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Kennen Sie Maximilan Buddenbohm als Autor der Herzdamengeschichten? Wem der Mann hinter diesen gewitzten Blogs kein Begriff ist, hat jetzt die Gelegenheit, seine lakonisch- pointierten Geschichten jetzt in Buchform kennenzulernen. In Es fehlt mir nicht, am Meer zu sein erzählt Buddenbohm, wie er mit seiner Mutter als Kind von Lübeck nach Travemünde zog. In seiner Strandjugend lernte er eine Menge skurriler, besonderer Typen kennen, einen ganz eigenen Menschenschlag: Aussteiger, die es nur bis an die Ostsee schafften, Rentner, die zu Trinker wurden, Imbissbudenbesitzer, die sich um das Seelenheil zahlloser einsamer Streuner verdient machten, die diversen Liebhaber seiner Mutter …
Vier Stockwerke, 75 Wohnungen, das war die Strandresidenz, hier verbrachte Buddenbohm den längsten Teil seiner Jugend. Seine Eltern hatten sich wie viele gut verdienende Hamburger und Lübecker aus Steuerspargründen eine kleine Wohnung an der Ostsee zugelegt. Als die Ehe gescheitert war, zogen Mutter und Sohn fest dorthin – die Wochenendwohnung als Dauerbleibe. «Am Montagmorgen fuhren die Wochenendgäste alle zurück in die Stadt, um wieder ihrer Arbeit nachzugehen. Wenn nicht gerade Ferienzeit war, gab es ganze Wochen, in denen abends nur bei uns Licht brannte, alle anderen Wohnungen standen leer und blieben dunkel. Das verlassene Gebäude war gespenstisch ruhig.»
Was Maximilan Buddenbohm schreibt, ist oft unglaublich komisch. Und manchmal auch ziemlich traurig. Etwa die Geschichte von Hilde und Hans, die sich auch für eine Dauerexistenz in der Strandresidenz entschieden hatten. Sie vom Typ her eine «späte Simone Signoret», er ein adretter Curd-Jürgens-Verschnitt. Über die Jahre wurde aus dem auf Stil und Haltung achtenden Paar eine Trinkergemeinschaft. Morgens zum Frühstück der erste Sekt, es konnte auch Champagner sein (man hatte es ja), nach den Strandspaziergängen an Hugos Imbiss dann Bier, Glühwein mit Schuss, Cognac, Cocktails. Bald häuften sich die Arztbesuche, irgendwann war Schluss. Erst starb Hans, sechs Jahre später Hilde, wieder zwei Jahre danach dersteifbeinige silbergraue Zwergpudel. Bonjour tristesse.
Ganze Sommer verbrachten die Kinder am Strand. Hier spielten sich die ersten Verliebtheiten ab, heißes Glück und tiefste Enttäuschung: Sarah, «das Problem». Hier wurden Freundschaften geboren, hier fanden sie ihr Ende. Was wäre der Travemünder Strand ohne Hugos Imbiss und seine Stammgäste! Die Königin zum Beispiel, Frau König, winzig, zerbrechlich, scheu wie ein Reh das Tagesgericht ordernd (und mit einem Mann gesegnet, dessen Todesumstände man nicht anders als spektakulär nennen kann). Monsieur René, seines Zeichens Feinkosthändler in Travemünde, ein Verkaufsgenie ersten Ranges: polierte Äpfel, Aprikosen zum Verlieben, Phantasiepreise – und: «Ich küsse Ihre Hand, Madame!» Und auch die Liebhaber von Maxmilians Mutter werden aufs Entzückendste porträtiert: Leo, Steward auf dem Fährschiff «Prinzessan Birgitta»; Einar, der Geschäftsmann aus Island; Orlando, ein Lübecker Versicherungskaufmann mit ausgeprägt schöngeistigem Schlag, nicht zu vergessen Albert, ein katholischer Pfarrer.
Oder der alte Mann mit dem eingefallenen Gesicht, den die Kinder lange für Canaris hielten, den legendenumwobenen Chef des Nachrichtendienstes im Dritten Reich. Die Kinder beschatteten ihn, selbst als sie wussten, dass der große Geheimnisvolle zwar nicht Canaris, aber immerhin beim Nachrichtendienst gewesen war. Bis sich das Ganze als ein Ulk herausstellte: Der Mann hatte lange Zeit als Postbote mit dem gelben Dienstfahrrad seinen Dienst in Travemünde verrichtet. «Er hat das immer Nachrichtendienst genannt, weil er ja wirklich Nachrichten von Tür zu Tür trug. Hat immer gesagt, er wäre der Chef vom Nachrichtendienst im Bezirk Küste, das war sein Lieblingswitz …»).
Bei Buddenbohm gibt es wunderbare Beschreibungen. Von Kaffeefahrten und Kurorchestern, Sonnencremeorgien und lakritzzäher Langeweile. Von dem großartigen Sommer, als er und sein bester Freund zu «erfolgreichen Jungunternehmern» wurden und geradezu in Geld schwammen, weil sie geklaute Bälle vom Golfplatz mit fettem Aufschlag in den Schulen der Stadt weiterverscherbelten. Von der Traurigkeit des Saisonendes und der beglückenden Erfahrung, dass auch Meere zufrieren können. Rückblick auf den Katastrophenwinter des Jahres 1978/79 …
Wer die unvorstellbaren Schneemengen in jenem Winter selbst erlebt hat, wird die Bilder von damals nicht mehr vergessen. Der Zugverkehr brach zusammen,, Autobahnen waren komplett gesperrt, Dörfer und Städte tagelang nur noch über die Luft erreichbar, es gab Tote. In jenen Wochen ereignete sich auch in Travemünde etwas Einzigartiges, eine Eiskatastrophe, die genau genommen ein Eiswunder war.
Wenn man am Strand eines vereisten Meeres steht, ist die Stille wirklich verblüffend. Ein Meer unter Eis gibt kein Geräusch mehr von sich, gar keines. Plötzlich ist dort Ruhe, wo es sonst eine endlose Folge von Geräuschen gibt, die sich bis in alle Ewigkeiten zu wiederholen scheint. Keine Welle schlägt mehr plätschernd an den Strand, keine Schaumkrone sinkt rauschend in sich zusammen, keine Steinchen werden flüsternd von den Ausläufern der Brandung zusammengeschoben, keine leeren Muschelschalen rasseln mit dem Zurückweichen der Wellen über den Kies. Alles schweigt – und in diesem Schweigen war den ersten Travemündern, als müssten sie selbst auch die Luft anhalten und ganz, ganz leise gehen, so drückend und gebietend war die ungewohnte Stille des Eises. (…) Das Eis bedeckte die ganze Lübecker Bucht; es sah aus, als hätte man einfach zu Fuß hinüber in die DDR gehen können …»
Es fehle ihm nicht, am Meer zu sein und am Strand entlangzugehen. Erst recht nicht, seit er in Hamburg lebt, mit Alster und Elbe, mit dem riesigen Hafen und der jederzeit spürbaren Nähe zur Nordsee. «Ich habe oft genug erlebt, wie grausam langweilig, endlos öde und leblos das Meer in einem norddeutschen Winter aussehen kann, in einem dieser zähen Winter ohne Schnee, die nichts als bitterkalte Tage bringen mit dem schneidenden Wind und den immergrauen Wolken über dunkelgrauer See am fahlgrauen Strand. So grau ist das dann alles, das man verrückt werden möchte vor Sehnsucht nach einer Farbe. (…)
Ich denke fast nie an das Meer. Aber wenn es Herbst wird und die ersten diesigen Tage kommen, an denen man etwas vom Nebel ahnen kann, der hier in der Großstadt doch nie so ganz richtig zum Nebel wird, dann fehlt mir doch etwas: das Geräusch des Nebelhorns am Abend. (…) Das wird mir immer fehlen. Das Geräusch des Nebelhorns als meine sichere Brücke in die Nacht.»