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Er ist Linguist und Semiotiker, Mediävist und Philosoph, Poet und Erzähler. Er ist einer der belesensten Menschen der Welt und einer der schärfsten Kritiker italienischer Politik und Politiker: Umberto Eco. Sein erster Roman Der Name der Rose, 1980 in Italien und zwei Jahre später auf Deutsch erschienen, verkaufte sich bis 2007 mehr als 26 Millionen mal. In einer neuen rororo-Bildmonographie zeigt Michael Nerlich, wie sich bei diesem Multitalent wissenschaftliches Denken, literarische Produktion und politische Intervention wechselseitig befruchten.
Umberto Eco wurde am 5. Januar 1932 im piemontesischen Alessandria, der Stadt des Borsalino-Huts, geboren. Benito Mussolini, am 29. Oktober 1922 von den Squadra d’Azione, den Schwarzhemd-Kämpfern der Fasci di Combattimento an die Macht geputscht, war von König Viktor Emmanuel III. zum Ministerpräsidenten ernannt wurden – unter mehr als freundlicher Duldung des Vatikan, dem in den «Lateranverträgen» politische Souveränität zugesichert wurde. Die internationale Öffentlichkeit nahm vom italienischen Faschismus kaum Notiz, obwohl unter der autoritären Führung des «Duce» eingekerkert und verbannt, gefoltert und gemordet wird. Viele bedeutende Intellektuelle des Landes gingen dem national-militaristischen Pathos Mussolinis auf den Leim, schwiegen zum Terror der Schwarzhemden oder akklamierten ihm – Pirandello, Malaparte, Ungaretti, Gentile, Marinetti.
Nerlich rekonstruiert akribisch die frühen Stationen von Ecos intellektuellem Werdegang: «Balilla-Musketiere», Abenteuerromane aus der Bibliothek seines Großvaters väterlicherseits, erste kindliche Romanprojekte, katholische Phase (1952: Berufung in die nationale Leitung der katholischen Jugendorganisation Gioventù Italiana di Azione Catolica). Sein Vater war entsetzt, als der Filius, anstatt auf etwas Seriöses und finanziell Vielversprechendes wie Jura zu setzen, in Turin Literatur und Philosophie zu studieren begann. Die Beschäftigung mit der Ästhetik Thomas von Aquins und anderer mittelalterlicher Denker sollte sich später bei der Abfassung seines ersten Romans noch als sehr nützlich erweisen …
Eco sympathisierte früh schon mit einer Symbiose marxistisch-soziologischer Forschung und idealistischer Ästhetik, beschäftigte sich intensiv mit dem Werk des bedeutendsten italienischen Marxisten Antonio Gramsci, mit der Frankfurter Schule, mit Kracauer und Bloch, mit Benjamin und den Manifestationen der sog. Trivialkultur. Nach der Mitarbeit bei der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt RAI fand er 1959 eine Anstellung als Sachbuchlektor beim Bompiani-Verlag. Seine akademische Karriere begann 1961 mit Lehrveranstaltungen an der Universität Turin, drei Jahre später folgte die Architekturfakultät in Mailand. 1962 heiratete er die Deutsche Renate Ramge, 1963 und 1964 wurden ihre Kinder Stefano und Carlotta geboren.
Schon früh mischt sich Eco politisch ein, im Rahmen der «Gruppo 63» und kritischer Theoriezeitschriften wie «Quindici». Weil er unmissverständlich die Verbohrtheit «linker und rechter Reaktionäre» geißelte, wurde er zur Zielscheibe von Rechts und Links. Klerikale Kreise warfen ihm einen Verrat an den guten alten Werten vor, während militante Linksradikale aus dem Umfeld von Potere Operaio und Lotta Continua ihn als die «schöne Seele» des «Mailänder Neokapitalismus» attackieren.
Es sind Jahre extremer politischer Zuspitzung in Italien. Militanter Klassenkampf, Bombenanschläge mit vielen Toten (Mailand 1969, Bologna 1980, Schnellzug 904), Staatsstreichszenarien von rechts, Terror von links, Exekutionen durch Polizeigewalt, Mord an Aldo Moro durch die Rote Brigaden, Loge P2, Ermordung der Mafia-Jäger Falcone und Borsalino usw.
In diesen Jahren entdeckte Umberto Eco in der Auseinandersetzung mit den Klassikern de Saussure und Jakobsohn, mit Foucalt, Barthes, Levi-Strauss, Goldmann, Lacan und Derrida den Strukturalismus als bedeutendes theoretisches Werkzeug für seine Lesart der Semiotik, der Wissenschaft von den Zeichen. Innerhalb weniger Jahre genoss er als Semiotiker Weltruf; 1975 wurde ihnm in seinem Spezialgebiet eine ordentliche Professur in Bologna angeboten.
Mit der Veröffentlichung von Der Name der Rose im Oktober 1980 gelingt Umberto Eco eine geradezu sensationell anmutend Zweitkarriere: als Autor ambitionierter Unterhaltungsromane. Wie der Franziskaner und ehemalige Inquisitor William von Baskerville mit seinem Gehilfen Adson (Watson!) End 1327 in einer Bendektinerabtei im Apennin eine finstere Mordserie aufklärt und den blinden Fanatiker Jorge von Burgos zur Strecke bringt, faszinierte Millionen und Abermillionen Leser in aller Welt. Als 1982 die deutsche Übersetzung erschien, setzte parallel zum Siegeszugs von Ecos Mittelalterkrimi in den Buchhandlungen ein «Rezeptionsdrama» ein (alle Romane Ecos wurden vom sog. gehobenen Feuilleton in seltener Einmütigkeit vernichtend besprochen, auch Das Foucaultsche Pendel, Baudolino, Die Insel des vorigen Tages und Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana).
Zwei Kostproben: «Der Name der Rose ist mit jedem Satz ein Professorenroman, reich an angelesenen und ergrübelten Einsichten, arm an Lebenserfahrung. Es ist im wörtlichen Sinne Sekundärliteratur.» (Dieter E. Zimmer) «Aus jeder Romanpore [der Insel des vorigen Tages] dünstet, völlig humorlos, der akademische Belehrungseifer des Sekundärliteraten. Es lässt sich nicht verschweigen: Der Roman handelt nicht nur von einem Schiffbruch, er ist selber einer.» (Sigrid E. Löffler)
Umberto Eco ist in Italien längst eine moralische Instanz, einer, der den rebellischen Geist der Resistenza in sich trägt. Wie nur wenige andere erhebt er seine Stimme gegen Rechtsradikalismus, Antisemitismus und Migrantenhetze, gegen Silvio Berlusconi und die Forza Italia, gegen Bossis Lega Nord und die faschistische Alleanza Nationale. Dass seine Landsleute eine Figur wie Berlusconi mit dem Amt des Ministerpräsidenten betrauen, mag beschämend sein, aber kein Grund zur Resignation, wie Eco findet. Denn «Demokratie bedeutet nicht, dass die Mehrheit recht hat. Es bedeutet, dass die Mehrheit das Recht hat, zu regieren … Demokratie heißt also nicht, dass die Minderheit unrecht hat. Es heißt, dass sie zwar die Regierung der Mehrheit respektiert, sich aber jedes Mal, wenn sie meint, dass die Mehrheit unrecht hat (oder ganz schlicht gesetzwidrig, unmoralisch und demokratiefeindlich handelt), mit lauter Stimme Gehör verschafft.