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Alles, was mit Israel zu tun hat, ist ein Politikum. Das beginnt beim Status von Gaza und der Westbank, zieht sich über die Dogmen koscherer Haushaltsführung und endet noch längst nicht bei der Spezifik der Liebesverhältnisse. All das hat Markus Flohr in dem einen Jahr erlebt, das er als Student im «Heiligen Land» zubrachte. Wo samstags immer Sonntag ist, der Bericht über seine Zeit in Israel, liest sich leicht, geradezu beschwingt, weil ihm das Kunststück gelingt, eine temperamentvolle Reportage mit romanhaften Zügen zu schreiben. Gerade in den Dialogpassagen fängt er die Zerrissenheit und Widersprüchlichkeit eines Landes ein, für das die Allgegenwart von Bedrohung und Gewalt Alltag ist. «Besser kann man den Nahostkonflikt nicht erklären.» (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung)
Markus Flohr, Absolvent der Henri-Nannen-Schule und Redakteur bei Spiegel Online, fliegt im Oktober 2008 nach Jerusalem, um dort sein Geschichtsstudium durch eine markante Auslandserfahrung zu bereichern. Und die beginnt gleich im Flugzeug. Sein Sitznachbar Friedrich, Anfang 20, dichter roter Bart, Geheimratsecken, Zivildienstleistender in einem Jerusalemer Krankenhaus, nordet den Israel-Novizen mit einem Bombardement an Meinungen und Prinzipien ein. Hier fliegen die Fetzen, unentwegt: «Du kommst in das Land der Menschen, die unsere Großväter nicht erwischt haben. – Also mein Opa war kein Nazi. – Ich meine auch gar nicht deinen Opa als Person. Den kennt hier außer dir keiner. Du kommst in das Land der Menschen, die Auschwitz entkommen sind. Wie taktlos ist das denn? Vielleicht wäre eine Einreisestopp eine gute Idee. Ein hundertjähriger Einreisestopp für Deutsche. Ach, ein tausendjähriger. Ein Israel-Moratorium.»
Aber da es keinen Einreisestopp für Deutsche gibt, landet Markus schließlich wohlbehalten in Israel. Zunächst einmal muss er frustriert feststellen, dass er bei der Online-Zimmervermittlung gelinkt wurde: 400 Euro futsch. Schließlich findet er in einem uncoolen Viertel von Jerusalem eine WG. Und die hat es in sich. Seine Mitbewohner sind der chaotisch-anarchische Fotograf Simson, dessen Lebenselixier Party, Drogen, Frauen, Fußball und zynisches Politisieren sind – für Markus ein Bruder im Geiste. Ganz anders der orthodoxe Joel (der verbissen versucht, so viele der 613 Gebote Gottes einzuhalten wie möglich, was seinem Leben einen heftigen Schuss Stress beschert) und die angehende Juristin Ruth; sie versuchen mit eiserner Hand die Prinzipien einer koscheren Küche durchzusetzen. Mission impossible! «Simson passt so gut zu Ruth und Joel wie Kurt Cobain in den Ortsverein der Jungen Liberalen in Bonn-Bad Godesberg.»
Kaschrut heißt das Zauberwort in der Patchwork-WG. Alles koscher oder was? Alles koscher, ganz genau. Das Prinzip: strikte Trennung von Milch- und Fleischprodukten (Teller, Schüssel, Bestecke inbegriffen). Markus ist verwirrt – und begeht Fehler um Fehler. «Waren nun die roten Sachen fürs Fleisch? Rot = Blut? Oder genau umgekehrt? Blau = Rohes Fleisch? Holy shit.» Zum Glücl lautet eine Kaschrut-Lektion: So wie Küchen ent-koschert werden können, lassen sie sich auch re-koschern. Gott sei’s getrommelt und gepfiffen, denkt sich Markus.
Auch in der Liebe existiert kein unvermintes Gelände. Die Kunststudentin Noa, in die sich Markus verguckt hat, konfrontiert ihn gleich mal mit den wirklich wichtigen Dingen des Lebens – kein Wunder, ist sie doch selbst als Mizrachi, als Middle-Eastern-Jüdin (Vater Iraki, Mutter Perserin) selbst mit allerlei Vor- und anderen Urteilen konfrontiert. «Es ist wirklich schade, dass du kein Jude bist. I mean: Look at your nose.» Und: «Du bist Deutscher. Dein Großvater war ein Nazi. Dein Vater ein Pastor? Ich fasse es nicht. Und du bist nicht einmal beschnitten.» So viel zum Romantik-Level einer deutsch-israelischen Liaison.
Das geht zwar an die Adresse Simsons,, aber der Wutausbruch Joels hätte genauso gut den deutschen WG-Mitbewohner treffen können. Bei Flohr lernen wir jede Menge über Israel (und über uns als Deutsche im Allgemeinen und Israel-Besucher im Besonderen). Zum Beispiel dass jeder zwei Gründe hat, in dieses Land zu fahren: einen offiziellen und einen, den er verschweigt. Dass der Bus nach Tel Aviv der schnellste Weg ist, von Jerusalem aus ins Ausland zu fahren, ohne Israel zu verlassen. Und, ganz wichtig: «Wie fasst man alle jüdischen Feste in drei Sätzen zusammen? 1. Sie wollen uns vernichten. 2. Wir haben überlebt. 3. Lasst uns essen.»
Wir erfahren weiter, dass Arabisch eine sehr einfache, eingängige Sprache ist, die im Wesentlichen aus drei Wörtern besteht (Achlan, Challas und Habibi – na, lass es vier sein, wenn wir An Nakba noch dazu nehmen). Dass «Israel beinahe überläuft vor Menschen; die komische Theorien haben.» Dass von den 500 Siedlern in Hebron 499 aus Brooklyn stammen (sagt Simson). Und dass man zwar locker nach Ramallah kommt, dann aber ungebremst auf verselbständigte eigene Phantasmen stößt: «Ramallah, das klang für mich nach Arafat, PLO, Fatah, Hamas, nach dem wilden Arabistan, nach Sonne, Staub, Olivenbäumen. Nach paramilitärischem Trainingslager. Nach Reisewarnung, Rohrbombe, Sprengstoffgürtel, nach Bürgerkrieg,. Nach Besatzung, Sechstagekrieg, Entführungen. Kurz: nach Ärger. Man hat so seine Vorurteile.»
Die größte Überraschung an Markus Flohrs unterhaltsamem Bericht ist der Nachweis, dass man über ein kompliziertes Land wie Israel so voller Lust und Spaß schreiben kann. Etwa wenn Markus den Gottesdienst in der deutschen Erlöserkirche in Jerusalem besucht, wo Kumpel Friedrich die Orgel schlägt: «Sie ist schlicht und bescheiden, ein protestantischer Wartesaal mitten im durchgedrehten Theater der Altstadt. Als würde man Helmut Schmidt bei Tokio Hotel auf die Bühne setzen …»