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Melanie McGrath: Im Eis

© cg-textures, Dover Publications, Inc.

Willkommen am nördlichen Polarkreis! Willkommen in einem Kriminalroman, in dem es mit der Arktisjägerin Edie Kiglatuk zwar eine faszinierende und originelle Ermittlerin gibt, die eigentliche Heldin aber eine andere ist: die gewaltige, einsame Eislanddschaft Arktis – «einer Welt der Spuren und der nie verrottenden Knochen, einer Welt, in der man sich überall und nirgends verstecken kann. In dieser Welt der Geister und Vorfahren sterben Geschichten niemals aus, denn der Schnee kann Beweise menschlichen Unglücks zwar verschwinden lassen, aber er bringt sie – irgendwann – auch wieder zum Vorschein.» (Melanie McGrath)

Eiskaltes Kalkül

«Während sie einen Brocken vom Eisberg schmolz, um Tee zu kochen, grübelte Edie Kiglatuk darüber nach, weshalb diese Jagdexpedition so vollkommen erfolglos verlief. Zum einen waren die beiden von ihr angeführten Männer miserable Schützen. Zum anderen schien es Felix Wagner und Andy Taylor egal zu sein, ob sie Beute machten oder nicht.»

Edie wird sich bald wünschen, eine beutelose Jagd wäre das einzige Unglück dieses Frühlingstages auf Ellesmere Island geblieben. Um die Ausbildung ihres Stiefsohns bezahlen zu können, hat die 33-jährige Halbinuit schon viele Expeditionen für qalunaat geleitet – aufgeblasene Südler in Hightech-Outfits, die die Arktis-Nostalgie gepackt hat. Oder Filmstars, die das Eis in ihrer Seele erforschen wollen. Auch Wagner und Taylor füllen nur ihre Notizbücher, statt wie geplant Wild zu erlegen. Bis ein Schuss scheinbar aus dem Nichts durch die Dämmerung knallt. Er trifft Wagner tödlich und versetzt seinen Reisegefährten in Panik und Entsetzen.

Autoreninfo

Melanie McGrath wurde in Essex geboren. Als Journalistin schreibt sie für diverse britische Zeitungen und arbeitet außerdem als Radio-Redakteurin. Sie...
mehr über die Autorin
Verschleppen, verschleiern, vergessen

Ayaynuaq, damit wird der Vorfall bald darauf abgetan vom Ältestenrat der Siedlung Autisaq, dem Ausgangspunkt der unglückseligen Expedition. Schlafende Hunde soll man nicht wecken. Unter Vorsitz des Bürgermeisters Simeonie Inukpuk wird beschlossen, dass Wagner sich selbst erschossen hat. Ein Jagdunfall – tragisch zwar, aber nicht so dramatisch für das Touristengeschäft wie ein Mord. Edie darf ihre Führerlizenz behalten, doch sollte sie besser den Fußabdruck vergessen, den sie nach Wagners Tod im Schnee entdeckt hat.

Auch eine nächste Expedition fordert ihre Opfer. Durch einen Schneesturm heißt es, doch einige Ungereimtheiten lassen Edie keine Ruhe. Sie beginnt zu ahnen, dass die «Dehnungen der Wahrheit» in der kleinen Welt von Autisaq im Dienst von etwas Größerem stehen …

Melanie McGrath’ Im Eis ist ein Roman, in dessen Sprache man sofort eintaucht. Nach ein paar Sätzen ist gewiss, dass ein spannender Lesetag vor einem liegt, an dem man sich mit heißem Tee aufs Sofa zurückziehen und das Telefon ausstellen sollte.

Edie Kiglatuk? Mehr davon!

Der Blick auf die arktische Schönheit kann unprätentiöser nicht sein, als er sich durch Edie auftut; die dickköpfige Heldin mit den geölten Zöpfen, die zu besonderen Gelegenheiten ihren besten Parka trägt. Die mal mehr, mal weniger erfolgreich gegen den Teufel Alkohol kämpft. Die als Lehrerin schon mal Sattelrobben auf dem Pult zerlegt und den Inuitkindern die Namen der ausgelösten Teile (Milz, Barthaar, Speck) auf Englisch beibringt – Wissen für Jobs, die dann doch nur qalunaat bekommen. Und die die gleichen qalunaat bedauert, weil sie weder die Mitternachtssonne kennen noch die samtige Schwärze eines arktischen Wintertags.

Durch diese unvergleichliche Figur stellt sie sich ein: die Faszination der Hocharktis und das Gefühl, dass man diesen Ort auf Erden einmal im Leben mit eigenen Augen gesehen haben muss.

(Aus: Rowohlt Revue 92, Autorin: Alexandra Bültemeier)