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500.000 Kinder und Jugendlichen – grob geschätzt – werden an deutschen Schulen gemobbt. Ausgegrenzt, bedroht, geschlagen, getreten, gedemütigt. Früher sagte man: «Das ist normal, das wächst sich aus.» Nicht alles wächst sich aus. Für viele der Mobbingopfer sind die Auswirkungen katastrophal; nicht wenige fliehen vor Aggression, Gewalt und Psychoterror in den Tod. Mobbing (im angloamerikanischen Sprachraum: Bullying) ist ein oft verharmlostes Phänomen, und doch ist es Alltag auf den Straßen, Schulhöfen und im Internet. Mechthild Schäfer, Privatdozentin für Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, forscht seit eineinhalb Jahrzehnten zu diesem Thema; gemeinsam mit der Journalistin Gabriela Herpell nimmt sie in ihrem Mobbing-Report alle Beteiligten in den Blick – Täter, Opfer, Eltern und Lehrer.
«Das Buch zeigt, wie die Lust am Mobbing entsteht und was gegen die Grausamkeit hilft.» (Stern)
Rund eine halbe Million Mobbingopfer gibt es an deutschen Schulen. Früher ging man davon aus, dass Mobbing ein Verhältnis zwischen einem Täter und einem Opfer ist; heute wissen wir, dass es sich um ein Gruppenphänomen handelt. Mobbing funktioniert nur, wenn der/die Täter Unterstützer haben: Helfer, die sie beklatschen, ihr Tun passiv dulden oder aktiv decken. Ein weiteres Missverständnis: Es gibt keine «typischen» Opfer von Mobbing – jeder kann zum Opfer einer Aggression werden. «Die Dynamik einer Gruppe ist entscheidend, nicht ob ein Schüler etwa unsportlich, dick oder besonders schön ist. Opfer haben einfach Pech, zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer bestimmten Klasse zu sein. Es liegt an der Umgebung. Ein Kind kann in einer Klasse sehr gut zurechtkommen und in einer anderen zum Opfer werden.» (M. Schäfer)
Kinder können sehr grausam sein. Das ist nichts Neues. (Die Autorinnen nennen die Aggressoren «kleine Machiavellisten», Kinder mit Machtlust und Dominanzanspruch.) Im Zeitalter von Facebook, Twitter und anderen sozialen Netzwerken hat aber das systematische Schikanieren anderer eine bedrohliche Dimension angenommen. Nicht neu ist auch die pädagogische Maxime, dass Kinder lernen müssen, Konflikte auszuhalten und produktiv zu bewältigen. Aber nicht alle Betroffenen sind stark genug zu ertragen, dass die Schule, die Straße für sie zu feindlichen Orten werden.
Dominanzorientierte Kinder sind stark darin, sozial schwach integrierte Mitschüler aufzuspüren und einzuschüchtern. Manchmal sind gezielt gestreute Gerüchte schmerzhafter als Schläge. Natürlich sind Eltern hier gefordert, aber oft sind gerade sie machtlos, anders als Lehrerinnen und Lehrer. Weil die sich dort befinden, wo die Aggression sich in der Regel austobt, in der Schule.
Besonders perfide: Cybermobbing. Wenn die Köpfe von Mitschülerinnen in Pornofilme montiert und auf YouTube gestellt werden, dann ist das für die Betroffenen eine verheerende Erfahrung. Wer Cybermobbing erdulden muss, ist in der Regel schon vorher in der Schule Opfer von Mobbing geworden. «In den Vereinigten Staaten erhängte sich die 13-jährige Megan, weil sie sich in ihre Internet-Bekanntschaft Josh verliebt hatte und nach kurzer Zeit von ihm im Netz so gekränkt wurde, dass sie damit nicht fertig wurde. Doch Josh gab es gar nicht. Die Mutter von Megans ehemals bester Freundin, die sich an dem Mädchen rächen wollte, hatte sich den üblen Scherz einfallen lassen.»
Schäfer/Herpell nähern sich in Du Opfer! dem Thema auf zwei Wegen. Sie geben den aktuellen Wissensstand der Mobbing-Forschung weiter; und sie demonstrieren an zwei Fallbeispielen, wie fatal, wie vernichtend Mobbing, also «der Missbrauch von sozialer Macht auf der Basis systematischer und wiederholter Attacken gegen Schwächere» (so der Doyen der Schul-Mobbing-Forschung, der Schwede Dan Olweus), für den Lebensweg der Betroffenen sein kann. Katharina und Maximilian haben ihre Geschichten den Autorinnen erzählt (Namen, Orte und Umstände sind verändert). Ihre Schicksale zeigen, wie differenziert und schmerzend-subtil sich kindliches Mobbing äußern kann. Katharina ist mittlerweile Studentin, Maximilian besucht die sechste Klasse einer Realschule.
Achtsam sein, genau hinschauen! Eltern, Freunde, Familie, sie alle sind aufgerufen, bei bestimmten Warnsignalen nachzufragen. Wenn ein Kind sich zunehmend zurückzieht; wenn es nicht mehr zur Schule gehen will; wenn es häufig über Kopfweh oder Unwohlsein klagt. «Je früher man in das Mobbing-System eingreift, desto größer sind die Chancen, die Opfer vor größerem Schaden zu bewahren. Und nicht nur die Opfer, sondern auch die Täter, die im erfolgreichen Einsatz aggressiver Strategien durch Erfolg belohnt und bestärkt werden. Und schließlich auch die Mitschüler, die sonst lernen, dass es wohl in Ordnung sein muss, Schwächere zu degradieren, um selbst gut dazustehen.»
Klar aussprechen: Du bist nicht schuld! Demütigungen und Beschimpfungen sind nicht in Ordnung. Natürlich erproben Kinder und Jugendliche immer, wie weit sie gehen können. Ab einem bestimmten Punkt aber hat das nichts mehr mit den üblichen Hänseleien und Hakeleien unter Heranwachsenden zu tun. Mobbing ist systematische Ausgrenzung: ein Akt der Gewalt.
Das Mobbingproblem muss in der Schule gelöst werden. Es hilft nicht, alle paar Jahre einmal ein kurzes Hallo-wach-Themenprojekt zu machen, wenn irgendetwas Übles geschehen ist. Aufklärung über Mobbing muss in den Schulalltag integriert werden. Gefragt ist ein «whole school approach», also eine Art «gesamtschulische Politik zum Gewaltproblem» (Dan Olweus, siehe Seite 156 ff.)
Schnelle Hilfe: Wichtig für eine schnelle Orientierung ist dieser Frage-Antwort-Teil; ier lernt man nicht zuletzt, was bei Mobbing unbedingt vermieden werden soll. Etwa als Eltern des Opfers mit den Eltern des Täters zu sprechen oder mit dem Täter/den Tätern – oder das Opfer aus der Klasse zu nehmen.
Juristische Fragen: Welche Rechte haben die Opfer, welche Rechte und Pflichten die Mitschüler, der Lehrer, der Schulleitung?
Service: Links zu nationalen und internationalen Mobbingprojekten.