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Natasha Solomons: Wie Mr. Rosenblum in England sein Glück fand

© Nathan Burton

1937 war Jack Rosenblum mit seiner Frau nach England gekommen – als Flüchtling. Seinem Traum, in allem ein perfekter Engländer zu sein, ist er schon sehr nahe gekommen: Er hat Geld, er hat Stil, er hat Beziehungen. Zum absoluten Glück fehlt ihm nur noch eines: die Mitgliedschaft in einem englischen Golfklub, im tiefsten Dorset, wo sich im mystischen Nebel Wollschweine und Glockenblumen Gutenacht sagen.
«Es hat selten einen Roman über ein jüdisches Emigrationsschicksal zur Zeit des Nationalsozialismus gegeben, der ein so reines, von unwiderstehlich lebensbejahendem Humor getragenes, wahrhaftig überzeugendes Loblied auf die Assimilation gesungen hat wie Natasha Solomons entzückender Debütroman. Absolut wunderbar, charmant und witzig.» (Jüdische Zeitung) «Natsha Solomons beschreibt in einer fabelfaften Mischung aus britischem und jüdischem Humor die Irrungen und Wirrungen ihres hinreißend kauzigen Helden.» (Freundin)

Komödie? Tragödie?

Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie? Es ist – eine Zumutung – beides: Jakob Rosenblum aus Berlin ist den Nazis entronnen, um in Churchills London für einen «Kraut» zu gelten. Bereit, das hinzunehmen, ist er nicht, weshalb er sich – mit der Geschmeidigkeit eines Gentleman und deutscher Gründlichkeit – an das Projekt seiner Assimilation macht. Kaum ist er von der Arche nach Albion übergewechselt, drückt ihm ein Herr vom Deutsch-Jüdischen Hilfskomitee eine «freundliche Anleitung für jeden Flüchtling» in die Hand, und die Broschüre wird zum Leitfaden für das neue Leben des Jack Rosenblum. Mag Sarah, seine zur Reflexion begabte, bewusster empfindende Frau, auch still daran leiden, Mr. Rosenblums Wille zur restlosen Verwandlung ist unbeugsam: Seine Muttersprache behält er fortan allein den Rückschlägen vor, die er mit deutschen Kraftausdrücken bedenkt.

Wie Mr. und Mrs. Rosenblum ihr neues Londoner Leben einrichten, das wäre Stoff für ein dickes Buch gewesen (und viele dicke Bücher haben einen solchen Stoff gestaltet). Die britische Schriftstellerin Natasha Solomons jedoch, die sich für ihren ersten Roman «Wie Mr. Rosenblum in England sein Glück fand» auch von der eigenen Familiengeschichte hat anregen lassen, braucht für das Herkömmliche – oder vielleicht besser: das Hinkömmliche – nur zwei Kapitel: Schon ist Jack Rosenblum stolzer Besitzer einer soliden Teppichfabrik, eines Henry-Poole-Anzugs aus der Savile Row, eines Knole-Sofas und eines Jaguar XK 120 in Racing Green.

Autoreninfo

Natasha Solomons wurde 1980 geboren. Mit neun Jahren hatte sie ihren ersten Job: Sie hütete als Schäferin die Herde von Bulbarrow Hill. Mittlerweile...
mehr über die Autorin
Von den Tücken beim Anlegen eines Golfplatzes

Die der «freundlichen Anleitung für jeden Flüchtling» beigegebene Liste zur Englischwerdung hat er mittlerweile akribisch ergänzt, allein das Abstreichen eines letzten Punktes bleibt ihm verwehrt: «Der Engländer muss», hat er festgestellt, «Mitglied in einem Golfclub sein.» Die vollkommene «Englishness» des Mr. Rosenblum jedoch scheitert noch vor dem ersten Abschlag: Der unausgesprochene Antisemitismus von Gentlemen wie Edward Fitz-Elkington, Esq. ist schuld: «Die glauben wohl, sie können sich überall einkaufen, oder was?»

Doch damit nehmen der kleine, entschlossene Mann, der gewandte, entschlossene Roman und die muntere, entschlossene Autorin erst so richtig Fahrt auf. Denn selbst ist der Jack. Mr. Rosenblum erwirbt ein Cottage in einem malerischen Dörfchen in Dorset, wo er sich seinen eigenen Golfplatz bauen will – mögen sich die Hügel dort, mag sich der Bewuchs, mag sich Pursebury selbst auch nicht sonderlich dafür eignen. Pünktlich zur Königinnen-Krönung will Jack Rosenblum das neue elisabethanische Zeitalter mit einer ersten Runde feiern – am besten Seite an Seite mit William Waegbert von Piddle Hall, dem Sir mit dem eher alten als ehrwürdigen Vorkriegs-Rolls-Royce. Es gilt: Der Prüfstein aller Integration ist die Provinz. Und zweitens: Echte Englishness beweist sich im Spleen.

Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie? Es ist ein tief empfundener Roman mit unverwechselbarem «sense of humour».

(Aus: Rowohlt Revue 90, Autor: Wieland Freund)