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Verleger und Zoos, was für ein reizvolles Kapitel der Literatur! «Ich liebe Zoologische Gärten, und immer stehe ich mit besonderem Vergnügen vor den Bassins der Robben.» Ernst Rowohlt ist nicht allein mit seinem Bekenntnis – vielleicht eine Art Ausgleich zu all den zappelnden Tausendfüßlern und ihrem seltsamen Treiben auf den Buchseiten?
Der Ich-Erzähler in Der Schatten der Tiere war in seinem früheren Leben ebenfalls Verleger, bis er es nicht mehr ausgehalten hatte, alles war ihm nur noch nutzlos und leer erschienen. Nun zieht es ihn zu der Welt der Tiere und ins Reich der Logik, radikale, strenge Gegenentwürfe zu seinem bisherigen Leben. Erzählt wird sein Weg durch Geschichten, die oft in Rätseln enden; immer stärker löst sich auf, was Realität ist und was Phantasie. Der Erzähler formuliert es so: «Es gibt nur zwei Möglichkeiten, mit der Realität umzugehen, entweder du flüchtest oder du wirst verfolgt. Wenn du flüchtest, bist du ein Phantast, wenn du verfolgt wirst, ein Realist.»
Flüchten oder verfolgt werden – damit sind die beiden Pole des Buches umrissen. Die Flucht des Erzählers aus seiner Berufswelt, wie er dem Alkohol verfällt, sich von seiner Frau trennt, eine Entziehungskur macht und sich trocken schließlich gegenüber dem Berliner Zoo einmietet, dieser Roman wird nicht erzählt, allenfalls in kurzen Rückblicken angedeutet. Ein Abstieg, keine Frage, auch daran abzulesen, dass er sich für den Zoo nur eine Jahreskarte zweiter Klasse leisten kann. Die aber nutzt er intensiv.
Er ist ein seltsamer Kauz, dieser Braun, wie er nur genannt wird, den er eines Tages auf einer Parkbank dort kennenlernt. Seine Alkoholfahne ist gewaltig, doch nicht weniger herausragend scheint auch sein früherer Ruf als Kapazität für Mathematik gewesen zu sein. Ohne viel Worte freundet man sich an, und als sich Braun später in den Norden Norwegens zurückzieht, in die Einsamkeit, nur umgeben von Tieren, vor denen er sich fürchtet, fährt ihn der Erzähler besuchen. Hier setzt der Roman ein, die Verfolgung beginnt mir der Nachricht, dass Brauns Leiche gefunden wurde. Hélène, dessen frühere Freundin, steht kurz darauf vor dem Erzähler. Er verliebt sich in sie, reist ihr, als sie wieder nach Amsterdam entschwindet, hinterher, und schließlich fahren sie gemeinsam in Brauns ehemalige Hütte nach Norwegen. Die Polizei sucht nach dem Erzähler: Ist er Brauns Mörder?
Mathias Gatza erzählt in seinem Debüt eine bis in jeden Satz hinein genau konstruierte Geschichte von Ego und Alter Ego, von Anziehung und Abweisung, von einer großen Suche. Je mehr wir über beide Figuren erfahren, desto mehr Fragen werden aufgeworfen. Ganz bewusst sind beide aus ihrer Lebensbahn herausgetreten, doch wo sind sie angekommen? «Diese ersten Tage, wenn die weitgereisten Zugvögel in den Schneeschmelzsümpfen wieder auf den Wiesen stehen und ihre noch schiefen Melodien den Wald beschallen, machen die Zeit spürbar und das Vergehen, heute ist meine Traurigkeit darüber fast euphorisch.»
Der Schatten der Tiere will auch als leises, ironisch gebrochenes Manifest gegen den ganzen «Beschreibungsunsinn» gelesen werden, gegen all die Bilder, die nie in der Wahrnehmung, nur in Büchern vorkommen. Diese recyclte Realität unterläuft der Roman von Anfang an. Versuchsweise hält er sich an die Tiere, zum Beispiel an das zwei Jahre alte Gorillakind Djamila («das verspielteste, das ich je gesehen habe, und gleichzeitig das melancholischste»): «Es legte die noch kleine Hand auf eine Scheibe und schaute danach lange auf den Abdruck, den sie hinterlassen hatte, dann auf die Handfläche, minutenlang, dann legte es sich die Hand auf den Bauch. Schaute die Hand an, dann den Bauch. Auf dieser Ebene können wir überhaupt nicht verschieden sein.»