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Für Furore sorgte Maximilan Dorners 2008 erschienenes Buch Mein Dämon ist ein Stubenhocker, die Abrechnung mit der unheilbaren Nervenkrankheit, die 2006 bei ihm diagnostiziert wurde. Einer Krankheit, die sich in den Körper hineinfrisst und Funktion für Funktion lahm legt. mit Entzündungen im Gehirn, die «wie verbohrte Selbstmordattentäter» wüten. In der Auseinandersetzung mit seinem «Dämons» erweist sich Dorner als brillanter Beobachter seiner Umwelt und seiner selbst; und fast immer geht es dabei um die Themen Peinlichkeit und Scham. In seinem neuen Buch unterzieht sich «der Typ mit dem schwarzen Stock» einem radikalen, befreienden Selbstversuch. Er holt das Peinliche aus dem Halbdunkel, seziert die Empfindung der Scham in all ihren Schattierungen und reißt Tabus ein. «Am Ende kann Dorner zwar nicht mehr laufen, aber sein Denken und seine Sprache tragen ihn meilenweit.» (Süddeutsche Zeitung)
Dass 200 Meter vom Café nach Hause zu einer einzigen Qual werden können, diese Erfahrung hat Maximilian Dorner oft machen müssen. Wie sich das anfühlt? «Der rechte Fuß lässt sich nur unter Gewaltandrohung anheben. Beide Beine zittern bis hoch zur Hüfte, selbst wenn ich sie voll belaste. Die schweißnasse linke Hand sucht den Stock zu greifen, mit der rechten taste ich mich an Häuserwänden entlang. (…) Jede Faser meines Bewusstseins ist auf den nächsten Schritt fixiert. Auf den Bordstein, auf die Pflastersteine einer Hofeinfahrt. Ich bleibe an ein Verkehrsschild geklammert stehen. Ein Fahrradfahrer kommt mir freihändig entgegen, zwei Jungs mit Skateboard wechseln bei meinem Anblick umsichtig die Straßenseite. Ich fühle mich, tief unter dem Knirschen des eisernen Willens, gedemütigt. Ich bin allein mit meinem Körper, vollkommen allein.»
Mit der Diagnose der Krankheit bekamen die unerklärlichen körperlichen Ausfallerscheinungen auf einmal einen Namen. «Hieß es früher noch ‹Warum humpelst d denn so doof?›, wollten nun plötzlich alle helfen.» Helfen lassen will gelernt sein; Maximilian Dorner wehrte sich mit Händen und Füßen gegen die Fixierung auf ein Leben als Behinderte: Ob Physiotherapie, der demütigende Gang zum Sanitätshaus oder die krankheitsgerechte Einrichtung seiner Wohnung, Dorner sagte: Nicht mit mir. Hinter der – mit markigen Statements wie «Ich lasse mich doch nicht zum Zirkuspferd machen» garnierten Verweigerung – stand nichts anderes als Scham. «Dass mir meine Behinderung auch noch peinlich ist, ist der schlimmste Kollateralschaden.»
Sich offen mit Scham und Peinlichkeit auseinanderzusetzen, das ist die Quintessenz seines Selbstversuchs, bringt Licht und Luft in das Leben eines Behinderten. Ihn ließ es weicher und geduldiger werden, lehrte ihn Demut und Nachsicht mit sich selbst, mit seinem Körper, seinen Ambitionen. Vor allem verhinderte es den schlimmsten Verlust: den der Sprache. Hinter dem selbst auferlegten Schweigen lauert der soziale Tod.
Maximilian Dorner schreibt elegant und stilsicher, mit Witz und Sinn für Pointen, dabei ohne jede Larmoyanz. Souverän balanciert er über einem Abgrund, in dem Selbstmitleid und Selbststilisierung, Zynismus und Bitterkeit lauern. Er schreibt über Behinderung und Nebenbehinderung, Phantomscham und Fremdschämen, über den «zerbröckelnden Körper» und das «vorgezogene Greisentum», sexuellen Notstand und das Selbstgefällige an demonstrativem Schämen, über Sanitätshäuser, Behindertentoiletten, Inkontinenz und andere Mahnmale des eigenen Verfalls. Schräg, zumindest ziemlich speziell, sind auch andere, sagt sich Dorner immer wieder – gerade die Menschen, die ihm am meisten am Herzen liegen. «Viele meiner Freunde sind schrullig, ich mag sie gerade deswegen. Warum sollte ich also nicht auch meinen schrulligen Körper mögen? Schließlich kann man selbst auf einem verstimmten Klavier den Flohwalzer spielen.»
Dorner weiß genau, warum es ihm so viel besser geht, seit er sich nicht mehr in heroisch-selbstzerfleischendem Wüten die Scham abgewöhnen will. Sein Selbstversuch hat ihm geholfen, Gefühle des Beschämtseins da abzuwehren, wo sie an den Kern seines Menschseins rühren. Stolz ist das Mittel, sich seiner Selbstachtung zu vergewissern: «Löcher, Risse, gebrochene Nähte der Persönlichkeit sind oft mit Scham geflickt. Genauso gut sichtbarer, aber haltbarer und gesünder, ist Stolz.»
Am Ende steht eine Einsicht, die durchaus verallgemeinerbar ist, relevant für Behinderte wie Nichtbehinderte: «Die Scham beim Namen zu nennen, heißt nicht, sie dadurch automatisch zu überwinden. Überhaupt will ich nicht mehr dauernd etwas überwinden: weder den Schmerz, noch die Krankheit oder die Einsamkeit damit. Wenn ich sie erstmal überwunden hätte, wäre das Leben vorbei: abgetrennt, zurückgelassen, vorbei eben. Das bedeutet, die Scham nicht wegzuwedeln wie eine lästige Fliege, sondern sie zu achten, sie wert zu schätzen wie den Schmerz und die Einsamkeit.»