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Kunst entsteht erst in der Differenz zum Leben. Das gelebte Leben, unmittelbar abgebildet, mag angestrebt werden. In der peinlichen Debatte um Helene Hegemann spielt dieses (naive) Ideal eine fatale Rolle. Authentizität ist, ästhetisch betrachtet, immer Ergebnis, nie Ausgangspunkt. Deshalb ist das Tagebuch eines Schriftstellers, in dem das Private als ausgestellte Intimität öffentlich wird, eine etwas problematische Gattung. Der Leser eines Tagebuchs ähnelt dem Voyeur, der sich durchs Schlüsselloch seinen Einblick verschaffen will. Das mag dann legitim sein, wenn die Biographie des Schriftstellers tatsächlich zum Verständnis seines Werkes beiträgt. Ich habe nie die Begeisterung über die Tagebücher Thomas Manns verstehen können. Sein wiederholt harter Stuhlgang hat mir die Gestalt des Adrian Leverkühn nicht näher gebracht. Der Fall liegt anders bei Kafka und wieder anders bei Martin Walser.
Aus einem einfachen Grund. Walser hat sein Leben zum Instrument seines Schreibens gemacht. Er hat sich als Seismograph eingesetzt, um die Ausschläge sozialer, politischer Erschütterungen am Individuum abzulesen. Er hat aus diesem Stoff ganze Dynastien geschaffen, die Kristleins, Horns, Halms und Zürns, Walsersche Helden, die, vom Bodensee kommend, durch alle Welt ziehen, und immer mit dem Empfindungsapparat ausgestattet sind, den er hier, in seinen Tagebüchern, überhaupt erst entwickelt hat. Geschichtsschreibung des Alltags nannte Walser einmal selbst sein Vorhaben. Es ist aber mehr: In seinen Büchern nimmt das Leben Gestalt an, es wird auch die Mentalitätsgeschichte, überhaupt die Geschichte der Bundesrepublik (wie übrigens auch die deutsche Teilung) geschrieben.
Walser kann viel, er kann beschreiben. Er kann erzählen. Er kann, virtuos wie kein zweiter, mit der Öffentlichkeit, den Medien spielen. Und er kann provozieren. Zudem kann er, absolut einzigartig, leiden – auch an den Reaktionen, die er selbst erst provoziert hat. Er ist spontan, impulsiv, zuweilen auch jähzornig. Zugleich aber ist er stets reflektiert. Stets legt er sich Rechenschaft ab, über sein Tun, sein Unterlassen, und vor allem über sein Denken. Walser dürfte der Klügste unter den deutschen Autoren des 20. Jahrhunderts sein, belesen, gebildet, und eben reflektiert. Und dieser Mann öffnet uns freiwillig die Tür zu seinem ansehnlichen Anwesen. Wir dürfen aufs Grundstück. Wir dürfen ins Haus. Wir dürfen dabei sein. Immer. Oder fast immer.
Ein Verdiener, vier Töchter, Grundwasser im Keller. Zoff zwischen den Kindern. Kritik knüppeldick. So richtig in den Schoß gefallen ist diesem Walser – nichts.
Und da, bei ihm, sind wir, seine Leser, jetzt wirklich eingeladen? Bei den Walsers, in Nussdorf, am Bodensee. Ja. Walser lässt uns mit am Tisch sitzen, wenn sich seine Töchter beim Essen streiten, zum Beispiel die beiden, aus denen später erfolgreiche Schriftstellerinnen werden sollten, Alissa und Teresia. Wir sind immer dabei, erleben die Angst mit um Johanna, die nicht nach Hause kommt. Wir leiden mit, wenn der Vater Franziska, die Schauspielerin, mit seinem Text, „Sauspiel“, in Hamburg auf der Bühne sieht. Wir sitzen mit an seinem Schreibtisch, wenn er Pläne entwirft, Figuren skizziert, Gedanken notiert. Wenn sich, ganz allmählich, der Chauffeur Xaver Zürn aus einem Gestrüpp von Ansichten und Absichten zu einer immer deutlicher konturierten Gestalt entwickelt.
Wir gehen mit ihm und seiner Familie auf Reisen, nach Virginia, in die USA, begleiten ihn nach Warwick, England. Wir nehmen an den Auseinandersetzungen mit seinem Verleger Siegfried Unseld teil, in einer schwierigen Freundschaft. Wir teilen auch seine Empörung über den unsäglichen Angriff Reich-Ranickis, der Walser mit seinem Roman Jenseits der Liebe, ins Abseits – «Jenseits der Literatur» – befördern wollte. Es lohne sich nicht, eine einzige Seite dieses Buches zu lesen, hatte der Literaturpapst ex cathedra verkündet. Wir sehen Walsers Wut, seine Ohnmacht, und die Mechanismen eines Literaturbetriebs, der damals begann, sich mit solchen Strategien Aufmerksamkeit zu verschaffen.
Wir lesen zugleich eine Literaturgeschichte der ganz anderen Art, etwa aus der Kollegen-Perspektive geschrieben. Es ist nicht immer und auch nicht für alle die vorteilhafteste Sehweise. Walsers Sottisen gegen Handke und Bernhard, seine ambivalente Haltung gegenüber Max Frisch und Uwe Johnson, all das wird uns wie hinter vorgehaltener Hand, doch offen erzählt. Wir dürfen dabei sein, wenn der Autor telefoniert oder unterwegs, auf einer Autofahrt, plötzlich den Wunsch verspürt, buchstäblich an Ort und Stelle, mit seiner Frau zu schlafen. Wir werden eingeladen, seine intimsten Regungen zu beobachten. Diese verblüffende, sich und anderen gegenüber oft schonungslose Offenheit darf aber nicht falsch verstanden werden: Walsers Tagebücher sind zwar oft intim, sehr intim sogar, aber sie sind kaum einmal indiskret.
Der jetzt vorliegende dritte Band der Tagebücher, vielleicht der spannendste überhaupt, umfasst auf fünfhundertvierzig Seiten die vier Jahre zwischen 1974 und 1978. Es sind die Jahre der erbittertsten Kämpfe, der schlimmsten Demütigungen, aber auch die seiner größten Erfolge. Mit dem Fliehenden Pferd galoppiert Walser endgültig an die Spitze der Bestseller-Listen. Um solche Erfolge zu genießen, fehlt es ihm allerdings an Naivität. Er sieht zu genau den Preis und die Bedingungen.
Im Nachwort zum zweiten Band hatte Walser über die «mögliche Unschuld» seiner Tagebücher nachgedacht, dabei zwischen «Aufschreiben» und «Hinschreiben» unterschieden, um die fließende Grenze zwischen Leben und Schreiben näher zu bestimmen. Natürlich bleibt jede angestrebte Unmittelbarkeit eine Illusion. Trotzdem wird das Ich, das sich auf seiner privaten Bühne präsentiert, zu einer literarischen Figur. Dieser Walser wird zum spannenden Typ, der uns, seine Leser, mitnimmt auf diese lange Reise, auf der sein Werk entstanden ist.
(Aus: Rowohlt Revue 89, Autor: Martin Lüdke)