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Nadeem Aslam: Das Haus der fünf Sinne

© Elsabe/photocase; Robin Farquhar-Thomson

Ob die Freiheit des Westens tatsächlich am Hindukusch verteidigt wird, ob in Afghanistan der Krieg gegen die Taliban überhaupt militärisch zu gewinnen ist – das wird derzeit in den Parteien und Parlamente ebenso heftig diskutiert wie in den Medien. Zu diesen Fragen gibt es nun Anschauungsmaterial von überraschender Seite: Nadeem Aslam, 1966 in Pakistan geboren und heute in London zu Hause, hat nach Atlas der verschollenen Liebenden erneut einen mitreißenden Roman von hoher politischer Aktualität geschrieben, der so schön und bewegend wie unvorstellbar grausam ist. Ein Aufschrei gegen den Wahnsinn eines seit zwei Generationen andauernden Krieges – und das Hohelied einer Liebe bis in den Tod. «Die Botschaft des Romans, dessen Eindringlichkeit einen noch lange verfolgt, ist unmissverständlich: Wer die Vergangenheit leugnet, hat keine Zukunft – und keine Aussicht auf Erlösung (…) Nadeem Aslam ist mit Das Haus der fünf Sinne ein erschütternder und zugleich wunderbarer Roman über Afghanistan gelungen.» (DeutschlandRadio Kultur)

Und wenn die Wahrheit zu schrecklich ist?

In einer aufgegebenen Parfümmanufaktur am Rande der Tora-Bora-Berge im Osten Afghanistans lebt der britische Arzt Marcus Caldwell. In den Kriegs- und Bürgerkriegswirren hat der mittlerweile Siebzigjährige seine Liebsten verloren: die Ärztin Qatrina, seine afghanische Frau, wurde von den Taliban gesteinigt; Jahre vorher war schon Zameen, ihre Tochter, einen qualvollen Tod gestorben. 1980 war sie im Alter von siebzehn Jahren verschleppt worden und nie mehr zu ihren Eltern zurückgekehrt. Eigentlich hält Marcus nur noch die Hoffnung auf ein Lebenszeichen von Zameens verschwundenem Kind, seinem Enkel Bihzad, am Leben. Als er die Russin Lara in sein Haus aufnimmt, die in Afghanistan nach ihrem Bruder sucht, der vor einem Vierteljahrhundert als Soldat der sowjetischen Armee hierher kam, bricht in den Gesprächen der beiden der ganze Schmerz eines doppelten Familiendramas heraus.

Die aus St. Petersburg stammende Lara kommt in dem verwunschenen Haus am See von Usha, fünfzig Kilometer von Jalalabad nahe dem Khaiber-Pass gelegen, aus dem Staunen nicht heraus. An die Decken der Zimmer und Flure sind Bücher genagelt, eine ganze Bibliothek, eine Meer von Büchern. Marcus’ Frau, damals bereits der geistigen Umnachtung nahe, wollte sie vor den religiösen Fanatikern retten. Wer etwas anderes als den Koran liest, kann nur ein Ungläubiger sein, Bücher sind des Teufels – das ist Taliban-Logik. Das Haus war im 19. Jahrhundert von einem berühmten persischen Maler und Kalligraphen für seine Geliebte erbaut und aufwändig ausgemalt worden; jeden der fünf unteren Räume widmete er einem der fünf menschlichen Sinne, «und so, wie die Zeit des Werbens in den folgenden Wochen voranschritt, so zog das Paar von einem Zimmer ins nächste».

Wie Marcus seine linke Hand verlor, wagt Lara nicht zu fragen. Vielleicht ist das die schrecklichste unter all den fürchterlichen Geschichten, die Aslam erzählt: dass Qatrina gezwungen wurde, ihrem eigenen Mann die Hand zu amputieren. Für die Taliban war die beinahe vierzig Jahre währende Ehe der beiden null und nichtig, weil die Hochzeitszeremonie von einer Frau geleitet worden war. Marcus büßte für das moralische Vergehen der «Eheerschleichung» mit einer Hand, Qatrina mit ihrem Leben – gesteinigt im Anschluss an das Freitagsgebet.

Autoreninfo

Nadeem Aslam wurde 1966 in Gujranwala, Pakistan geboren, musste das Land wegen des Widerstands seines Vaters gegen das Zia-Regime als Jugendlicher...
mehr über den Autor
Weil Gewalt Gewalt gebiert

Mit der Ankunft zweier weiterer Gäste wird die Situation in Marcus’ Haus immer unübersichtlicher: David Town, ein amerikanischer Edelsteinhändler und ehemaliger CIA-Agent, der Mann, den Zameen in den Monaten vor ihrem Tod geliebt hatte. Und der junge Afghane Casa, ein islamistischer Kämpfer, der bereit ist, als Selbstmordattentäter für die mörderischen Ambitionen des Warlords Nabi Khan sein Leben zu opfern.

Die Lebenswege aller Figuren, die im «Haus der fünf Sinne» aufeinander treffen, sind auf schicksalhafte dramatische Weise miteinander verknüpft. Das Zeitspektrum des Romans reicht von der sowjetischen Okkupation des Landes in den frühen 80ern bis in die Jahre nach «9/11». Alle politischen Akteure, die sich anmaßten, das Schicksal Afghanistans und seiner Menschen zu gestalten, taten das ohne Rücksicht auf Verluste: die Sowjets, die Warlords im Bürgerkrieg nach dem Abzug der russischen Armee, die Taliban seit 1995 und die Amerikaner, die kurz nach dem Anschlag auf die Twin Towers in New York in ihrem «war against terror» in Afghanistan intervenierten und mittlerweile dort fast ebenso viele Soldaten stationiert haben wie einst der sowjetische Feind im Kalten Krieg.

Immer und überall ist man in Afghanistan mit den Spuren der Gewalt konfrontiert. «In diesem Land sind sowieso keine Erklärungen nötig. Es würde nicht einmal überraschen, wenn die Bäume und Rebstöcke in Afghanistan eines Tages aufhören zu wachsen, aus lauter Furcht, ihre Wurzeln könnten, sollten sie sich weiter ausbreiten, auf eine in der Nähe vergrabene Landmine stoßen. (…) Es war eine der größten Tragödien dieser Zeit, das Land in Stücke gerissen von den vielen Händen des Krieges, vom Hass und den Verfehlungen der Welt. Zwei Millionen Tote allein im vergangenen Vierteljahrhundert.»

Macht, Demütigung, Widerstand

Wer die strategisch desaströse Politik der USA in der Krisenregion des Mittleren Ostens begutachten will, findet in Aslams Roman reichlich Material. Kein Zufall, dass dem Buch ein Zitat von Zbigniew Brzezinski, dem Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter, vorangesetzt ist: «Was ist wichtiger für die Geschichte der Welt – die Taliban oder der Zusammenbruch des sowjetischen Reiche? Eine Handvoll aufgebrachter Muslime oder die Befreiung Mitteleuropas und das Ende des Kalten Krieges?» Dieser nackte, rabiate Zynismus der Macht kostet bis heute im fernen Afghanistan vielen seiner Landsleute das Leben.

Ein Happy End, ein halbwegs versöhnliches Ende zumindest – das kann es hier nicht geben. Niemand weiß das besser als Marcus: «Dieses Land und seine Mordepochen … Die sowjetische Invasion hat mir Zameen genommen, die Ära der Taliban hat Qatrina auf dem Gewissen. Und ich fürchte, auch dieser neue Krieg wird mir jemanden nehmen» – den Einzigen, der ihm noch geblieben ist.»