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Michael Töteberg: Romy Schneider

© picture-alliance/dpa, Fotograf: Kalaene Jens

Rosemarie Magdalena Albach-Retty, geboren 1938 in Wien, gestorben 1982 in Paris – kennen Sie nicht? Kennen Sie doch! Unter dem Namen Romy Schneider errang sie als eine der wenigen deutschsprachigen Schauspielerinnen internationale Anerkennung. Der Filmexperte Michael Töteberg zeichnet sich in seiner neuen Monographie ein material- und facettenreiches Bild der Frau, die als junge österreichische Kaiserin Elisabeth seit 1955 ein Millionenpublikum bewegte und bis an ihr Lebensende nicht mehr vom «Sissi»-Image wegkam. Wir dokumentieren Auszüge aus Kapitel 1 von Michael Tötebergs neuer rowohlt monographie über Romy Schneider.

Ich verleihe mich zum Träumen

Ich bin 50 Filme, hat Romy Schneider gesagt. Doch alle Biographen erzählen ihr Leben als Illustriertenroman, nicht als Teil der Filmgeschichte. Dabei ist dies ein Leben, das weitgehend im Kino stattgefunden hat. Vom bundesdeutschen Schnulzenkino zum europäischen Autorenfilm: Hineingeboren in die verlogene Operettenseligkeit der Fuffziger, wurde sie als «Sissi» zur angehimmelten Märchenkaiserin der Nation. Alle drei Sissi-Filme kamen zu Weihnachten in die Kinos, und das Fernsehen hat dieses Festtagsritual an die nächsten Generationen weitergegeben. «Dauerpräsent wie Weihnachtsmusik», ist Sissi «fast schon Weltkulturerbe», stellte Michael «Bully» Herbig fest. Die Deutschen verübelten es der jungen Schauspielerin, als sie sich vom Rollenklischee des süßen Mädels befreite. Ein Akt der Emanzipation, der eher wie eine Flucht anmutet: Aus der Umklammerung (und Ausbeutung) durch Eltern, Filmindustrie und Boulevardpresse ging sie nach Frankreich, wo sie eine zweite Karriere begann und zum einzigen deutschen Weltstar nach 1945 aufstieg.

Alles, was ich gelernt habe, habe ich durch den Film gelernt. Ihre Lehrmeister waren Regisseure wie Fritz Kortner, Luchino Visconti, Orson Welles, Claude Sautet, ihre Filmpartner waren u.a. Alain Delon, Yves Montand, Michel Piccoli, Richard Burton, Curd Jürgens, Audrey Hepburn, Jeanne Moreau. Konsequent brach sie mit dem lieblichen Sissi-Image und scheute dabei auch nicht vor Filmen zurück, die provozieren und schockieren wollten, blieb aber doch der Liebling des Kinopublikums und wurde zum role model für den Typus der modernen, emanzipierten und zugleich von inneren Widersprüchen gebrochenen Frau. Erotische Ausstrahlung und selbstbestimmte Sexualität, Sehnsucht nach Geborgenheit und Verletzlichkeit, die weiblichen Facetten von Stärke und emotionaler Abhängigkeit, in ihren Filmrollen wie im Privatleben wirkte sie gleichermaßend gefestigt wie gefährdet. Ihr Unglück in der Liebe, die gescheiterten Beziehungen und die Schicksalsschläge, darüber war das Publikum stets informiert, dieses Illustrierten-Wissen verschmolz mit ihrer Präsenz im Kino.

«Du wirst alle jungen Mädchen Europas zum Träumen bringen!» hatte Regisseur Ernst Marischka ihr vor den Dreharbeiten zu Sissi prophezeit. Romy Schneider erlebte schon früh, was es heißt, Filmstar zu sein: fremden Menschen eine Projektionsfläche für ihre Flucht aus dem Alltag zu bieten. «Ich verleihe mich zum Träumen», hieß treffend eine Ausstellung, die dem «Mythos Romy» galt. (…)

«Ich war dauernd a Prinzessin»

Das deutsche Kino der fünfziger Jahre kopierte im provinziellen Maßstab das Starsystem der großen Hollywood-Studios, und Romy Schneider, das Kind von Filmschauspieler-Eltern, passte sich schnell an und spielte ihre Rolle. Ich habe mich daran gewöhnt, seit meinem 17. Lebensjahr wie eine Ware beliebig verkauft und verpackt zu werden. Ich glaube, das ist einfach der Preis einer Karriere, die mit 15 begonnen hat – in einem Alter, in dem man sich nicht zu wehren weiß und noch keine eigene Meinung hat. Sie führte ein fremdbestimmtes Leben – und genoss es, denn sie selbst erlag der Illusion, Sissi zu sein. Ich war selig. Ich war die Prinzessin, nicht nur vor der Kamera. Ich war dauernd a Prinzessin, bekannte sie, ein gutes Jahrzehnt nach Sissi, rückblickend. (…)

Romy Schneider, die nie die Schauspielerei gelernt hat, eroberte in ihren frühen Rollen die Herzen des Kinopublikums durch ihre Frische und Natürlichkeit. Auch später, als sie längst die Scheinwirklichkeit der Traumfabrik durchschaute und bewusst ihre Rollen auswählte, war sie keine unnahbare Leinwandgöttin: Sie wurde nicht zur Ikone, sondern behielt ihre Lebendigkeit. «Ihr Spiel hatte deshalb immer etwas Unvorhersehbares, eine seltene Qualität. Der Ernstfall konnte eintreten, das Pathos in einem Witz kollabieren, die Koketterie so offensiv werden, dass Männer sich überrumpelt fühlten und schrumpften. Tränen konnten aus ihren Augen treten, sie konnte erstarren, abrupt stumm werden oder mit hinreißendem Übermut von Albereien davon getrieben werden.» Sie ging nie ganz auf in der Inszenierung, deshalb wirkte sie selbst in belanglosen oder gar missglückten Filmen überzeugend. Bedeutende Regisseure haben mit ihr gedreht, doch es überwiegt die Durchschnittsware; «es gibt keine wirklich großen Filme mit ihr», meinte der «Spiegel» in seinem Nachruf. Aber ihre Sinnlichkeit und Sensibilität verlieh selbst Leinwand-Schmonzetten eine Faszination jenseits der dargestellten Kino-Fiktion. Stars, schreibt Balázs, sind «die großen Lyriker der Mimik und der Gesten».

Die deutsche Filmindustrie jener Jahre hatte ihr, obwohl sie mit damals hoch gerühmten Regisseuren wie Helmut Käutner arbeitete, nichts zu bieten, was sie von der fatalen Festlegung auf das Rollenfach des bezaubernden, unschuldigen Mädchens befreit hätte. Man muss jedoch ergänzen: Auch Hollywood wusste nichts rechtes mit ihrem Talent anzufangen. In ihrer Wahlheimat Frankreich interessierte sich die aufstrebende junge Garde der Nouvelle Vague nicht für sie; weder François Truffaut noch Jean-Luc Godard haben Schneider besetzt, die Arbeit mit Claude Chabrol blieb eine Ausnahme. Die einzige kontinuierliche und produktive Zusammenarbeit gelang ihr mit dem Regisseur Claude Sautet, hierzulande lange Zeit als «Edelkonfektionär» unterschätzt. Als in Deutschland Papas Kino zu Grabe getragen wurde, wurden deren ehemalige Idole gleich mit beerdigt: Der neue deutsche Film hatte keine Verwendung für Romy Schneider.

«Eine europäische Marilyn-Monroe-Tragödie»

Mit meinem Privatleben Schlagzeilen zu machen, das habe ich nie gemocht – wirklich nicht. Aber Stars führen eine öffentliche Existenz, und Schneider, die sich stets als Opfer der Presse sah, hat sich dem Interesse der Medien keineswegs entzogen, sondern es bereitwillig bedient. Das meiste, was über mich geschrieben wurde, sind Lügen – Lügen von unfähigen, dummen Journalisten. Was sie nicht daran hinderte, Journalisten wie Oswalt Kolle anzurufen, damit sie in der nächsten Nummer der Illustrierten etwas zu schreiben hatten.

Das Leben Romy Schneiders war «eine europäische Marilyn-Monroe-Tragödie» mit all den Zutaten, die das Publikum von solchen Biographien erwarten darf: Um ihre Kindheit betrogen, von der ehrgeizigen Mutter und dem bösen Stiefvater ins grelle Licht der Filmstudios gestoßen, herumgereicht in der Welt des Glamours, bevormundet und ausgenutzt. Dann der Ausbruch aus dem goldenen Käfig, verbunden mit einer wilden, romantischen Liebe zu einem virilen, bisexuellen Franzosen, einem Mann ohne Moral. Verwandlung, Abstreifen einer alten Haut, Liebe als Illusion – Schneider wird zu einer Identifikationsfigur, sie steht für Selbstverwirklichung und Unabhängigkeit, kurz: Freiheit. Die Kehrseite sind Lebens- und Versagensängste, die sie mit Alkohol und Tabletten bekämpfte. Und mit zahlreichen Liebhabern, denn sie brauchte Anerkennung und Bestätigung.

«Schauspieler müssen sanft behandelt werden, sie sind so leicht, so zerbrechlich», heißt es in dem Film L’Important c’est d’aimer (Nachtblende). Sie lieferte sich vor der Kamera ungeschützt selbst extremen Rollen aus, dafür bezahlte sie mit einer nur durch Psychopharmaka zu betäubenden Angst und Unsicherheit, die sie nie überwand. Sie war nicht nur eine leicht reizbare, unleidliche Person mit einem kaum zu stillenden Liebes- und Sc hutzbedürfnis, sondern wie so viele Künstler manisch-depressiv. Bruno Ganz, mit dem sie 1972 eine Liaison hatte, war fasziniert von ihrer Lebenslust: «Sie hat immer gesagt: Ich möchte, dass jeder Tag ein Fest ist. Und hat dann auch alle Apotheken bemüht, damit das eintritt. Das war rührend und sehr bewegend, und es stand auf dünnen Beinchen, weil man gleichzeitig spüren konnte, wie gefährdet Romy war, wie schwankend. Hinter jeder Euphorie schaute schon das schreckliche Antlitz vom Absturz hervor, zumindest das Gegenteil von Freude.»

Wer sich zum Träumen verleiht, darf sich über Vereinnahmung nicht beschweren. Es gibt wenig Möglichkeiten, sich vor Zudringlichkeiten zu schützen, wenn man ein Star ist. Ihre private Misere betäubte sie durch Arbeit, doch dies allein erklärt nicht ihre zerrissene Existenz. Ich bin wohl recht unlebbar für mich selbst – und schon gar für andere, schrieb sie einem Journalisten und zitierte einen Satz des Schriftstellers Heinar Kipphardt: «Manchmal ist Ich sehr schwer.» Sie träumte von Alltag, Mutterrolle und Familienleben, doch alle Versuche, dies in die Realität umzusetzen, machten nur ihr Defizit offenbar. Ich lebe vor der Kamera, erkannte sie. Der Film vermittelt mir die Intensität, die ich brauche. Ein anderes Glück gab es nicht für Romy Schneider. Am Ende wusste sie: Ich kann nichts im Leben – aber alles auf der Leinwand.

Michael Töteberg rororo 160 S.
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