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Nicola Keegan: Schwimmen

© Corbis

Aufgewachsen in der exzentrischen Familie eines Fledermausforschers, entdeckt Philomena früh ihre besondere Begabung. Sie macht eine erstaunliche Karriere, die sie, zunächst an der Liebe vorbei, zu olympischem Gold – und bis an der Rand der Verzweiflung führen wird ...

Einen Ausweg gibt es für Philomena immer, wenn es schwierig wird im Leben: das Schwimmen. Sie taucht ein in eine andere Welt, wo sie eine einfache, klare Ordnung findet. «Ich springe vom Startblock, greife Hand über Hand ins Nass, prügele mit meinen mächtigen Füßen aufs Wasser ein (...), indem ich den schmalen dunklen Strich nicht aus den Augen lasse, der meine Bahn vorgibt, meinen Lebenssinn, meine Welt.»

«Ich trete, und es treibt mich voran …»

Wasser ist das Element, in dem das Mädchen zu Hause ist, seit ihre Eltern sie das erste Mal zum Babyschwimmen mitgenommen haben. Da ist Philomena neun Monate alt und nicht wirklich zufrieden mit ihren Eltern und der Welt, aber was kann sie schon groß tun außer schreien und ein bisschen boxen. Bis sie das Wasser für sich entdeckt – eine Art Offenbarung. «Mir ist nicht bewusst, dass meine Füße etwas Besonderes sind; ich finde es einfach nur beeindruckend, wie sie mir gehorchen. Mit beiden Beinen trete ich zu und führe einen perfekten Schmetterlingsschlag aus (...). Ich trete, und es treibt mich voran. Ich schwimme eine makellose Acht, die erstaunte Menge keucht auf.» Unbewusst hat das Mädchen damit den Rhythmus seines Lebens gefunden, Schwimmen wird ihr Leben. Philomena wird eine der erfolgreichsten amerikanischen Sportlerinnen werden mit allem, was dazugehört, olympische Goldmedaillen, Weltrekorde, Ehrungen, Werbeverträge. Ihr Weg könnte so einfach sein, wären da nicht die Zweifel der jungen Frau an sich selbst.

«Ich bin ein schwieriges Kind...» So beginnt dieser eindringliche Bericht einer Ich-Erzählerin, die sich genauso wenig schont wie ihre Umgebung. Sie eckt an, baut sich Hürden auf, ist schroff, was mit ihrer zwiespältigen Devise «ich trete, und es treibt mich voran» bestens beschrieben ist. Außerhalb des Beckens gerät das Vorwärtstreibende zum eher ruppigen Kammerton ihres Verhaltens. «Mein Leben lang werde ich gegen alles treten, was mir in den Weg gerät: Schuhe, Körbe, Klopapierrollen, Geld, Steine (...). Treten wird zu einem unwiderstehlichen Drang, der mir gute Dienste leistet. Ich trete, also bewegt sich etwas, und ich freue mich.»

Schwimmen, der Debütroman der irischstämmigen, lange Jahre in den USA und jetzt in Frankreich lebenden Autorin Nicola Keegan, ist eine Entwicklungsgeschichte ganz eigener Art. Handeln solche Erzählungen in der Regel von Umwegen und Problemen, durch deren Bewältigung man als Persönlichkeit heranreift, geht «Schwimmen» einen anderen Weg. Durch ihren einzigartigen sportlichen Erfolg bekommt Philomena sehr früh schon alles, was man sich an Aufmerksamkeit und Bewunderung wünschen kann. Der eiserne Wille, als Sportlerin jahrelang Höchstform zu erreichen, hat sie jedoch nicht gelehrt, sich im alltäglichen Leben zu behaupten. Mit 28 Jahren, am Ende ihrer Karriere, steht sie vor einer großen Leere. Plötzlich ist da kein Ziel mehr, keine Aufgabe – kein Beckenrand zum Anschlagen.

Autoreninfo

Nicola Keegan wurde 1964 in Galway, Irland, geboren und wuchs in den Vereinigten Staaten auf. Sie studierte an der Sorbonne und an der University of...
mehr über die Autorin
Ruppig und arrogant, verletzlich und schutzbedürftig

Der Roman geht über das Porträt einer Sportlerin, die Karriere macht, weit hinaus. Er zeigt uns eine Frau, deren Charme in ihrer Widerborstigkeit liegt, was es ihr nicht gerade erleichtert, ihren Weg zu finden. Philomena, die freche Göre, die Herumalbernde, dann die Arrogante, Selbstbezogene, Philomena, die Sehnsüchtige, Gemeinschaft Suchende, die Verletzliche, Zweifelnde. Sie leidet darunter, ein «hängeschultriges, flachbrüstiges, kieferkräftiges, großgewachsenes Mädchen» zu sein, und auch wenn man das getrost als Selbstbeschimpfung einer Pubertierenden abtun darf, gehen ihre Zweifel doch tief. Die Autorin impft ihrer Heldin ein gehöriges Maß an Leiden an der Welt und an Unglücklichsein ein. «Setzt man ein Atom in Bewegung, kommt irgendwo ein anderes Atom zum Stillstand und beginnt, sich in die entgegengesetzte Richtung zu drehen. So was Ähnliches ist geschehen, alles ist genau wie sonst, nur seltsam verdreht – es ist das Gegenteil von Glück.» Geradezu existentialistisch erklärt sich Philomena den Gang der Dinge, damit umgehen zu lernen, wird ihre große Aufgabe werden.

Zunächst ist da eine unauffällige, unspektakuläre Kindheit im beschaulichen Örtchen Glenwood in Kansas. Provinz, wohin man schaut. Zwei Schicksalsschläge lassen die Familie auseinanderbrechen. Als Bron, die ältere Schwester, an einer unheilbaren Krankheit stirbt, ist Philomena gerade fünfzehn. Nicht viel später kommt der Vater mit seinem kleinmotorigen Flugzeug ums Leben. Wie Philomena auf die Todesnachricht reagiert, zeigt Nicola Keegan mit einem Naturbild: «Noch ist September. Bäume schließen ihre Farben für den Winter fort. Kälte dringt unter der Tür durch, eine klare Stille, die aus jenen Wetterlagen stammt, in denen fallender Regen zu Flocken reinen Schnees kristallisiert. Wie durchsichtiger Nebel kriecht die Kälte näher, dringt langsam in meine Knochen.»

Ihre Antwort auf den Einsturz ihrer gewohnten Welt besteht in umso intensiverem Training. Sie wird ruhiger, ausgeglichener – und erfolgreich. Auf ihren ersten Wettbewerb, die Landesmeisterschaften von Kansas – bei denen sie sofort in drei Disziplinen neue Rekorde aufstellt –, folgen Weltmeisterschaften und drei Olympische Spiele, und von schmerzenden Niederlagen bis zum achtfachen Goldtriumph ist alles an Auf und Ab dabei, was eine Sportlerkarriere zu bieten hat. «Schwimmfreude, Schwimmdreieinigkeit. Ernste hypnotische Schwimmzustände sind dermaßen gut, dass man nicht mehr auf sie verzichten will...»

Wie eine Reporterin zeigt uns Nicola Keegan die Heldin beim Schwimmen, sie schildert das sportliche Geschehen ausschließlich aus der emotionalen Perspektive Philomenas. Ihre Nervosität («Ich hüpfe auf den Startblock, krümme die vor Wut weißen Zehen, spanne die vor Wut weißen Muskeln, mein Kopf weiß vor Wut»), ihren Ehrgeiz («Ich bin wie ein wildes Tier, mein Hirn im Bann eines physischen Verhaltens, das durch endlose Wiederholungen tiefer als jeder Trieb sitzt. Das Wasser ist hart und so schnell, dass ich wie auf Eis dahin gleite.»), ihr gesundes Vertrauen in die eigene Leistung. Das Bild einer Weltklassesportlerin als einfacher Schwimmerin – und das Psychogramm einer sensiblen Frau auf der Suche nach sich.

«Undiszipliniert! Anfällig für existenzielle Krisen! So viele Leute, so viel Spaß!»

Vielleicht ist es dem Temperament Nicola Keegans zu verdanken, ihrem Sinn für Komik und Pointen, dass Philomenas Geschichte so lebendig, spontan und alles andere als bedeutungsschwer erzählt wird. Über sich selbst gibt die Autorin in einem biografischen Statement in Telegrammstil zum Besten: «Gehe zur University of Iowa. Meine Charakterschwächen offenbaren sich der Welt. Undiszipliniert! Anfällig für existentielle Krisen! So viele Leute, so viel Spaß! Zeit vergeht. Meine Charakterschwächen offenbaren sich mir selbst. Orientierungslos! Überfordert! Anfällig für Panik! Fange an, mir Sorgen zu machen. Mein Freund schlägt vor zu heiraten. Komplettes Entsetzen. Flucht nach Paris.»

Keegan findet für die vielen kleinen und größeren Fluchten ihrer Heldin eine Sprache, die die glücklichen Momente ebenso trifft wie die verzweifelten Episoden. Nachdem Philomena einmal mehrere neue Rekorde erschwommen hat, stellt sie irritiert fest: «Ich sollte glücklich sein, bin es aber nicht. Mein Glück tanzt mit einem Wesen im dunklen Anzug, dem ich nicht ins Gesicht sehen mag. Sie drehen sich schnell, die beiden, hell, dunkel, hell, dunkel, und mein Verstand dreht sich mit. Ich weiß nicht, was für ein Geschöpf ich bin.» Mit der Sprache gibt ihr die Autorin fast so etwas wie eine schützende zweite Haut, die sie hält.

Als sie nach dem Ende ihrer Schwimmkarriere in ein tiefes Loch fällt, reist schließlich auch Philomena wie eine Fliehende nach Paris. Ihre existentielle Krise spitzt sich zu. Vollkommen allein, ohne Aufgabe und Terminplan taucht sie ein in eine absolut fremde Welt. Von den Franzosen schaut sie sich ab, welche Kulturleistung die mit dem Flanieren erfunden haben, was sie als «sich verirren, ohne deshalb besorgt zu sein» versteht. In einem schmerzhaften Prozess beginnt sie zu sehen, dass es noch eine Person hinter der Athletin gibt. Vorsichtig freundet sie sich mit dem Gedanken an, neugierig zu sein auf dieses ‚Leben danach’.

Aber Philomena wäre nicht die unbestechliche junge Frau, die sie ist, würde sie nicht bis zum letzten Bild jede romantische Verklärung verweigern. «Ich weiß nicht, wie sich die Dinge entwickeln werden. Ich kann es nicht sagen. Viele verwechseln die Wende mit einer Rolle vorwärts, aber das stimmt nicht. Sie ist und bleibt eine Wende. Man zieht die Schultern ein, krümmt die Knie, berührt mit beiden Füßen den Beckenrand, stößt sich ab, so fest man kann, und gleitet davon.»

(Aus: Rowohlt Revue 89, Autor: Werner Irro)