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Martin Walser: Ein liebender Mann

©Alissa Walser

Juli 1823, Goethes dritter Bädersommer in Marienbad. «Bis er sie sah, hatte sie ihn schon gesehen. Als sein Blick sie erreichte, war ihr Blick schon auf sie gerichtet.» Die Begegnung mit der 19-jährigen Ulrike von Levetzow elektrisiert den Weimarer Geheimrat Goethe. Die schöne, kluge, hellwache junge Frau, die «Contresse Ulrike» – «Comtesse und contre, ist ja alles französisch in dieser Schule» – lässt ihn noch einmal all die Glückseligkeit und all den Schmerz einer großen Liebe empfinden … Jeder neue Roman von Martin Walser ist ein Ereignis. Bei diesem scheint es für Publikum und Feuilleton nur eine Frage zu geben: Ist es einer seiner schönsten – oder Walsers schönster?

Schlank, dezent, geradezu züchtig …

«Der zarteste, unerbittlichste, versöhnlichste Roman, den er geschrieben hat … Purer, reiner, beglückender Walser-Sound.» (FAZ). «Selten ist die Liebe in ihrer ganzen Leidenschaftlichkeit und Lächerlichkeit so zerreißend dargestellt worden wie hier. Für Goethe genügen nur die größten Gefühle. Walser liefert sie ihm.» (Deutschlandradio) «Martin Walser übertrifft, sprachmächtig, nicht nur sich selbst, sondern auch so manche berühmte Goethe-Schilderung der deutschen Literatur.» (SZ) Selbst die gestrenge Sigrid Löffler zeigt sich beeindruckt: «Eine wohltuend schlanke, dezente, geradezu züchtige Dichtung.» (Literaturen)

Zurück nach Marienbad, in die böhmische Sommerfrische des Jahres 1823, wo Goethe den Levetzow-Damen, den drei Töchtern samt Mutter Amalie, seine Aufwartung macht. Aber nur Ulrike ist ihm ein wirkliches Gegenüber: ein begehrenswertes Geschöpf, sinnlich, aufgeweckt, intellektuell anziehend. Anders als die Schwärme von Ja-Sagern, die den Dichterfürsten sonst umflirren und umschmeicheln, ist sie stets aufrichtig zu ihm. Stellt ihm Fragen, die niemand sonst ihm stellt. «Seit ich jetzt Bücher von Ihnen lese, sagte Ulrike, quält es mich, dass ich in keinem Augenblick weiß, wer Sie sind. Immer dieses allerhöchste Geflunker. Wunderbar wird da geredet, gedacht, gefühlt, aber wer ist er?»

Wer er ist, diese Frage interessiert Goethe nicht einmal am Rande. Aber was er ist, umso mehr. Er ist verliebt. Verliebt in einer solchen Heftigkeit und Unbedingtheit, dass es ihn selbst ängstigt. Denn er ist wahrlich alt genug, um eines sicher zu wissen: Diese Liasion wäre ein Affront, ein gesellschaftlicher Skandal, nicht nur er kann schließlich 1 und 1 zusammenzählen. «Wenn er, 74, sie, 19, heiraten würde, wäre sie, 19, die Stiefmutter seines Sohnes August, 34, und seiner Schwiegertochter Ottilie, 27.» Daran gibt es nichts zu deuteln: 74 minus 19 gleich 55, «eine ungeheuerliche Zahl». Aporien des Alters, Paradoxien der Liebe.

Autoreninfo

geboren 1927 in Wasserburg, lebt in Überlingen am Bodensee. Für sein literarisches Werk erhielt er zahlreiche Preise, darunter 1981 den...
mehr über den Autor
«Geschmacklosigkeit! Verruchter Lustgreis! …

… Trauriges Ende einer großen Figur!» Natürlich waren sie beide, Goethe und Ulrike, längst zwischen Zürich und Hamburg in aller Munde, «als Gerücht, als Briefgeplauder und Tagebuchprosa». Aber was half es? Nichts half es. «Das war sein Zustand: Ulrike oder nichts.» Sie war das Mädchen, das ihm den Schlaf raubte. Die Sinne verwirrte. Die Fassung verlieren ließ. Und ihn zum glücklichsten, traurigsten, verzweifeltsten Mann unter dem Himmel machte. «Es gibt das Paradies: Zwei für einander. Es gibt die Hölle: Einer fehlt.»

Die Ulrike von Levetzow, die Martin Walser modelliert (und nicht die historische Ulrike, die 1899 hochbetagt als Stiftsdame starb, 67 Jahre nach Goethe), ist für den Dichterfürsten kein «Sommergeplänkel». Sie ist die Frau aller Frauen, wie er sie in der Marienbader Elegie imaginiert Die anderen Goethe-Frauen und -Liebschaften blitzen in seiner Erinnerung auf, um vor der bezaubernden Präsenz dieser 19-Jährigen zu verblassen, zu verschwinden. Friederike mit ihrer «bloßen Mädchenhaftigkeit». Charlotte Buff, «die große Sentimentale». Christiane, «das große Gefühl, das sich nicht zu groß war für jede Anpassung». Marianne, die es «durch eine ungeheure Seelenenergie schaffte, sich bis zur Selbstauflösung anzuverwandeln».

Dann der Schock beim Tanztee im Palais Klebelsberg – Auftritt: Herr de Ror. Der Mann ohne Vorname, Virtuose in 17 Sprachen, reich geworden im Orienthandel, ein draufgängerischer Schönling, ein mitreißender Tänzer. Und unendlich viel jünger als Goethe. Aber auch ein de Ror kann nicht verhindern, dass Goethe an seinem 74. Geburtstag, dem «Sargnageldatum», beim Aufstieg zur Diana-Hütte in Karlsbad mit Ulrike Augenblicke des innigsten Glücks, der seligsten Liebe erlebt. In jenen vier Stunden, in denen sie Du zu einander sagen, in denen sie sich nah sind wie nie zuvor und nie mehr danach. «Exzellenz, ich habe dich angesteckt, sagte sie. Ich dich, sagte er. Wir uns, sagte sie. Er flüsterte: Dass du immer das letzte Wort haben musst, macht mich am glücklichsten. Aber, sagte sie, auch geflüstert, du hast, weil du nicht unkommentiert lassen kannst, das letzte Wort gehabt.»

«Feuer, Liebe, Vers»

Martin Walser lotet in Ein liebender Mann die Tiefen und Weiten einer Sprache der Liebe aus, mit Worten und Sätzen von großer Kraft und Zartheit, beherrscht, anrührend, leidenschaftlich. Das Schwelgen im Rausch der Vorfreude auf die nächste Begegnung, die Qual des nagenden Zweifels, das Deuten der unscheinbarsten Zeichen, die Sehnsuchtsverwirrung, all das Hoffen und Bangen. Es gibt diesen fulminanten Satz in dem ZEIT-Gespräch mit Martin Walser und Günter Grass vom Frühsommer 2007: «Wer ein Jahr jünger ist, hat keine Ahnung.» Vielleicht muss man ein gewisses Lebensalter erreicht haben, um ein derart weises, leuchtendes, kluges Buch über Goethes letzte Liebe zu schreiben.

Dass diese Liebe als Entsagung enden muss – daran besteht für uns Leser von der ersten Zeile, vom ersten Blick zwischen dem alten Mann und der jungen Frau kein Zweifel. Was der Entzückung beim Lesen nicht im mindesten Abbruch tut. Denn «dreierlei», so Goethe, «kann man nicht bei sich behalten: Feuer, Liebe, Verse.»