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Nancy Huston: Ein winziger Makel

© Covermotiv; Jean-Jacques Cournut

Sol (2004), Randall (1982), Sadie (1962), Kristina (1944/45): vier Schicksale, vier Generationen, ein Makel. Als das Familiengeheimnis schließlich gelüftet wird, werden schmerzende Wunden von einst wieder aufgerissen.

Nancy Hustons literarischer Kunstgriff besteht darin, dass sie ein tief in den Verbrechen des 20. Jahrhunderts gründendes Drama konsequent aus der Perspektive von Kindern erzählt. Die ungeklärte Herkunft von Erra (Mädchenname: Kristina), Sols Urgroßmutter, ist jener winzige Makel, der in dieser Familie von Generation zu Generation weitergetragen wird.

Was heißt schon realistisch?

Wer Literatur nur als getreue Abbildung der Welt im Wort akzeptiert, wird sich an diesem Roman reiben. Hier gibt ein Kind seine von endlosen Internetklicks gespeisten gewalttätigen und pornographischen Phantasien preis, und eine kleine Araberin erklärt einem anderen Sechsjährigen die komplizierte Geschichte des Palästina-Konflikts.

Ist das realistisch? Wen interessiert, ob das «realistisch» ist? Nicht alles, was erzählerisch schön und literarisch stimmig ist, muss den Gesetzen von Wahrscheinlichkeit und Plausibilität genügen – siehe Uwe Johnsons Jahrestage mit Marie, dem wunderbar altklugen Kind der Gesine Cresspahl. So viel vorweg.

Sol und Randall, Sadie und Kristina

Sol, 2004. «Sobald ich nicht mehr schlafe, bin ich in Betrieb, in Alarmbereitschaft, unter Strom. Geist und Körper perfekt funktionsfähig, ich bin sechs Jahre alt und ein Genie … Ich bin außergewöhnlich.» Mit wilden Allmachtphantasien wehrt sich der Sechsjährige gegen die Ängste und Zweifel, die ihn, den jüngsten Spross dieser seltsamen Familie, umtreiben.
Mein einziger Makel ist dieses Muttermal an der linken Schläfe. Es ist so groß wie ein 25-Cent-Stück, rund und erhaben, braun und flaumig» (Erra nennt diese Stelle Sols «Fledermaus») – so präsent, dass seine Eltern es ihm operativ entfernen lassen wollen, was beinahe in der Katastrophe endet.

Randall, 1982. Wie die «Stammesmutter» Erra hat auch er ein Muttermal, sie in der linken Armbeuge, er am Halsansatz. Als Kind hat er in Haifa gelebt, der weißen, strahlenden Stadt am Meer, anders als sein Vater Aron hat er sie geliebt und dort sogar Hebräisch mit Freuden gelernt. Aron war nur deshalb mit nach Israel gegangen, weil seine Frau Sadie dort Recherchen für ihre Doktorarbeit anstellen wollte. Ständig lagen sie sich in den Haaren wegen Deir Jassin, Libanon-Krieg, der Militarisierung der Gesellschaft, bis sie wieder in die USA zurückkehrten.

Sadie, 1962. Für Sol ist sie die verrückte, behinderte jüdische Großmutter, eine Frau «wie eine Naturgewalt». Sadie hat ihren Doktor gemacht und ein Buch über die Zwangsgermanisierung von im Osten geraubten Kindern geschrieben, sie hält Vorlesungen über ihr Spezialthema überall. Und sie hat eine Passion: endlich das GROSSE RÄTSEL zu lösen, das Geheimnis ihrer Herkunft aufzuklären, das ihre Mutter ihr immer verschwiegen hat.

Kristina, 1944–1945. Unter ihren Künstlernamen Krissy (und später Erra) war Sols Urgroßmutter in Kanada eine berühmte Sängerin. Sie hat ein freizügiges, wildes Leben geführt, war mit vielen Männern zusammen, ehe sie die Geliebte der mexikanischen Lyrikerin Mercedes wurde. Ihr altes Leben glaubt «die Falsche Kristina» hinter sich gelassen zu haben …

Ein winziger Makel ...

Als die ganze Familie Erras ältere Schwester Greta in der Nähe von München besucht, werden die letzten Puzzleteile einer dramatischen Geschichte zusammengesetzt. Die Spur führt zurück in das von der SS geführte Lebensborn-Heim Steinhöring und von dort nach Uzgorod in Ruthenien, im Westen der Ukraine. Endlich bekommt der «winzige Makel» einen Namen, einen Ort, ein Gesicht …