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Max Goldt: Ein Buch namens Zimbo

© billy&hells

Einen notorisch friedfertigen Menschen wie Max Goldt bringt kaum etwas auf die Palme, von der unaufhaltsamen Verlotterung von Syntax und Wortschatz einmal abgesehen. Schon vor Jahren habe er milde körperliche Strafen für Leute gefordert, die keinen Satz ohne «im Endeffekt» zuwege brächten, aber nichts sei geschehen. Nun schlägt er mit den Waffen zurück, über die er gebietet wie kein Zweiter. Das Buch von Zimbo, Max Goldts neue Kolumnensammlung, liest sich wie ein Crashkurs im Umgang mit «sprachlichem Ungeziefer», und ist doch, Satz für Satz, großartige Unterhaltung.

Für seine Verhältnisse hat sich der Großmeister der Titelpoesie dieses Mal auffallend zurückgehalten. Andere Werke Max Goldts, Bücher, CDs und Platten, tragen Titel wie Ungeduscht, geduzt und ausgebuht, Schließ einfach die Augen und stell dir vor, ich wäre Heinz Kluncker, Okay Mutter, ich nehme die Mittagsmaschine, Ein Kuss in der Irrtumstaverne, Legasthenie im Abendwind oder `ne Nonne kauft `ner Nutte `nen Duden. Nun also Ein Buch namens Zimbo – aber was für ein Feuerwerk an «emphatisch Nichtnarrativem» (D. Kehlmann)!

Erzdumm, mopsfidel & übersexualisiert

Wem man hier nicht alles begegnet! Einer rätselhaften barbusigen Knochengräberin auf dem Berliner Matthäus-Friedhof. «Es kann doch nicht einfach jede verwirrte Transgender-Exhibitionistin Knochen ausgraben und mit nach Hause nehmen! Womöglich sind es ja die Knochen der Gebrüder Grimm, die das Weib an gierige japanische Germanisten zu verkaufen beabsichtigt?» Dann laufen wir einem Trupp beachtlich alkoholisierter Frauen auf den Straßen Glasgows in die Arme: «Sie amüsierten mich und rührten mich auch etwas, diese erzdummen, mopsfidelen, übersexualisierten und irgendwie auch lieben jungen Schachteln.»

Sogar der «eisige Beauty-Apparatschik» Heidi Klum hat seinen Auftritt in Zimbo und auch eine, wie man liest, frisch getaufte republikbekannte Ex-Rockröhre: «Als Nina Hagen sich im Herbst 2007 in der Sendung ‹Maischberger› lange, allzu lange Minuten auf eine Weise inszenierte, die vermutlich selbst ihre Bewunderer nicht mehr als ‹niedlich verrückt› durchgehen lassen konnten, nämlich als ein egomanisches Wrack, als eine auf sämtlichen Bedeutungsebenen grundhäßliche Querulantin, hatte ich die, freilich vergebliche, Hoffnung, daß sie vielleicht, strengstens beraten von Mutter und Tochter, dazu überredet werden könnte, den Rest ihrer Tage in Abgeschiedenheit zu verbringen.»

Max Goldt ist eben nicht nur ein Seitlich-dran-vorbei-Geher, sondern in erzürnter Grundverfassung auch schon mal ein Frontal-drauflos-Geher. «Was mir Halt gibt?» heißt es in der Rede des erbleichenden Dreisten. «Fragen Sie mich allen Ernstes, was mir Halt gibt? Halt gibt mir nichts als meine gottbefohlene Dreistigkeit!» Ja, ein kleines bisschen majestätisch ist Herr Goldt schon.

Autoreninfo

Max Goldt, geboren 1958 in Göttingen, lebt in Berlin. Zuletzt veröffentlichte er «Ein Buch namens Zimbo. Sie werden kaum ertragen, was Ihnen...
mehr über den Autor
Kleist? Paßt schon ...

Es sind all diese «Exerzitien der Nichtigkeit» (Die Zeit), die einen auf den gut 200 Seiten ins Schwelgen und Schwärmen kommen lassen, voll mit Sätzen von «so neiderregender Klugheit und neiderregender Schönheit, dass man schon ein sehr großes Herz haben muss, um nicht von Eifersucht zerfressen zu werden» (Süddeutsche Zeitung).

Kein anderer zeitgenössischer deutscher Autor beherrscht die Kunst der absichtsvollen Ab- und Ausschweifung, das lässige Lustwandeln von Pontius zu Pilatus wie Max Goldt. Dass er 2008 den mit 20.000 Euro erfreulich großzügig dotierten Kleist-Preis erhielt, war überfällig. Sollten Sie übrigens selber ernsthaft Ambitionen auf diese Auszeichnung haben, gibt es hier noch einen wirklich nützlichen Tipp von Herrn Goldt persönlich: Gehen Sie einfach mal mit Daniel Kehlmann essen, am besten pikant gewürzte asiatische Nahrungsmittel auf Sojabohnen-Basis: «Am kalten Ostermontag des Jahres 2008 fragte mich Daniel Kehlmann, gebeugt über eine dampfende Schüssel mit brennend scharfem Mapo-Tofu, ob ich etwas dagegen hätte, den Kleist-Preis zu kriegen. ‹Paßt schon›, sagte ich.»