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Sie war die jüngste Professorin Deutschlands, Regierungssprecherin und Staatssekretärin, hat Unternehmer beraten und Politiker – ihre Meinung war überall gefragt. Fünfzehn Jahre hat sie funktioniert – bis eines Tages nichts mehr ging. In Brief an mein Leben (jetzt neu im Taschenbuch) beschreibt Miriam Meckel eindringlich die Erfahrungen mit ihrem Burnout – und wie sie ihn überwand.
Eine Frau steht am Fenster, sie starrt hinaus auf die neblige Schneelandschaft, Minuten, Stunden, Tage, hinaus auf die weiße Leere. «Kommunikativen Stubenarrest» nennt sie die beiden Tage, die sie allein auf ihrem Zimmer verbringen muß, ohne Gespräche mit anderen, ohne Lektüre, Fernsehen oder Musik, ohne Handy und Laptop, allein mit der Aufgabe, faul zu sein. «Inaktivitätstage» nennen sie das im Jargon der Klinik, in die Miriam Meckel sich begeben hat, als die Bauchschmerzen unerträglich wurden, das Herzrasen, das Brummen in den Ohren, das Kopfweh, als sie einfach zusammenbrach, in der eigenen Falle gelandet, vor der sie in ihrem letzten so erfolgreichen Buch «Das Glück der Unerreichbarkeit» eindringlich und ganz pragmatisch gewarnt hatte.
Auch das Wort für ihren Zustand mag sie nicht, Burnout-Syndrom, sie hasst diese Diagnose, die es erst seit 1974 gibt, die Findung des Psychoanalytikers Richard Freudenberger, und die oft fälschlicherweise immer noch als «gesellschaftlich anerkannte Edel-Variante der Depression und Verzweiflung» angesehen wird, eine Krankheit für Gewinner oder, besser, ehemalige Gewinner, «zum erfolgreichen Berufsleben» ebenso zugehörig «wie das Eigenheim zur Vorbildfamilie». Lieber zitiert sie sich Thomas Mann, über den Senator Thomas Buddenbrook; der litt an einer «Verarmung und Verödung seines Inneren ... so stark, dass sie sich fast unablässig als ein unbestimmt lastender Gram bemerkbar machte», doch verbunden mit der unerbittlichen Selbstverpflichtung und Entschlossenheit, diese zu verstecken und die Dehors zu wahren, bis sich sein ganzes Leben, jedes Wort, jede Aktion, in eine anstrengende Schauspielerei verwandelt hatte. Darin wollte sie sich wiedererkennen, in dieser altehrwürdigen Krankheit, aber sie musste sich auch die ganze trockene medizinische Symptomauflistung zuerkennen: Hyperaktivität und Verleugnung der eigenen Bedürfnisse, Schwächegefühle, Energiemangel, Schlafstörungen, Kopf- und Rückenschmerzen, Konzentrationsstörungen und Kreativitätseinbrüche.
Literatur als Therapie, so hatte alles angefangen, in jenen beiden stillen Tagen, als Miriam Meckel das Briefeschreiben wiederentdeckt, mühsam zunächst, ihre Handschrift war zu schlecht, fast manisch mitunter. Am Ende ist dieses Buch, dieser «Brief an mein Leben», wie die Autorin sagt, eine «sehr persönliche Reflexion über die Funktionsprinzipien unserer Gesellschaft» geworden – und für sie selbst eine «Art Rückfallversicherung». Vor allem aber ist es, inmitten der Überfülle an Erfahrungsberichten, Ratgebern und Studien über das Burnout-Syndrom, ein kluges und mutiges Buch, klug in der Analyse sozialer und ökonomischer Phänomene, und so mutig, weil hier eine Autorin, Kommunikationsspezialistin par Profession, ihre ganze déformation professionelle entblößt, ohne Scheu vor dem notwendigen Pathos ihrer «kleinen emanzipatorischen Revolution» und noch weniger vor Witz und Selbstironie.
Ja, sie haben ihr Freude gemacht, die fünfzehn Jahre, in denen sie, inzwischen 43, unaufhaltsam aufstieg, von der Studentin in Münster und Taipeh, der Journalistin, zur jüngsten Professorin Deutschlands, Leiterin des Instituts für Kommunikationswissenschaft an ihrer Alma Mater, und zwei Jahre später, mit 33, zur Regierungssprecherin und Staatssekretärin in Wolfgang Clements Nordrhein-Westfalen, um schließlich als Direktorin für Medien und Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen die Nachfolge des verstorbenen Peter Glotz anzutreten; diese 15 Jahre, in denen sie noch ein paar Jobs nebenher erledigt, um die Welt reiste, Artikel, Essays, Bücher, ein Blog schrieb. Das meiste davon machte Freude, auch noch, als sie ahnen musste, dass sie sich selbst ausgesaugt hatte, ein Opfer des permanenten Informationsinputs, völlig reizüberflutet.
Aber Leben, vor allem ihr Leben, ist Information. Leben, das waren 250 E-Mails am Tag, das waren über 40000 Flugmeilen im Jahr, um dabei zu sein, attraktiv zu sein. Die Krankheit, so lange verdrängt, ist auch eine Kränkung. Beim Burnout ist die Kommunikation der Nervenzellen im Gehirn gestört, das war ein Angriff auf ihre berufliche «Kernkompetenz», nur durch noch mehr Arbeit zu kompensieren. Multitasking sei Körperverletzung, hat Frank Schirrmacher unlängst doziert. Das menschliche Gehirn sei dazu überhaupt nicht fähig, man werde durch diese Illusion der Gleichzeitigkeit nur müde, kraftlos, langsamer, vom homo connectus zum Kommunikationssoziopathen, darüber hat Miriam Meckel geschrieben in ihrem letzten Buch, auch darüber wie einfach, wie nahe, durch einen Druck auf den Ausschalter, das Glück der Unerreichbarkeit ist. Aber «aus Wissen entsteht nicht zwangsläufig Veränderung», sehr selten sogar.
Auch in der Klinik, in der sie zur Ruhe kommen, neue Energien aufbauen, einfach gesund werden soll, funktioniert sie, erfüllt ihren Therapieplan, überkorrekt, eine fremdgesteuerte Mitmacherin. Sie unterwirft sich einem 40stündigen Schlafentzug, einem schweren Jetlag vergleichbar, einem Rausch ohne Drogen, bis sie nur noch albern vor sich hinkichert. Sie klettert im Hochseilgarten, bis sie sich selbst in Gefahr bringt. Sie übt «Heldenstellung» und «Blumenwiese» unter Anleitung der schwäbelnden Yoga-Lehrerin, nur bei der «Regenbogenlicht-Meditation» – «das Licht breitet sich im ganzen Körper aus» – muss sie immer an Captain Kirk denken: «Beam me up».
Und sie lernt zu trauern, um ihre an Krebs verstorbene Mutter, die Freundin, die Selbstmord beging, das ist das umfangreichste Kapitel des Buchs, das schwierigste. Sie kennt schließlich ihren Freud, und den Unterschied zwischen der Trauer, bei der die Welt arm und leer geworden ist, und der Melancholie, wie die Depression damals noch hieß, bei der das Ich selbst verarmt. Trauern bedeutet auch den Blick auf sich selbst auszuhalten. Ihr Fach lieferte stets genug Hilfskonstrukte, wonach eine Person nur durch Teilnahme an Kommunikation entsteht. Am besten, so schreibt sie nun, ließe sich die derzeitige Situation mit dem alten Marxschen Wort als «Entfremdung 2.0» beschreiben, als weitestgehende Individualisierung und Flexibilisierung durch die technischen Entwicklungen bei gleichzeitiger maximaler Außensteuerung: «eine Freiheitsillusion».
So ist die Klinik, in der Finanzkrise boomend, nur ein Mikrokosmos, ein Markt, wo Vertrauen gehandelt wird, wenngleich die meisten, auch sie selbst, aussehen wie Freizeitsportler für den Rest ihres Lebens, im Trainingsanzug und in Frotteesocken. Ihre Geschichten erfährt sie oft nur in Bruchstücken: Da ist Dietmar, der «Frauenversteher», der in ein paar Sekunden ein Vermögen am Klinik-Computer verzockt, oder die IT-Managerin mit der Melancholie des verlorenen «Alles geht» im Gesicht, so krank, dass ihr die Zähne ausfielen, weil sie die Hardware, ihren Körper ignorierte. Oder die ehemalige Schalterangestellte der Post, die plötzlich Finanzprodukte verkaufen sollte und von ihrem Chef mit Kugelschreibern beworfen wurde: lauter Repräsentanten eines degenerierten Arbeitslebens.
Und sie selbst, die Neonomadin mit der Sehnsucht nach Verwurzelung, schreibt Briefe, einen Brief an ihr Leben, denn nur darin, in ihrer Geschichte, kann sie ihre Wurzeln vielleicht wieder finden: Also, liebes Leben, »komm zurück und lass mich zu. Ich werde Dich auch zulassen, denn ich vermisse Dich so ... «Das Motto, das sie ihrem Brief an einen langen Abschied vom Gewohnten vorangestellt hat, stammt aus Fernando Pessoas «Buch der Unruhe»: «Wenn das Herz denken könnte, stünde es still.»
(Aus: Rowohlt Revue 89, Autorin: Annette Meyhöfer)