Liebe (2005) sind von Krauss’ Lust am Experimentieren mit der Form geprägt, zu deren literarischen Fixsternen nicht zufällig Thomas Bernhard, Bruno Schulz und Jorge Luis Borges zählen. Komplexe Zusammenhänge bilden sich bei ihr kaleidoskopartig; es ist ein ganz anderer Zugang zum literarischen Material als der tiefenscharfe epische Panoramablick eines Jonathan Franzen. Die Geschichte in Das große Haus fächert sich in vier thematisch verbundene Erzählkomplexe auf, die sich je einmal wiederholen. Vier Ich-Erzähler, vier Erzählstränge. Zwei spielen in London (zu unterschiedlichen Zeiten), eine in New York, eine in Jerusalem. Alle Geschichten kreisen um die Last vergangener Traumata, um die Weitergabe von Erinnerungen und Erfahrungen an die nächste Generation, um die untergründig-geheimen Kräfte, die ein Leben lenken.

Mit dem Titel des Romans hat es eine besondere Bewandtnis. «Das Große Haus», benannt nach dem biblischen Buch der Könige, so hieß die vor zwei Jahrtausenden von Rabbi Joachanan ben Zakkal gegründete Schule, die er nach der Zerstörung Jerusalems durch die Römer – die jüdische Urkatastrophe – in Javne aufbaute. Die Frage, was ein Jude ohne Jerusalem sei, beantwortete der Schriftgelehrte auf seine Weise: «Verwandle Jerusalem in eine Idee. Verwandle den Tempel in ein Buch, ein Buch, das so groß, so heilig und so komplex ist wie die Stadt selbst. Schare ein Volk um die Gestalt des Verlustes, den es erlitten hat, und lasse alles dessen abwesende Form spiegeln.»

Nadia und der chilenische Dichter

Winter 1972. Die New Yorker Schriftstellerin Nadia wird von einem Freund angerufen. Dieser weiß, dass sie nach der Trennung von ihrem Exmann in einer fast leeren Wohnung lebt. Ob sie die Möbel eines jungen Dichtern übernehmen wolle, Daniel Varsky, der zurück in seine chilenische Heimat gehe? Als sie den mehr als zwanzig Jahre jüngeren Chilenen trifft, entspinnt sich ein leidenschaftliches Gespräch über Politik und Poesie. Rilke, Auden, Yeats, Neruda. Heimat und Exil, Chile, die Gefahr eines Militärputschs gegen Allende. Von ihm übernimmt sie das Möbelstück, das für Jahrzehnte ihr treuester Begleiter werden wird: ein Schreibtisch von riesenhaften Ausmaßen, 19 Schubladen, eines davon ein verschlossenes Geheimfach.

Woher der Tisch kam,, das hat Varsky nicht erzählt. Eineinhalb Jahre später ist er tot, verschleppt, gefoltert und liquidiert von Pinochets Geheimpolizei,. Albträume treiben Nadia um, sie diffuse Schuldgefühle quälen sie. An dem Schreibtisch entsteht ihr erster Roman, weitere folgen. Bis im März 1999, ein halbes Leben später, eine junge Frau anruft und fragt, ob sie noch jenen alten Schreibtisch besitze. Ihr Name sei Leah Weisz, sagt die Unbekannte, Varskys Tochter.

Kaum hat Leah den Schreibtisch abholen lassen, stürzt Nadia in eine Schaffenskrise. Nichts, was sie schreibt, ist ihr gut genug, schlimmer noch, alles, was sie je schrieb, kommt ihr hohl und belanglos vor. Als sie mit ihren Kräften am Ende ist, bricht sie nach Jerusalem auf, wo sie Daniels Schreibtisch vermutet. Aber der hat das Lagerhaus in New York nie verlassen, in dem ihn Leah Weisz zur Zwischenlagerung abstellen ließ.

Autoreninfo

Nicole Krauss, geboren 1974 in New York, studierte Literatur in Stanford und Oxford sowie Kunstgeschichte in London. Sie begann, Gedichte zu...
mehr über die Autorin
Weil das Vergangene nie vergangen ist

Der zweite Ich-Erzähler ist der Israeli Aaron, ein ehemaliger Anwalt. Nach dem Tod seiner Frau treibt ihn nur noch ein Wunsch: endlich die Sprachlosigkeit zu überwinden, die ihn seit Jahrzehnten von seinem Sohn Dova trennt. Wie sehr hat er sich an seinem Ältesten abgearbeitet, an dem Schmerz in seinem Gesicht, dem Leiden an der Welt, seinem Vater, sich selbst! «Als du ein kleiner Junge warst, sagte deine Mutter zu mir, sie würde töten, um dich zu retten. Du würdest also einen anderen töten, damit er leben kann, wiederholte ich, Ja, sagte sie. Und würdest du auch fünf sterben lassen, damit er leben kann?, fragte ich. Ja, sagte sie. Hundert?, fragte ich. Sie antwortete nicht, aber ihre Augen wurden kalt und hart. Tausend? Sie ging weg.»

Vollends aus den Fugen war Dovas Leben durch ein traumatisches Erlebnis im Yom-Kippur-Krieg geraten, als er einen schwer verletzten Kameraden in der Sinai-Wüste im Stich ließ, um sich selbst zu retten. Zum Begräbnis seiner Mutter kehrt der verlorene Sohn nach Israel zurück, offenkundig für immer. Als er endlich begreift warum, ist Aaron entsetzt: «Ist es möglich, dass du gekommen bist, um dich noch einmal zu verabschieden? Dass du zu guter Letzt ein Ende setzen willst? Warte, Dovik. Gehe nicht. Erinnere dich ...»

Es ist diese anrührende Binnengeschichte und auch die über das geheime Leben der Lotte Berg, die Nicole Krauss’ große Kunst zeigt, «ihre Fähigkeit zur Empathie, zur Einfühlung in ganz unterschiedliche Menschen, vor allem alte, einsame, gebrochene» (DeutschlandRadio). Bevor der Schreibtisch in den Besitz Varskys kam, hatte Lotte Berg jahrzehntelang an ihm gearbeitet. Auch sie hat Menschen zurückgelassen, um sich zu retten: 1939 war sie mit einem Kindertransport nach England gekommen, während ihre Eltern in den Todeslagern verschwanden. Erst nach ihrem Tod 1997 entdeckt ihr Mann, dass dies nicht das einzige Geheimnis im Leben der geliebten Frau war: Lotte hatte, lange bevor sie ihn kennenlernte, einen Sohn zur Welt gebracht und kurz nach der Geburt zur Adoption an ein Paar in Liverpool freigegeben.

Wo alles anfing: Budapest 1944

Mit George Weisz als vierter Erzählstimme schließt sich der Kreis, durch ihn werden viele der losen Fäden der Geschichte zusammengeführt. Als Kunst- und Antiquitätenhändler hatte sich Weisz mit der Wiederbeschaffung verschwundener und konfiszierter Möbelstücke, die ihren ehemaligen Besitzern unendlich viel bedeuteten, einen Namen gemacht. Oft dauerte es Jahre, bis er den Aufenthaltsort eines Sofas, eines Teppichs, einer Kommode, einer Lampe aufspürte. «Im Gegensatz zu Menschen verschwinden die leblosen Dinge nicht einfach».

Er selbst hat ein Leben lang nach den Einrichtungsgegenständen aus dem Budapester Arbeitszimmer seines Vaters gesucht. Der alte Weisz, ein Gelehrter der jüdischen Geschichte, der, «wo immer er hinging, zweitausend Jahre bei sich trug wie andere Männer eine Taschenuhr», war 1944 mit seiner Frau von der Gestapo verschleppt worden war. Alles hatte sein Sohn mit den Jahren wieder auftreiben können, nur das Gravitationszentrum im intellektuellen Leben seines Vaters nicht: seinen risenhaften Schreibtisch.

Mit seiner Obsession wandelt Weisz auf den Spuren Sigmund Freuds. Dessen Arbeitszimmer in der Berggasse 19 in Wien hatten seine Frau und seine Tochter im Haus 20 Mansfield Gardens akribisch rekonstruiert, wo der Begründer der Psychoanalyse nach der Flucht vor den Nazis von September 1938 bis zu seinem Tod im Jahr darauf lebte. «Vielleicht versuchen alle im Exil lebenden Menschen, aus Angst, an einem fremden Ort zu sterben, denjenigen wiederherzustellen, den sie verloren haben ...»