![]()
Dieser Roman war, noch bevor 2002 die erste Auflage in die Buchhandlungen kam, zum Skandal geworden. Die FAZ, der das unredigierte Manuskript zur Prüfung vorlag, hatte einen Vorabdruck abgelehnt. Die Gründe legte FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher in einem offenen Brief an Martin Walser dar. Auch wenn er das Verdikt «antisemitisch» vermied – indem als Thema des Romans kurz und bündig der «Mord an einem Juden» benannt wurde, war das Schlachtfeld bestellt. Es gab ressentimentgeladene, vernichtende Kritiken, aber auch lobende wie die von Joachim Kaiser, Leitender Redakteur der Süddeutschen Zeitung («brillant, leichtgewichtig, boshaft und hemmungslos») oder Sigrid Löffler («gnadenlos klug und fast prophetisch») und enthusiastische wie die von Arno Widman: «Tod eines Kritikers ist eines der besten Bücher nicht nur von Walser. (…) Vergessen Sie Reich-Ranicki. Er kommt nicht vor.»
Walsers skandalisierter Roman Tod eines Kritikers ist jetzt bei rororo im Taschenbuch erschienen. Huang Liaoyou, der chinesische Übersetzer des Romans, nimmt in seinem Beitrag zum ideologisch aufgeladenen «Krieg der Kritiker» eine ganz eigene Perspektive ein. Ohne die scharfen Konturen der Debatte zu schleifen oder ihren polemischen Charakter überspielen zu wollen, gibt er in seinem Essay Schriftsteller, Kritiker, Kontrahent Auskunft über seinen Zugang zu den Protagonisten der erbitterten Wortschlacht, zum Roman und seiner Rezeption. Hier können Sie wichtige Passagen lesen; der komplette Essay von Huang Liaoyon ist im Anhang des Romans nachzulesen (rororo 25226, S. 251-268).
Von Huang Liaoyou
«Als mich der Cheflektor des chinesischen Verlages für fremdsprachige Literatur, Tong Baomin, im Herbst 2002 fragte, ob ich den soeben erschienenen Roman Tod eines Kritikers von Martin Walser übersetzen wolle, sagte ich spontan zu und hatte schnell das Gefühl, daß diese Entscheidung richtig gewesen war. Als ich das druckfrische Buch aus den Händen Herrn Tongs entgegennahm, wollte ich sofort anfangen. Ich war nicht so erpicht darauf, Tod eines Kritikers zu übersetzen, weil es ein umstrittener Roman war, immerhin sprach man vom «größten Literaturskandal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland», oder weil er ebendeshalb zum Bestseller geworden war. Vielmehr reizte mich, daß Martin Walser offenbar einen Roman über Marcel Reich-Ranicki geschrieben hatte. (…)
Martin Walser … ist kein Autor, der sich in seinem Elfenbeinturm verschanzt: er kümmert sich um gesellschaftspolitische Fragestellungen, schreibt über sie und veröffentlicht immer wieder provozierende Artikel und Aufsätze. In den Sechzigern verfolgte er in Frankfurt am Main den Auschwitz-Prozeß, der daraus hervorgegangene Aufsatz prägte die mittlerweile einschlägige Formel «unser Auschwitz». In den achtziger Jahren befürwortete er die deutsche Wiedervereinigung und wurde darum mißtrauisch als Nationalist beäugt. Er ist also seit jeher ein Autor gewesen, der durch sein Engagement und seine Positionen Aufsehen erregte. So interessant der Mensch und Schriftsteller Martin Walser auch sein mag, mein persönliches Interesse für ihn erwachte erst, nachdem ich fast zwanzig Jahre über Thomas Mann geforscht hatte. (…)
Wer sich, wie ich, mit deutscher Literatur befaßt, kennt die besondere Rolle und Bedeutung Reich-Ranickis im deutschen Literaturbetrieb. Auf seinem publizistischen Werk liegt einer meiner Forschungsschwerpunkte, für mich war und ist er eine der prägendsten Gestalten nach Thomas Mann, gilt zu Recht als einzigartiger Hegemon unter den Literaturkritikern. Jeder, der sich mit Literaturkritik befassen möchte, sollte seine Texte studieren. Marcel Reich-Ranicki schätzt Thomas Mann, ist andererseits ein Kontrahent Walsers, ihn verwickelte er in schonungslose Kämpfe, führt seit Jahrzehnten unerbittliche Angriffe gegen ihn. Seine Rezension von Jenseits der Liebe (1976) kann als Prototyp einer Kampfschrift-Kritik gelten. «Es lohnt sich nicht, auch nur ein Kapitel, auch nur eine einzige Seite dieses Buches zu lesen», heißt es da. Die Sprache verweigere sich Walser, seine Diktion sei «saft- und kraftlos: In dieser Asche gibt es keinen Funken mehr.»
So wurde Reich-Ranicki Walser buchstäblich zum Albtraum – nach eigenen Angaben sah sich der Schriftsteller bis in seine Träume hinein von seinem Kritiker gejagt und verfolgt. Doch so hartnäckig Reich-Ranicki auch an seinem Urteil festhielt, nie hat er die außergewöhnlichen Fähigkeiten Walsers bestritten. In seinem Angriff auf den Roman Halbzeit (1960) räumte er ein: «Vielleicht hat noch nie ein so schlechtes Buch so große Begabung erwiesen.» Ein fliehendes Pferd lobte er als ein «Glanzstück deutscher Prosa», Walser als einen der «originellsten Schreiber seiner Generation». Immer wieder hat er Walsers Esprit, dessen «Fabulierfähigkeit und Formulierungskraft» besungen, um ihn dann erneut aufs schärfste zu tadeln, als könne er ihm vor allem eines nicht verzeihen: die Verschwendung seines Talents.
Walser stand seinem Antipoden indes in nichts nach. Die Kritik an Jenseits der Liebe parierte er mit der Streitschrift Über Päpste (1977), in der er besonders rabiate Literaturkritiker mit Päpsten verglich. Zur selben Zeit entstand vermutlich die Idee, Reich-Ranicki zu einer literarischen Gestalt zu verarbeiten. Schon in seinem Roman Ohne einander tauchte ein narzisstischer Kritiker von ungeheurem Selbstdarstellungsdrang auf, sein Name war Willy André König, von Kennern Erlkönig genannt, weil in seinen Armen kein Buch und kein Autor überlebten. Als Reich-Ranicki 1988 im «Literarischen Quartett» herausstellte, in Walsers autobiographischem Roman Ein springender Brunnen komme das Wort Auschwitz nicht ein einziges Mal vor, schlugen die Wogen erneut hoch. Walser war erbost und holte zum Gegenschlag gegen Reich-Ranicki, den Überlebenden des Holocaust, aus: «Jeder Autor, den er so behandelt, könnte zu ihm sagen: Herr Reich-Ranicki, in unserem Verhältnis bin ich der Jude.» Im Jahr 2002 hatte Walser schließlich Tod eines Kritikers beendet und Reich-Ranicki zur literarischen Karikatur gemacht.
Das Wissen um die Vorgeschichte hatte mich neugierig gemacht; ich war überzeugt, es müsse ein kontroverser, ein guter Roman sein. Nicht umsonst hat Walser über lange Zeit sorgfältige Recherchen zu dem einflussreichen und mächtigen Reich-Ranicki angestellt, zur Mediengesellschaft geforscht; er war zudem ein Schriftsteller mit geistigem Horizont und Weitblick. Wenn er über Reich-Ranicki schriebe, dann könne Rache nicht sein einziger Beweggrund sein, Haß nicht das alleinige Motiv, dessen war ich mir sicher. Als ich das Buch in die Hände bekam, überflog ich es erst einmal. Die Lektüre stimmte mich zufrieden, zum einen, weil ich meine Vermutung bestätigt fand: Walser zeichnet Reich-Ranicki als einen Charakter, der die Meinungshoheit in den Medien und insbesondere im Fernsehen innehat, und er betrachtet Reich-Ranicki mit dem Blick eines Ästheten. Zwischen den Zeilen entdeckte ich einen lebendigen Walser und einen authentischen Reich-Ranicki. Nicht weniger begeisterten mich Stil und Sprache. Der Roman hat Tiefgang, zeugt von Gelehrtheit, Geist und Witz, ist voller Ironie. (…)
"Bücher sind Gut oder Schlecht. Der Rest ist Korruption", diesen Satz führt Ehrl-König oft im Munde. Sollte ich Tod eines Kritikers danach bewerten, so würde ich sagen, es ist ein gutes Buch. Vor allen anderen würde ich Reich-Ranicki das wissen lassen. Mit Tod eines Kritikers wurde ihm zu Lebzeiten ein Denkmal gesetzt. Als einzigartiger und herausragender Literaturkritiker ist er eine historische Persönlichkeit.
Theoretisch gäbe es für ihn drei Wege, unsterblich zu werden: erstens durch das, was er geschrieben hat, zweitens durch die Biographien, die andere ihm widmen, und drittens dadurch, daß er zum Vorbild für eine literarische Figur wird. Dieser dritte Weg ist vielleicht der zuverlässigste und schnellste. Der majestätische und scheinbar unverletzliche Reich-Ranicki mag durch Tod eines Kritikers zum ersten Mal das Gefühl von Kränkung erfahren haben. Der mit der Literaturgeschichte wohlvertraute Reich-Ranicki dürfte sich allerdings ähnlicher Fälle erinnern, etwa an die durch den Zauberberg ausgelöste «Hauptmann-Unruhe», um nur ein Beispiel zu nennen. Das satirische Porträt Gerhart Hauptmanns, den Thomas Mann in der Gestalt von Pieter Peeperkorn auf den Zauberberg reisen ließ, empörte die Gesellschaft damals so sehr, dass Mann sich gezwungen sah, um Entschuldigung zu bitten. Doch währte die Unruhe seinerzeit nicht sonderlich lang, einige Jahrzehnte später gab die Witwe Hauptmanns sogar zu, daß der Zauberberg ihrem verstorbenen Mann ein durchaus ansehnliches Denkmal gesetzt hatte.
Ein gesunder Literaturbetrieb braucht die wechselseitige Aufmerksamkeit, die Fehden zwischen Kritiker und Schriftsreller. Solange es literarische und keine gewalttätigen Angriffe sind (es gab auch schon öffentliche Ohrfeigen), sind solche Kabbeleien mit Gelassenheit zu betrachten. Außerdem ist die Figur Ehrl-Königs unvergeßlich lebendig und liebenswert. Zuweilen kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, Autor und Werk wollten verschiedene Dinge. Reich- Ranicki könnte mit ruhigem und vielleicht sogar bewunderndem Blick auf die literarische Karikatur seiner selbst blicken.»
Aus dem Chinesischen von Karin Hasselblatt