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Markus Kavka: Rottenegg

© Lula

Markus Kavka, jahrelang als Frontmann bei Viva und MTV das «Gesicht des deutschen Musikjournalismus», schreibt einen Roman über den Pop-TV-Moderator Gregor Herzl, das «Gesicht des Musikjournalismus» … Kann das funktionieren? Ja, kann es, sogar sehr gut. Weil Kavka für seinen Debütroman einen reizvollen Blickwinkel wählt: Wie fühlt sich das Leben für einen an, der innerhalb von Stunden Szene-Job und Glamour-Freundin verliert? Der von null auf hundert vor den Trümmern seiner Existenz steht? Wir begleiten Kavkas Helden, der mit dem wahren Kavka nur ein paar flüchtige biographische Bezugspunkt teilt, auf seinem Weg aus der lärmenden Großstadt ins beschauliche Rottenegg in Bayern. Heimat, süße Heimat? Das kann nicht lange gut gehen …

Als sein Chef Fritz Kuchler zum fünften Mal den Satz «Des is kaa Rock ‚n’ Roll mehr, Grex!» zum Besten gibt (was aus seinem Mund wie «Raggnroi» klingt), hat Gregor es längst kapiert. «Sei froh, dass du raus bist aus dem Affenhaus. Verstehst schon, wie ich’s mein, oder, Grexi?» Also ab ins Personalbüro, Papiere abholen, Abfindung aushandeln. Vielleicht kein schlechter Zeitpunkt für einen Abflug. Mit 40 als Berufsjugendlicher bei Pop TV sein Gnadenbrot zu beziehen, das kann’s ja wohl nicht gewesen sein. Der nächste Karriereschritt wartet, das seriöse Fernsehfach, irgendwas bei den Öffentlich-Rechtlichen. «Ich wollte gar nicht den Umweg über RTL, Vox oder die anderen Prekariats-Sender nehmen.»

«Dann hab ich halt das Moped angezündet ...»

Die Welt des Gregor Herzl zerbricht genau in dem Moment in tausend Stücke zerbrochen, als er seine heiß geliebte Wilma in flagranti mit ihrem Schauspielerkollegen Daniel im Bett erwischt. Ende, Aus, Alkohol. Absturz. Koks. Heulerei. Schlafmittel. Antidepressiva. Intensivstation der Charité. Endlich Ruhe. Und dann: ab nach Hause, aufs Land nach Rottenegg. Zu Mama und Papa, zu Platzerl und Weihnachtsgans. Alles weitere wird sich finden.

Nach ein paar Wochen in der bayerischen Provinz stellt sich bei Herzl langsam ein ganz angenehmes Lebensgefühl ein. Von den Sorgen des Alltags fühlt er sich gänzlich unbehelligt: genügend Kohle aus der Pop-TV-Abfindung. dazu die Segnungen von Hotel Mama. Mit seinem alten Spezl Edgar Brandl, dem Eddie, zieht er um die Häuser. Legt in der Disco auf. Gibt beim HSV Rottenegg als Torjäger den dicken Maxe, ganz der neue alte local hero. Und legt sich mit der hübschen blonden Johanna von der Sparkasse, dem «schärfsten Hasen von Rottenegg», eine Freundin zu, die richtig was hermacht.

Bier und Wodka fließen in Strömen, die Erinnerungen an die Heldentaten von früher kommen und gehen. Beispielsweise an Gregors beste Saison seines Lebens, als ihm alles gelang und der Fußballgott ihn Tore schießen ließ, eins ums andere und eins schöner als das andere. Bis Brutalo Danze Danzinger von einem konkurrierenden Dorfverein nach allen Regeln der Kunst zutrat, nachdem er zum zigten Mal getunnelt worden war. Knie kaputt, Saison beendet, Karriere vorbei. Gregor rächt sich auf seine Weise mit seinem Kumpel Eddie: In einer Nacht-und-Nebel-Aktion zünden sie Danzingers Honda MTX 80 an. Rache ist süß.

Autoreninfo

Markus Kavka, Jahrgang 1967, ist seit anderthalb Jahrzehnten das Gesicht des deutschen Musikfernsehens. Seit 2009 ist er mit Sendungen beim ZDF, Kabel...
mehr über den Autor
«Es gibt halt Stadtleut und Landleut»

Nicht unschmeichelhaft schließlich das Angebot von IngoTV, dem Ingolstädter Lokalradio. Eine um seine Person gestrickte Personality-Show, «eine Mischung aus Harald Schmidt und einem regionalen Kerner». Professionell produziert, gut honoriert. Gregor Herzl ist kurz davor zu vergessen, wer er ist, was er war, wofür er sich wirklich begeistert. Nur sein Onkel Norbert (mit dem es dank der Einwirkung eines original bayerischen Bierkrugs bald ein trauriges Ende nehmen wird) sagt ihm klipp und klar, was er von einer «Dauerperspektive Land» hält: nichts, rein gar nichts. «Es gibt halt Stadtleut und Landleut. Und du bist keiner von den Landleuten, glaub mir.»

«Hör mir auf mit Rottenegg», hatte Norbert ihn beschworen. «Die Heimat ist genau drei Tage lang schön, danach schnürt’s mir den Hals zu.» Bis es Herzl in der bayerischen Provinz den Hals abschnürt und das Rückzugsgebiet zum Kriegsschauplatz wird, dauert es wirklich nicht mehr lange. Als in Berlin ein neues Sat.1-Format lockt, ist Rottenegg Vergangenheit. Als dann auch noch Wilma und er sich wieder näherkommen, sieht es aus, als könnte das Leben eine seiner wunderbaren, aufregenden Wendungen nehmen.

Dann geschieht die Katastrophe – und Schluss ist es mit «Raggnroi»…