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Auf die Frage, wovon sein neuer Roman handele, bekennt Martin Walser, dass es einfacher wäre zu sagen, wovon er nicht handele. Hier sind alle seine großen Themen gebündelt: Liebe und Vergeblichkeit, Lüge und Wahrheit, Glauben und Wissen. Muttersohn ist ein von Humor polierter Glaubensroman, ein Erleuchtungsbuch, in dem auch die Vernunft ihren Platz findet – nur nicht den von Aufklärungsfanatikern eingeforderten. «85 wird Walser im nächsten Jahr. Seit sechs Jahrzehnten schreibt er. Doch, so gestehen es ihm selbst hartnäckigste Kritiker zu: Er war nie so gut wie jetzt.» (Focus)
«Es ist eine helle Freude zu lesen, wie Martin Walser in fünf Großkapiteln und mit ungezählten Stimmen vom Suchen und Finden des religiösen Glaubens als schöner Sprech- und Lebenspraxis erzählt, wie er mystischen Tiefsinn mit erzählerischem Leichtsinn paart und sich gelegentlich im hymnischen Blödsinn erholt, wie er rituelle Einübungen in christliche Demut mit wilden Ausübungen von sprachlichem Übermut kreuzt …» (Spiegel Online) – «Das Buch strotzt nur so von Existenzialismen, Sätzen, die zu gut, zu wahrhaftig, zu markant sind, um nicht aufgeschrieben zu werden … Und das alles mit einem Intensitäts- und Identifikationsfuror sowie einer Sprachenergie, die alles tut, um die ihn schreckende Kategorie Alterswerk zu sprengen.» (Frankfurter Allgemeine Zeitung)
Muttersohn ist ein großer, aus dem Œuvre Walsers herausragender Roman, ein Buch wie ein fünfflügeliger Altar. Die Flügel heißen «Dem Leben zuliebe», «Dieses Leben», «Mein Jenseits», «Fortleben» und «Letzte Nachricht». Man könnte sagen: drei Teile Exposition, zwei Teile Exekution. Denn der Roman endet – nach so viel Glaubensinnigkeit und Glaubensseligkeit – wie ein Opernfinale. Bösewichte tauchen auf, das Gute, die Guten haben es schwer. Es wird geschossen, es wird gestorben, Fäden werden zusammengeführt, Dinge zu einem mitunter gewaltsamen Ende gebracht. Sogar eine Motorradgang namens The Jollynecks braust über die Bühne – eine von zahllosen überraschenden Volten des «Easy Writer» (Welt am Sonntag) vom Bodensee.
Von all den Figuren, die diesen Roman bevölkern, ragen vier heraus: Anton Percy Schlugen und seine Mutter Josefine, Klinikleiter Prof. Dr. Dr. Augustin Feinlein und sein gefährdetster Patient, Ewald Kainz.
Anton Percy Schlugen. Er ist ein Sonnenkind, eine messianische Figur. Einer, der trotz seiner Leibesfülle tänzelnd und schwerelos den Weg durchs Leben findet. Seinen Namen verdankt er der Mutter, Fini; er ist halb Parzival, halb Soulman Percy Sledge («When a man loves a woman»): ein Erwählter, ein «Engel ohne Flügel» – und als reiner Muttersohn eine biologische Sensation. Zu seiner Zeugung habe es keines Mannes bedurft, das hat ihm seine Mutter früh eingeschärft. Als begnadeter Redner und Prediger zieht er durch die Lande. Wer ihm, dem «Fürsten der Freundlichkeit» zuhört, ist verzückt. Percys Spezialität: die unvorbereitete, die ungeschützte Rede. Als gelernter Krankenpfleger kümmert er sich im Psychiatrischen Landeskrankenhaus Scherblingen um die schwierigen Fälle: mit Geduld, Schweigen, Zuhören. Vor allem der nach mehreren Suizidversuchen eingelieferte Patient Ewald Kainz bedarf seiner Hilfe – jener Kainz, der als platonischer Geliebter Finis durchaus sein Vater sein könnte. «Dass Sie mit Nazareth konkurrieren, ist Ihnen bewusst?», wird Percy in einer Talkshow gefragt. Es ist ihm gleichgültig. Hässliches und Bösartiges sind ihm fremd, perlen an ihm ab wie Regen. Aber auch schöne Seelen sind nicht gefeit gegen ein brutales Ende.
Josefine Schlugen, genannt Fini. Das Leben hat es mit ihr nicht immer gut gemeint. Mehr schlecht als recht schlug sie sich als Schneiderin und in anderen Berufen als Aushilfe durch. Nie geriet sie an die richtigen Männer; der schwierigste von allen war ihr Lebensgefährte Hugo Schwillk, ein ständig Arno Schmidt rezitierender Trinker und Schläger. Pech im Leben, Pech in der Liebe. Ihrer einzigen großen Liebe, dem mit Berufsverbot belegten 68-er-Lehrer Ewald Kainz, schrieb sie hingebungsvolle Briefe. Keinen schickte sie ab, alle las sie ihrem vaterlosen Kind vor. Percy war und blieb der einzig helle Punkt in ihrem Leben.
Prof. Dr. Dr. Augustin Feinlein. Von ihm, dem Chefarzt des Psychiatrischen Landeskrankenhauses Scherblingen, berichtet der dritte Teil des Romans («Mein Jenseits»). Zwischen Feinlein und seinem intriganten Rivalen Dr. Bruderhofer, einem überzeugten Schulmediziner, tobt ein vor, zwischen und hinter den Kulissen ausgetragener Kampf um die Macht in der Scherblinger Klinik. Dass Eva Maria, die geliebte Frau, ausgerechnet jenen Bruderhofer geheiratet hat, kann Feinlein kaum verwinden. Trost findet er nur in seiner Obsession für Reliquien und in der religiösen Kunst; um Caravaggios Bild der Madonna dei Pellegrini bestaunen zu können, fliegt er nach Rom. Der feingeistige Klinikleiter, der statt auf Neuroleptika auf ganzheitliche Heilung setzt, ist Percys Mentor und Ersatzvater, er brachte ihm Latein und Orgelspielen bei als spirituelle Grundausstattung. Feinlein, in seinem Schwanken zwischen Psychiatrie und Religion immer schon ein Gefährdeter, wird am Ende als Patient in der Klinik interniert, die er so lange leitete.
Ewald Kainz. Als man ihn nach Scherblingen einliefert, hat er den dritten Selbstmordversuch hinter sich. Als angeblicher DDR-Sympathisant («Es bestehen Zweifel an Ihrer Verfassungstreue») erhielt er Berufsverbot; als dann das Stottern kam, wurde er – Motorradlehrer. Hin und her gerissen zwischen zwei Frauen, der Logopädin und Chorleiterin Elsa, deren Liebe sein Stottern heilte, und der Psychotherapeutin Silvi verrennt er sich, kein Ausweg nirgends. Sein Dilemma: «Silvi immer wieder. Elsa immer.» Als er in Feinleins Klinik kommt, ist er körperlich gezeichnet und seelisch am Ende. Ein Verstummter, ein Verlorener. An ihm versagt sogar Percys Kunst, Verzagte ins Leben zurückzuholen.
Walsers Gewährsmänner, wenn es um inniges, seelenvolles Sprechen geht, sind die großen Mystiker Augustinus und Jakob Böhme, Emanuel Swedenborg und Heinrich Seuse. Und natürlich stromern auch Kleist und Hölderlin durch die weitläufige Scherblinger Anlage, ein vormaliges Prämonstratenserkloster, 1803 säkularisiert, mit einer Stiftskirche, Gärten, Stallungen – ein idyllisches Refugium für all die verwundeten Sonderlinge, allesamt, so scheint es, Verirrte und Verwirrte, Verlassene und Verlorene.
Muttersohn ist auch ein Buch mit den herrlichsten Glaubenssätzen: erhabenen, lustigen, ketzerischen. «Glauben heißt, die Welt so schön zu machen, wie sie nicht ist. – Glauben heißt Berge besteigen, die es nicht gibt. – Glauben lernt man nur, wenn einem nichts anderes übrig bleibt. Dann aber schon. – Aber dass der Glauben die Welt schöner macht als das Wissen, stimmt doch. – Unmöglichkeit kann man nur mit dem Glauben beantworten. – Du glaubst, was nicht ist. Dann ist es.»
Wenig habe ihm je so viel Schreibfreude bereitet wie dieser Roman, sagt Walser im stern-Interview; dank Percy habe er endlich den «hellen Ton» gefunden. «Alles war immer so schlimm und so schwer und so traurig. In mir war aber das Bedürfnis nach hellen Tonarten gehortet, nach C-Dur. Ich kann selbst nicht erklären, warum das in meinen Figuren nicht herauskommen durfte. (…) Der Leichtigkeit habe ich endlich einmal nachgegeben. Ich habe mich endlich gehen lassen ins Helle.»